Schule Vielfalt als Vorteil

Jedes Kind lernt anders. Manchen Schulen gelingt es, von der Vielfalt der Kinder zu profitieren. Dritter Teil einer Spurensuche im deutschen Bildungstal

Das größte Problem der deutschen Schule sieht der Bildungsforscher Jürgen Baumert in den Problemen der Lehrer, mit der Verschiedenheit der Kinder umzugehen. Jedes Kind lernt anders. Inzwischen gibt es eine Reihe von Studien, die zeigen, wie groß die Spannweite ist. Der Züricher Professor für Entwicklungspädiatrie Remo Largo zeigt in der bisher größten europäischen Langzeitstudie , wie ausgeprägt die Verschiedenheit von der Körpergröße über das Schlafbedürfnis bis hin zu den unterschiedlichen Talenten ist.

Gleichaltrige Kinder stehen eben nicht immer auf derselben Entwicklungsstufe. Einige Erstklässler können bereits schreiben. Andere werden dafür noch ein oder gar zwei Jahre brauchen, vorausgesetzt, man lässt ihnen die Zeit, die sie brauchen. Sonst verlieren viele den Anschluss und schalten innerlich ab. Das ist der große Nachteil des üblichen, im Gleichschritt und nach Lehrplan oder Schulbuch voranschreitenden Unterrichts. Auch diejenigen, die schon viel können, langweilen sich mitunter. Einer der größten Skandale unserer Schulen ist, dass es den Lehrern häufig gar nicht auffällt, wie viele Kinder nur ihre Körper in den Klassenräumen abstellen, während ihre Fantasie spazieren geht. Unter den Jugendlichen ist das häufig sogar die Mehrheit. Schwierigkeiten im Umgang mit Verschiedenheit ist einer der größten Mängel an den Schulen.

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Aber bleiben wir bei unserer Spurensuche auf der Fährte des Gelingens. Wir besuchen die Schule Kleine Kielstraße in Dortmund. Sie bekam vorletztes Jahr als Erste den deutschen Schulpreis, Platz eins. Die Schule liegt in der Dortmunder Nordstadt, einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Vier von fünf Kindern kommen aus Migrantenfamilien. Doch darüber hören Besucher kein Wort der Klage. Schon der erste Eindruck am Morgen verblüfft. Kinder lassen in den Fluren Luftballons steigen. Die herausströmende Luft treibt kleine Propeller an. Die Lehrerin hilft bei der Montage. Andere Kinder lesen oder spielen, dabei hat es noch gar nicht zum Unterricht geklingelt. In allen guten Schulen zeigt sich dasselbe Bild. Die Kinder wollen viel experimentieren und lernen, warum sollten sie da auf ein Kommando warten?

Bildungskolumne
Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel

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Der erste und der zweite Jahrgang werden gemeinsam in einer Klasse unterrichtet. Das ist eine der vielen Antworten dieser Schule darauf, wie unterschiedlich Kinder sind. Das Wichtigste aber ist, dass man in der Verschiedenheit der Kinder keinen Nachteil sieht. Im Gegenteil. Es ist ein Vorteil, verschieden zu sein. Das macht Menschen füreinander interessant.

Die Lehrerinnen und Lehrer erwarten die Kinder bereits im Klassenzimmer. Um fünf nach acht muss jeder da sein. Lehrerin Julia Herdramm stellt jetzt den Kassettenrecorder an. Die Kinder versammeln sich zum Morgenkreis auf Hockern vor der Tafel, die vollständig von Plakaten verdeckt ist. Unter der Überschrift "Luft und Wind" stehen Fragen wie "Was kann Luft?"  Der Morgenkreis, ein ritualisierter Anfang des Tages, ist übrigens ein Merkmal fast all der zehn Schulen, die bisher den Deutschen Schulpreis bekamen.

Während die Schulanfänger bereits kleine naturwissenschaftliche Experimente machen, lernen einige ihrer Mütter im Nebenraum Deutsch. Das ist ein Bespiel dafür, was diese Schule im Alltag unter einer lernenden Organisation versteht. Die Schule fand bald heraus, dass es nicht reicht, den Kindern Deutsch beizubringen, wenn die Sprache bei ihnen zu Hause keine Resonanz findet.

Das weiß man natürlich auch anderswo. Doch hier zog man die Konsequenz. Die Schule bietet während der Sprachkurse nun auch Kleinkinder-Betreuung an. Jetzt haben sogar die kleinen Kinder Lust bekommen, zur Schule zu gehen. Den Effekt hatte Schulleiterin Gisela Schultebrauks gar nicht im Sinn. Aber so funktioniert Lernen: Es geht darum, aus einem Problem, einem Mangel oder einer Lücke etwas zu machen. Das gilt fürs Lernen der ganzen Schule wie für das einzelne Kind.

Viele werden nun sagen: Das ist eine schöne Sache, aber unsere Schule hat kein Geld für so einen Müttersprachkurs und schon gar nicht für die Kleinkinderbetreuung. Die Mittel, 9000 Euro im Jahr, schießt eine Wohnungsbaugesellschaft zu, der viele der Häuser um die Schule herum gehören.

Eltern werden mit ihren Kindern in der Kleinen Kielstraße schon ein Jahr vor der Einschulung zu einem Test eingeladen. Anschließend bekommen sie einen Förderbrief mit Vorschlägen und Angeboten sowie weitere Einladungen. Die Schule ist voll solcher Lernspiralen. Sie nimmt sich die Freiheit, fragt nicht lange, sondern tut, was sie für richtig hält. Einer Schule im Brennpunkt wird niemand diese Freiheit beschneiden. Den anderen aber auch nicht.

"Im Grunde ist die Schule eine Antwort auf die Kinder, ein ständiger Dialog", sagt Schulleiterin Gisela Schultebrauks. Und dann sagt sie noch etwas: "Ohne Liebe ist alles nichts."

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Oha

    "Neue Studien beweisen: Jedes Kind lernt anders."

    Mensch, die Erkenntnis ist ja SENSTATIONELL neu. Haben Generationen von Lehrern schon erfahren und im Studium gelernt, aber toll, dass diese brandneue Erkenntnis endlich wieder mal in Studien gegossen wurde.

    Wann gibt es denn endlich mal neue Studien, die belegen, dass unsere Schulen baulich größtenteils derartige Unterrichtsformen gar nicht hergeben? Dass man viel Geld in die Hand nehmen müsste, um andere Rahmenbedingungen zu schaffen? Dass eine gute Lernatmosphäre nur in angemessener Umgebung funktionieren kann und nicht in Blechbunkern aus den 70ern, in denen großteils noch mit OEM-Ausstattung gearbeitet wird?

  2. Jedes Kind lernt anders. Geniale Erkenntnis, von der wir bisher nichts wussten. Die logische Konsequenz daraus ist, die Ausrüstung und bauliche Substanz von Schulen zu belassen wie sie sind und stattdessen viel Geld in die Zusammenlegung von weiterführenden Schulen zu stecken, damit jedes Kind im Gleichschritt weiter lernen soll, Differenzierung nach Leistungsvermögen braucht schließlich keiner!
    Eine Aufwertung von Grundschulen ebenso wie Sekundarschulen ist zwingend erforderlich. Deutschland ist Forschungsland, im Ausland werden wir für unser hohes Bildungsniveau sehr geschätzt. Warum investieren wir so wenig in Bildung - in Zukunft - und so viel in Rentenkassen und Arbeitslosengeld, der Bedarf an letzterem dürfte bei besserer Bildung auch zurück gehen...
    Ein Hoch auf die Gesamtschule! Jedes Kind lernt unterschiedlich! Endlich haben wir herausgefunden woran die Misere liegt!

  3. So eine Schule könnte einen dazu bewegen den Wohnort zu wechseln. Es kommt Hoffnung auf, dass das Schulsystem sich vielleicht einmal aus dem geistigen Mittelalter in Richtung Gegenwart bewegt.
    Die Schwierigkeiten die auftauchen, um so ein Konzept in möglichst vielen Schulen umzusetzen, liegt wahrscheinlich nicht einmal in der Sache selbst, sondern an Bremsern wie praenki & Co.

    Wenn dann noch alle Kinder einfach unterrichtet werden und das Unwort "fördern" in all seinen Varianten aus dem Schulkontext gestrichen wird, können Kinder und Eltern aufatmen.

  4. Mein Gott, endlich lassen wir unsere hochneurotsich überpektionierten Unterrichtungsschablonen los und geben der Wirklichkeit eine Chance! Der Mensch kann doch gar nicht nicht lernen! Lernen ist schon der Wortbedeutung nach (abgeleitet von germ. LAISTI = die FÄHRTE) ERFAHRUNGEN MACHEN. Lernen ist NICHT Unterrichtetwerden, Beigebrachtbekommen, Aufgenötigtbekommen, für Unterrichtung Zurechtdiszipliniertwerden. Unsere Lehrer sind aber immer noch - wie schon im Mittelalter - als Vollzusbeamte der Staatsgewalt angestellt und dieser Staatsgewalt (nicht der Staatsintelligenz) unterstellt. Nachdem wir Schule durch hochneurotische Überperfektionierung soweit heruntergewirtschaftet haben, dass es einfach nicht mehr auszuhalten und schon mehrfach tödlich verlaufen ist, sind die Verirrungen hoffentlich alle gemacht und es drängt der - pädagogisch verwahrloste - menschliche GEIST zur Sonne, zur Freiheit. Und es geht doch: Man kann auch ORIGINAL LEBEN auch in der Schule. Die neue Ich-kann-Schule zeigt das eit ca. 30 Jahren praktisch vor. In unseren konstruierten Du-musst-Schulen lernt man gar nicht Lesen + Schreiben + Rechnen, sondern LesenMÜSSEN + SchreibenMÜSSEN + RechnenMÜSSEN - es sei denn man hat es schon selbst gekonnt. So wird aber auch alles mit MUSS im Gedächtnis gespeichert. Wer aber hält es aus, jedesmal in seinem Gedächtnis immer noch mehr MUSS anzutreffen? Unter diesen tödlichen Bedingungen drosselt das fürs Überleben zuständige Unbewusste drastisch die Lernlust. Diese Aversion wird von einer lebensblinden Pädagogik als krank fehlinterpretiert und dadurch noch einmal suggestiv verstärkt.
    Tatsächlich ist diese Reaktion aber ein sehr gesunder Selbstschutz, der zeigt, dass die Pädagogik kränkend und krank ist. Die Pädagogik ist es, die anders werden muss! Und das geschieht endlich mit diesen Schulexperimenten, die dem KÖNNEN eine Chance geben, wie das die Ich-kann-Schule schon lange tut.
    Es geht gar nicht um äußere neue Techniken und Verfahren, es geht um EINEN NEUEN GEIST, einen Geist, der am Wachstum über die Schablonen hinaus interessiert ist und nicht an immer noch penetratnerem Einfügen im immer noch perfektionistischere Schablonen. Es geht darum, dass wir endlich den Schwächen die Kukt-Hauptrolle nehmen und die geschwächten Stärken die Hauprolle spielen lassen und unsere Energie in die Stärkung der Stärken stecken und nicht - wie wir das seit Jahrzehnten taten - in die perverse Stärkung der Schwächen, die immer noch auf vollen Touren läuft. Es geht darum, wenigstens unsere gröbsten und dümmsten Irrtümer aufzugeben und uns wieder original auf das Leben einzulassen.
    Und noch etwas: Die Ich-kann-Schule ist kein haus sondern eine GEISTIGE WIRKLICHKEIT, die jedem an jedem Ort zu jeder Zeit vollkommen frei zur Verfügung steht. Sie ist die Schule, die jeder IN sich hat und in der wir alle tatsächlich alles lernen, was wir lernen und in der Qualität wie wir es lernen. Es ist unsere Chance, unsere Ich-kann-Schule zu erkennen und verstehen zu lernen, denn damit haben wir souverän alle Chancen. Ich grüße herzlich.
    Franz Josef Neffe

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