Es war die dritte, die letzte und die für John McCain entscheidende Debatte. Die ersten beiden hatte er nach allgemeiner Meinung verloren. Gestern Abend kam die Stunde der Bewährung – und der republikanische Präsidentschaftskandidat schien seine Lektion gelernt zu haben. Er begann furios, gerade auf seinem schwächsten Gebiet, der Ökonomie. Der 72-Jährige war angriffslustiger, scharfsinniger, konkreter, witziger und den Amerikanern und ihren Nöten zugewandter als zuvor. Sein bester Satz an diesem Abend zu Barack Obama: "Ich bin nicht George W. Bush. Wenn Sie gegen ihn antreten wollen, hätten Sie vor vier Jahren kandidieren müssen!" Das saß, Obama schluckte.

Es war auch John McCain, der dieses Mal sofort konkrete Menschen in der Diskussion über die verheerende Wirtschaftslage aufleben ließ. Joe, der Klempner, beherrschte die erste halbe Stunde. Obama war ihm im Wahlkampf begegnet, und Joe hatte dem Senator aus Illinois seine Sorgen erzählt. John McCain ging darauf ein und stellte den amerikanischen Fernsehzuschauern dar, warum es seiner Meinung nach dem um seine wirtschaftliche Existenz bangenden Mann unter einem Präsidenten McCain besser gehen würde als unter einem Präsidenten Obama. Obama blieb nichts anderes übrig, als darauf zu reagieren, fast dreißig Minuten lang spielte er Defensive. Zur Halbzeit sah es nach einem klaren Debattensieg für John McCain aus.

Dann kam die große Wende. Der Republikaner änderte die Strategie. Statt bei der Wirtschaft und seinem Steuern-runter-Ausgaben-runter-Staat-runter-Programm zu bleiben, statt seinen demokratischen Widersacher politisch in die Enge zu treiben, platzierte er persönliche Attacken. Wieder einmal ging es um Obamas Bekanntschaft mit einem ehemaligen Terroristen, ein Thema, mit dem McCain und Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin die konservative Basis seit Wochen entzücken. Aber eben nur diese. Parteifreunde warnen ihn seit Wochen vor diesen negativen Angriffen, denn die seien unsinnig und würden unentschiedene Wähler nur verschrecken.

Doch der Maverick, der erratische Querkopf, schlug diesen Rat in den Wind – und verlor die zweite Halbzeit. Plötzlich war John McCain wieder der griesgrämige alte Mann, der seine Wut und seinen Ärger nur schwer im Zaum halten kann. Ein rasanter Rollenwechsel, von einer Sekunde zur anderen! Vorbei das freundliche Lächeln und der ebenso sanfte wie entschiedene Ton. Schlagartig veränderten sich McCains Gesichtszüge, Gestik und Mimik verrieten versteckte Aggressionen. Die von den Fernsehsendern aufgezeichneten Sympathiekurven der Zuschauer sackten bei McCain in den Keller. Nirgendwo konnte der Republikaner von da an mehr punkten, nicht bei der Abtreibungsfrage, nicht bei der Energiepolitik, nicht bei der Schulpolitik – und auch nicht am Ende, als jeder Kandidat erklären sollte, warum die Amerikaner gerade ihn und nicht den anderen wählen sollten, und McCain eine sehr persönliche Antwort fand.

Die zweite Halbzeit gehörte Obama. Er hatte sich wieder gefangen, gab klare, verständliche Antworten, wirkte gelassen, sicher und präsidentiell. Landauf, landab fragt McCain seit Wochen auf seinen Wahlveranstaltungen: "Wer ist der wahre Barack Obama?" Spätestens nach dieser letzten Debatte und den mindestens zwei Gesichtern des republikanischen Präsidentschaftskandidaten lautet die Frage: "Wer ist der wahre John McCain?" Nach 90 Minuten Debatte meldeten die Fernsehstationen: Laut Zuschauern heißt auch der Sieger der dritten und letzten Debatte Barack Obama. In allen Umfragen liegt der schwarze Senator vorne. Mehr noch: Am 4. November könnten die Demokraten nicht nur das Weiße Haus, sondern ebenso deutliche Mehrheiten im Senat und im Repräsentantenhaus gewinnen. John McCain und die Republikaner haben nur noch 19 Tage Zeit, um das Blatt zu wenden. Oder um wenigstens zu retten, was sie noch retten können.