Unterricht

Schüler als Lehrer

Man lernt am meisten, wenn man sein Wissen anderen erklärt. Warum wird in Schulen kaum danach gehandelt? Vierter Teil einer Spurensuche im Bildungstal

Schueler als Lehrer
Anders lernen: Schüler unterrichten ihre Klassenkameraden

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Im Leistungskurs Französisch steht Michaela vor der Klasse. Sie hält einen Vortrag über den Ursprung des Chansons auf den Schlachtfeldern des Mittelalters. Mit drei Mitschülern hat sie sich vorbereitet. Sie erzählen kleine Geschichten. Alles auf Französisch. Die Klasse ist konzentriert, ernsthaft und gelassen. Zuletzt entdeckt man hinten in der Ecke den Lehrer. Ein Lehrer? Eher ein Beobachter. Er unterbricht die Schüler selten. Doch sein Gesicht spiegelt das Geschehen an der Tafel wider. Lautlos spricht er Wörter von Michaela nach. Wenn sie nach den richtigen Ausdrücken sucht, schiebt er den Kopf vor und nickt ihr wie ein Magier zu. Wirkt das nicht, souffliert er.  

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Am Willibald-Gymnasium in Eichstätt unterrichten in den meisten Stunden die Schüler. Der Lehrer wirkt eher wie ein Regisseur. Er arbeitet mit den Darstellern am Drehbuch für die Stunden, coacht die Mannschaft. Hauptdarsteller will er nicht sein.

Der Lehrer ist Jean-Pol Martin, Professor für Französischdidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt. Im Sommer wurde er pensioniert. Martin ist einer der Erfinder des Konzepts „Lernen durch Lehren“ (LDL). Weil man so etwas nicht am Schreibtisch entwickeln kann, unterrichtet er auch am Willibald-Gymnasium.

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Die Schüler sind begeistert. Sie werden weniger unterrichtet als aufgerichtet. Aber verfestigen Schüler dabei nicht ihre Fehler? Martin nickt, erst nachdenklich, dann begeistert: „Genau, Fehler machen, das ist wichtig“, sagt er. „Ich will im Unterricht Widersprüche entstehen lassen.“ Wer das zum ersten Mal hört, runzelt die Stirn. Doch Martin setzt noch eins drauf. „Mein Unterricht schafft Unklarheiten. Der traditionelle Unterricht versucht immer nur, Klarheit zu schaffen.“ Letzteres sei auch nicht ganz falsch, räumt er ein, denn zum Lernen brauche man beides. Aber der entscheidende Rohstoff sei das Unfertige. „Menschen kommunizieren nur dann, wenn ihnen etwas nicht klar ist.“ Die Schüler müssten ihre Unklarheit selbst in Klarheit verwandeln.

Nach einem Vormittag bei Martin versteht man, warum gewöhnlicher Unterricht oft so bleiern ist. Schüler werden Tag für Tag mit Antworten auf Fragen zugeschüttet, gleichzeitig haben sie kaum Chancen, Fragen überhaupt zu stellen. Sie sollen kopieren und nicht wie bei Jean-Pol Martin nachahmen und improvisieren. Ein feiner, doch alles entscheidender Unterschied. Kopieren ermüdet. Manche verlernen dabei das Lernen. Und das ist gar nicht so leicht, denn unser Gehirn kann eigentlich gar nicht anders als lernen. Es ist, wenn man es ihm nicht abtrainiert, geradezu süchtig nach Neuem.

Jean-Pol Martin ist so alt wie Mick Jagger und hat ebenso viel Elan. Er gehört zu der seltenen Spezies subversiver Konstruktivisten und nicht zu denen, die erst einmal den totalen Systemumbau fordern, bevor sie selbst handeln. Stattdessen kultiviert er seinen radikalen Alltag. Er gibt keine Noten. Das lässt sich also auch in Bayern mit Eigensinn und Power durchsetzen, zumal wenn die Ergebnisse stimmen. „Noten sind Gift“, sagt Martin. Warum? „Wenn ich Noten gebe, dann induziere ich Angst.“ Stattdessen verlangt er von Schülern, sich auf Neuland zu begeben und Fehler zu machen. Nur eins dürfen sie nicht: vorgeben, etwas zu wissen, was sie nicht wissen. Das sei Dummheit. Stattdessen will Martin den Schülern die Sicherheit vermitteln, von der aus sie sich in Unsicherheit wagen. 

Die hellwachen Jugendlichen in seinem Leistungskurs sind der beste Beweis, dass das funktionieren kann. Skeptiker strecken die Waffen, wenn sie hören, dass Martins Eleven im bayrischen Zentralabitur lauter Einser bekommen. Die Schüler können das selbst erklären: „Man passt viel besser auf, wenn Schüler statt Lehrer vorne sitzen und etwas erklären“, sagt Michaela. Andere ergänzen. Die Schüler sind sich einig, dass der Vortragende am meisten profitiert. Letztlich werde doch jeder Fehler von jemandem bemerkt. „Ist es denn schlimm, wenn ich Fehler mache?“ fragt Michaela. „Dafür bin ich doch in der Schule.“ Ist das auch die Überzeugung der anderen Lehrer? „Nein, hier an der Schule nicht“, sagt sie mit leiser werdender Stimme.

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Leser-Kommentare

  1. Jean-Pol Martin und seine gleichgesinnten Kollegen sollten den nächsten Friedensnobelpreis bekommen.
    Ich meine das nicht ironisch und finde es auch nicht übertrieben angesichts der unzähligen Verletzungen, welchen viele Kinder tagtäglich ausgesetzt sind.

    • 22.10.2008 um 16:15 Uhr
    • Isaidy

    Binsenweisheit, auf die das Gesamtschulkonzept von vornherein durch binnendifferenziertes Lernen baut. Schüler erklären einander, erarbeiten gemeinsam in Gruppen, jeder profitiert, der Lehrer coacht lediglich, gibt Hilfestellung, wenn notwendig. Man nannte das seitens der Konservativen lange Zeit "Einheitsschule", jetzt experimentieren sogar die "ehrwürdigen" Gymnasien mit dieser Lehrmethode, sieh an. Wie schön, dass sich doch was tut, dass Schulleitungen und einzelne Lehrer hier und da den Mut haben, alte Strukturen aufzubrechen und umzudenken. Längst ist erwiesen, dass begabtere Kinder vom Lehren ihres Wissens pofitieren und nicht ihrer Begabungen beraubt werden, nur weil sie mit minderbegabten Kindern zusammen beschult werden. Alles eine Frage des Konzeptes. Längst ist auch bewiesen, dass Frontalunterricht nicht dazu geeignet ist, die Reserven der Kinder zu mobilisieren, weil sie sich nicht ausreichend in den Unterricht einbringen können. Nach wie vor kann nur gelten, den Schulen den Weg zu den festgelegten Abschlüssen selbst zu überlassen und sich der Selektion der Eltern/Schüler mit ihren Konzepten und Erfolgsquoten zu stellen. Nur derartiger Wettbewerb kann die Schullandschaft aufpeppen und zu mehr Leistungsfähigkeit führen.

    • 22.10.2008 um 20:58 Uhr
    • abot

    Und warum dauert das soooooo lange in Deutschland bis diese Erkenntnisse wahrgenommen werden und wann setzt es sich allgemein durch? In den USA und England ist sie üblich. Ich selbst erinnere mich noch mit Grausen an das deutsche Papageien Schulsystem.

    Ich denke das deutsche Beamtensystem müsste zuerst mal so richtig durch gerüttelt werden bevor sich das deutsche Schulsystem verbessern kann. Warum sollten Lehrer Neues ausprobieren, wenn sie unkündbar und unbewertbar sind? Auch das dreistufige Schulsystem ist veraltet und sehr ungerecht. Kinder haben unterschiedliche Entwicklungsstufen und Elternhäuser und schon nach der vierten Klasse eingestuft zu werden von oft überforderten Lehrern ist absurd.

  2. Und wieder wird eine Methode zum Nonplusultra erhoben. Dabei sind Methodenwechsel und Variationen unabdingbar für Unterrichtserfolg. Nur so erreicht man langfristig jeden Schüler mal.

    Dieser Absolutheitsanspruch, den Vertreter bestimmter Methoden für sich erheben, nervt z.T. schrecklich. Ich hatte auch das Glück, unter einem Politikdidaktikdozenten zu "dienen", der auch meinte, er hätte die einzig wahre Wahrheit in Sachen Politikmethodik entwickelt. Dabei hing sein striktes Methodenkorsett den Schülern spätestens nach dem zweiten Durchgang zum Halse heraus. Aber ihm reichte die Bestätigung des ersten Duchlaufs.

    Jeder halbwegs begabte Lehrer hat zumindest eines verinnerlicht: Methoden sind Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Aber sie verkaufen sich natürlich gut und die Öffentlichkeit staunt...

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    Langweilig?   lutzland

    hallo praenki,

    haben sie - aufgrund der zahlreichen kommentare und posts von schülern und studenten, die gerade mit ldl ihre erfahrung machen - sich einmal die entsprechenden webseiten angeschaut?

    neugierige grüsse
    aus heidelberg

    lutz berger

    • 23.10.2008 um 6:46 Uhr
    • typ.o

    "Selbstorganisiertes Lernen (SOL)" ist prima, ja. Bei meinen Azubis in der Berufsschule, in der diese Methode zur alleinigen "Unterrichts"form erhoben wurde, heißt das aber "SOL = Schüler ohne Lehrer". Beispiel: Zweiter Berufsschulblock im ersten Lehrjahr, morgens bekommen die Schüler Themen hingeworfen, an denen sich manch ein Techniker wund arbeiten würde (Induktive und kapazitive Näherungsensoren), und werden "ans Internet" geschickt. Kopieren sich wüste Halbheiten zusammen und lernen vor allem eines: Ohne Ahnung einen Eindruck zu erwecken, man wisse Bescheid. Im Betrieb wende ich Stunden und Stunden auf, um im Nachhinein die Grundlagen durch Erklärungen und Versuche zu schaffen.

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    Wenn die Schüler alles allein machen sollen ohne Hilfe des Lehrers (SOL) ist es wirklich schlimm! Bei LdL ist der Lehrer besonders gefordert - vor, während und nach dem Unterricht. Nur so kann eine dialektische Lerndynamik entstehen.
    Lebens- und Lernprozesse sind nun einmal dialektisch angeordnet, wie der Mensch selbst auch (wir leben in einem Spannungsfeld von Antinomien). Hier ein bisschen mehr:
    http://jeanpol.wordpress....
    Jean-Pol Martin

  3. In der Gehörlosenschule meines Sohnes musste ein gl Schüler mit gehörlosen Eltern dem hörenden Lehrer Gebärden aus der deutschen Gebärdensprache zeigen, da der Lehrer der DGS nicht mächtig ist.
    Aber ist ja auch nur eine Sonderschule.

  4. Lernen durch Lehren (LdL) ist wissenschaftlich gut untermauert, in der Schullandschaft bestens etabliert und wird von vielen Lehrern mit Erfolg und langfristig eingesetzt. Und dies seit den achtziger Jahren. Zugegeben: die Methode gut zu praktizieren ist für den Lehrer anstrengend, nicht jeder kann das. Mit seinem Artikel macht also Reinhard Kahl die erfolgreiche Methode LdL einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Seit bald dreißig Jahren setze ich LdL kontinuierlich ein und meine Schüler verlangen das auch. Meistens führe ich meine Klassen 5 Jahre lang, weil sie mich als Lehrer und meine Methode behalten wollen. Das nur zur Klärung, um die Diskussion auf einen soliden Boden zu stellen. Jean-Pol Martin

  5. Wenn die Schüler alles allein machen sollen ohne Hilfe des Lehrers (SOL) ist es wirklich schlimm! Bei LdL ist der Lehrer besonders gefordert - vor, während und nach dem Unterricht. Nur so kann eine dialektische Lerndynamik entstehen.
    Lebens- und Lernprozesse sind nun einmal dialektisch angeordnet, wie der Mensch selbst auch (wir leben in einem Spannungsfeld von Antinomien). Hier ein bisschen mehr:
    http://jeanpol.wordpress....
    Jean-Pol Martin

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  • Von Reinhard Kahl
  • Datum 7.9.2009 - 16:09 Uhr
  • Serie Bildungskolumne
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 17
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