Im deutschen Fernsehen wird zur Zeit so scharf geschossen wie schon lange nicht mehr. Im Fokus: das Fernsehen selbst. Marcel Reich-Ranicki bemühte sämtliche Kraftausdrücke der Abscheu, um zu beschreiben, was ihm bei der Gala zum Deutschen Fernsehpreis am Samstag vor einer Woche widerfahren war. Verblödet. Scheußlich. Infam. Eine einzige Zumutung.

Reich-Ranickis Hang zur Selbstinszenierung ist bekannt. Er war schon zu Zeiten des Literarischen Quartetts der Poltergeist, der – wie es der Musikkritiker Joachim Kaiser jüngst ausdrückte – selbst dann ungeduldig würde, wenn Gott höchstpersönlich länger als fünf Minuten spräche und nicht er. Die Weigerung des 88-Jährigen jedoch, den Ehrenpreis für seine Lebensleistung anzunehmen, und sein anschließendes Pamphlet, lösten einen erstaunlichen Dammbruch aus. Aus allen Richtungen flogen plötzlich Giftpfeile gegen die Senderverantwortlichen und ihre Programmpolitik. So als wäre das Fernsehen erst seit heute so, wie es ist.

In vorderster Front: Elke Heidenreich. In beispielloser Härte ging sie in der FAZ auch auf ihren eigenen Sender los. Sie beschimpfte die Intendanten als "verknöcherte Bürokarrieristen, die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso." Ihr Furor gipfelte in dem Fazit: "Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten. Von mir aus schmeißt mich jetzt raus." Woher kommt der jähe Zorn?

Das ZDF, Mitausrichter des Deutschen Fernsehpreises und Heimstatt von Heidenreichs Literatursendung Lesen! , ist um Schadensbegrenzung bemüht. Programmdirektor Thomas Bellut zeigte sich in einem Interview mit der SZ "persönlich enttäuscht". Das Maß der Kritik halte er für "weit überschritten". "Ich frage jetzt mal Frau Heidenreich", sagte er, "können Sie denn überhaupt noch für einen Sender arbeiten, den Sie ja so schrecklich finden?" Die Zeichen stehen auf Abschied. Es wäre die erste Konsequenz einer Debatte, die bislang nur polemisches Hauen und Stechen kennt und an der Sache selbst kaum Interesse zeigt.