"FRAGEN, FRAGEN, der hört überhaupt nicht mehr auf." Der verhaftete Schwarze auf einer Pariser Polizeistation ist verzweifelt. "Ich fürchte mich vor Verhören, mein Kopf ist verstopft von den ganzen Fragen: Wer bist du? Wo kommst du her?" Nur was er getan hat, ist der Polizei klar: Er soll einen Menschen ermordet haben.

Aber der schwarze Erzähler in Wilfried N'Sondés Roman Das Herz der Leopardenkinder kann sich an nichts erinnern. Betrunken war er von einer Party auf dem Weg nach Hause – das ist das Letzte, was er weiß. In der Gefängniszelle erzählt er seine Geschichte. Ein Stream of Consciousness, der den Leser mitreißt, mal beschwörend, mal elegisch, mal poetisch und mal voller Wut. Und immer wieder diese Fragen: "Wer bist du? Wo kommst du her? Warst du gut in der Schule?"

Seinem Freund Drissa, mit dem er in einem der Pariser Vororte aufgewachsen ist, gibt er in seinem Selbstgespräch manchmal eine Antwort. "Du solltest endlich begreifen, dass das, was du machst, nicht farbig ist. Hat Mozart denn weiße Musik geschrieben? Verbissen begeisterst du dich für afrikanische Kunst und schwarze Musik. Schüttel mal eben dein Hirn durch, schnell, es wird Zeit."

Wilfried N'Sondé stammt selbst aus einem dieser Vororte. Als er fünf Jahre alt war, zog seine Familie aus dem Kongo nach Frankreich. Er studierte Politologie an der Sorbonne, lebt seit 16 Jahren in Berlin, betreut benachteiligte Jugendliche, macht Musik, komponiert, ist Schriftsteller. Er weiß also, wie es einem Schwarzen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft geht.

Zum Beispiel geht es seinem namenlosen Erzähler wie Markus Cheng, dem Detektiv in den Kriminalromanen des Österreichers Heinrich Steinfest. Dem sehen die Leute ins Gesicht und fragen ihn nach den Menschenrechtsverletzungen in China. Dabei ist Cheng durch und durch Österreicher und spricht kein Wort Chinesisch, seine Füße haben noch nie chinesischen Boden berührt. N'Sondés Erzähler ist zwar Afrikaner, aber die Fragen an ihn bleiben dieselben: "Wie, du bist nicht dort geboren? Du sprichst nicht mal deine Sprache?"

Letztlich aber ist es die Sprache, die ihm in der Zelle Hoffnung gibt – auch wenn es die Sprache der ehemaligen Kolonialherren ist. "Horch hinter die Wörter, mein Bruder, dort scheint es nur Menschen zu geben." Der Fluss der Erinnerung bietet keinen Halt, aber eine Bewegung. Darin taucht immer wieder die Erinnerung an Mireille auf, seine große Liebe, die er seit seiner Kindheit kennt. Ihre Eltern sind arme Juden, kamen auch aus Afrika, aus dem Norden, aus Algerien, nach dem Unabhängigkeitskrieg. Erotische Erinnerungen an eine Freundin, die ihn verlassen hat, um nach Israel zu gehen, dort, wo sie meint, eine wirkliche Heimat zu finden. Erinnerungen, die bisweilen in ihrem Ton an die Gedichte Leopold Sédar Senghors erinnern. Dem Dichter der Négritude, der in den vierziger und fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit den Mitteln der europäischen Dichtung Afrika und den Afrikanern eine Identität nach westlichem Maßstab zu geben versuchte. Der in seinen Gedichten die Schönheit der schwarzen Frauen besang.