Gratisdownloads Paulo Coelho und die Neuerfindung des Buchgeschäfts

Musikindustrie und Filmwirtschaft verloren ihr Geschäftsmodell ans Netz. Die Buchbranche soll ihre Inhalte gleich frei ins Web stellen, verlangen Autoren neuerdings

Die angebliche Piraten-Page - tatsächlich des Meisters eigene Handschrift mit der Aufforderung: bedient euch!

Die angebliche Piraten-Page - tatsächlich des Meisters eigene Handschrift mit der Aufforderung: bedient euch!

In seiner Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse machte Paulo Coelho vor staunenden Branchenvertretern ein Geständnis: Nicht irgendwelche Copyright-Fighter oder sonstige Webanarchisten,  er höchstselbst habe das Blog „Pirate Coelho“ ins Leben gerufen und unterhalte es. In diesem angeblichen "Piratenblog" werden immerhin Links auf digitale Versionen seiner Bücher gesammelt, also scheinbar illegale Downloads ermöglicht.  Ideen sollen frei sein, findet der Brasilianer, dessen Werke weltweit in über 60 Sprachen übersetzt wurden.

Doch nicht nur mit Idealismus rechtfertigt er seine Haltung, er untermauert sie mit ökonomischen Argumenten. Die frei zugänglichen Dateien würden den Verkauf seiner gedruckten Bücher ankurbeln: "Je mehr Du gibst, desto mehr verdienst Du.“ Zu dieser Einsicht verhalfen ihm seine Erfahrungen auf dem russischen Buchmarkt im Jahre 1999. Von seinem Werk "Der Alchimist“ setzte er dort nur rund 1.000 Exemplare ab. Erst als eine digitale Raubkopie davon im Netz auftauchte, stiegen die Verkaufszahlen sprunghaft an: Im ersten Jahr auf 10.000, im zweiten auf 100.000 Stück. Heute überschreiten die Verkäufe der russischen Alchimisten-Ausgabe die Millionen-Grenze.

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Der Autor startete daraufhin "Pirate Coelho“ und macht sich fortan Gedanken über das Buchgeschäft im Internet-Zeitalter. Der 61-Jährige verbringt viel Zeit online: Er verfügt über einen YouTube-Account, bloggt regelmäßig und ist in fast 20 sozialen Netzwerken aktiv.

"Nutzt das Web als Werbung, und ihr werdet die Ergebnisse in der physischen Welt bemerken“, riet er seinen Zuhörern in Frankfurt. Dass seine positiven Erfahrungen nicht von der ganzen Branche wiederholt werden können, ist Coelho dabei klar. Bei mehr als 100 Millionen verkauften Büchern lässt sich seine Marktposition kaum mit der eines durchschnittlichen Autors vergleichen.

Patentlösungen, wie die Branche auf künftige Herausforderungen reagieren solle, könne er nicht bieten. Doch die Lage sei ernst: "Entweder passen wir uns an, oder wir sterben.“ Er appellierte dafür, über "die Zukunft des Buches als nicht-materielles Produkt nachzudenken“.

Die so angesprochenen scheinen diese Aufgabe noch während der Messe zurück an Coelho delegiert zu haben. In einem Blogbeitrag bat der Erfolgsautor jüngst seine Leser um Ideen: Wenn Inhalte frei im Netz stehen – wie lässt sich dann noch Geld verdienen? Der Autor kündigte an, die Anregungen wieder in die Industrie zu tragen. Seitdem liefern die Coelho-Fans in bester Web-2.0-Manier Antworten – wenn auch keine gänzlich neuen.

Nutzer Andoyman schlägt vor, freie Inhalte durch Spendenaufrufe, Werbung oder durch Merchandising-Artikel „wie Uhren oder signierte T-Shirts“ zu finanzieren. Ein weiterer namens Kealan möchte eine pauschale Gebühr auf internetfähige Rechner erheben, über die Downloads kreativer Inhalte abgegolten werden. Vergütung durch Sponsoring lautet eine weitere Idee. Eine Ana Paula Sampaio bekennt, dass sie gern Geld für DVDs oder CDs ausgibt, wenn sie mit Extras wie Bonusmaterial oder schönen Booklets ausgestattet sind – auch wenn sie die Inhalte schon aus dem Netz geladen hat.

Warum Coelho durch Verschenken verdienen kann, darüber herrscht Einigkeit: „Ich könnte nie ein Buch am Bildschirm lesen, auch würde ich es nicht ausdrucken“, schreibt etwa Nutzerin Mika. Es sei einfach praktisch, Auszüge zu lesen und daraufhin zu entscheiden, ob man das Buch erwerben wolle.

Schwer abzuschätzen ist allerdings, was passiert, wenn sich Bücher in digitaler Form so bequem konsumieren lassen, als wären sie auf Papier gedruckt? Schon heute gewinnen eBooks Marktanteile, Amazons Kindle sorgte während der Buchmesse für viele Schlagzeilen. Längst arbeiten Wissenschaftler an elektronischem Papier, das sich knicken und beliebig mit Daten aufladen lässt. Sicher ist, dass Menschen auch künftig lesen werden. Inwieweit sie dabei auf die Dienste der Druckereien angewiesen sind, hängt nicht zuletzt von der technischen Entwicklung der e-Bücher ab.

Coelho ist nicht der einzige, der seine Inhalte ins Netz stellt. Auch der zu Random House gehörende Heyne-Verlag hat mit freien Buchdownloads erste Erfahrungen gesammelt. Die Romane des Science-Fiction-Autors Cory Doctorow und der Titel "Riesenmaschine“ , eine Art Best Of des gleichnamigen Blogs, stehen komplett auf der Verlags-Webseite. Wie sich diese Maßnahme auf die Buchverkäufe ausgewirkt hat, darüber ließen sich aber schwerlich Aussagen treffen, so Heyne-Pressesprecherin Claudia Limmer.

Man verfüge schließlich nicht über Vergleichszahlen, die aussagen, wie sich der Absatz ohne die Download-Möglichkeit entwickelt hätte. Zumindest scheint das Experiment dem Verlag keine Umsatzeinbußen beschert zu haben. "Der Buchverkauf hat sich in dem zu erwartenden Rahmen bewegt, es gab keine starke Abweichung in die eine oder andere Richtung“, sagt Limmer. Die Abrufzahlen der Webseite seien allerdings gestiegen.

Autor Cory Doctorow, ein prominenter Copyright-Aktivist, begründet seine Entscheidung, seine Romane frei zu geben, folgendermaßen: "Die meisten Menschen, die meine Bücher nicht kaufen, tun das, weil sie noch nie von mir gehört haben. Und nicht, weil ihnen jemand eine kostenlose elektronische Kopie gegeben hat.“

 
Leser-Kommentare
    • stoked
    • 27.10.2008 um 20:33 Uhr

    Raffinierter PR-Schachzug vor der Frankfurter Buchmesse. Ob Radiohead als Inspiration gedient hat? ;)

  1. Ich glaube auch nicht an die Maer, dass die Musikindustrie als Ganze viel Geld durch illegale downloads verloren hat - ich zumindest habe noch nie zuvor so viel Geld fuer Musik ausgegeben, wie seit es die Moeglichkeit gibt, Musik schon im Internet zu hoeren. Nur sind meine Ausgaben nicht mehr so sehr wie frueher auf einzelne Kuenstler und Band konzentriert - frueher habe ich auf die neue LP "meiner" Band gewartet, habe ab und an einmal einer Plattenkritik vertraut und war vielleicht alle 2 Monate mal nur so im Laden, um ziellos in ein paar tracks reinzuhoeren. Heute verwende ich fast eine halbe Stunde am Tag (!) um zu Schauen, was es Neues gibt, kann direkt reinhoeren - muss nicht gleich das ganze Album kaufen sondern nur einzelne Songs - und kaufe in der Summe ein Vielfaches.

    Die Platte oder CD als Gesamtkunstwerk kaufe ich aber eben nur noch dann, wenn, wenn so viele Stuecke darauf so gut sind, dass der Gesamtkauf das guenstigere Angebot ist - oder wenn es ein Konzeptalbum ist und die Stuecke zusammengehoeren. Was der neue Markt also (in meinem Fall und sicher auch im Fall vieler anderer) verhindert ist, dass man Platten verkaufen kann, die aus 3 guten Stuecken und einem Haufen unterirdischen drumherum bestehen. Und das ist auch gut so, denn so wurde man als Kaeufer frueher abgezockt.

    Was das Buch angeht, halte ich die Freistellung der Inhalte gerade im Fall Coelho fuer eine gute Idee - man kann nur hoffen, dass es bald noch komfortabler wird, ein Buch nur als Datensatz zu konsumieren - man denke sich nur, wieviele Baeume dann stehenbleiben und wieviel Transportkosten gespart werden koennten. Gerade solche Buecher sollten komfortabel online lesbar sein (man kann ja auch kombinieren:die erst Haelfte kann man gratis zur Verfuegung stellen, zur zweiten Haelfte kann man einen Zugang ueber ein kostenpflichtiges Passwort erwerben), die man, wenn ueberhaupt, nur einmal liest.

    Man koennte sich auch vorstellen, dass man, sobald man einmal belegen kann, dass man ein Buch als download legal erworben hat, man die gedruckte Version zu einem verguenstigten Preis erwerben kann (man hat ja dann schon fuer copyright und Werbung gezahlt, das Buch im Druckformat sollte dann fuer eine Umlage der Druck, Transport und Lagerungskosten erhaeltlich sein). Auch das waere ein grosser Anreiz, legal zu downloaden, auch wenn man am Ende das Buch in der Hardcopy gar nicht erwirbt.

  2. Coelio folgt hier der Idee von Corey Doctorow. Der kostenlose Download ist der beste Weg, ein Werk weltweit bekannt zu machen. Mein Buch "Neue Seelenlehre - Sinn des Lebens" erschien ebenso als kostenloses Download. Natürlich ist es auch im Buchhandel verfügbar. Zwischenzeitlich wurde es in Russisch und Französisch übersetzt. Die Übersetzungen für Spanisch, Englisch, Niederländisch, Griechisch und Bulgarisch sind derzeit in Arbeit.

    Hier der kostenlose Download meines Buches: http://www.wache-seelenge...

    Viel Spaß beim Lesen.

    Ralph von Mühldorfer

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