Dokumentarfilm Keine Luft zum Denken

Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm "Let‘s Make Money" ist der Film zur Finanzkrise. Er zeigt eine albtraumhafte Reise durch das Labyrinth des globalen Marktes

Die Lichter gehen an, ein knappes Dutzend Menschen nimmt Aufstellung vor dem Kinovorhang. Der Epilog von Erwin Wagenhofers neuem Film Let‘s Make Money in einer Hamburger Pressevorführung kann beginnen. Vertreter verschiedener globalisierungskritischer Organisationen und ein freier Autor sind zur Diskussion geladen.

Das Mikrofon geht reihum, die ersten Seheindrücke werden formuliert. Der Autor ergreift das Wort. Seine Stimme bebt.

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Er spricht über den Schnee im Himalaja, der in manchen Gebieten grau geworden sei vom Dreck chinesischer Fabriken. Er prophezeit den globalen ökologischen Kollaps. Immer weiter steigert sich seine Erregung.

Die Finanzkrise, sagt er, sei das Beste, was uns und unserem "Schweinesystem" passieren konnte. Wir hätten nun die Chance, wieder ganz bei Null anzufangen. Raunen im Publikum, vereinzelter Applaus. Aus der Diskussion ist eine politische Demonstration geworden.

Let‘s Make Money zeigt private Geldvermehrung bei gleichzeitigem Ausverkauf öffentlicher Güter wie Gesundheitssystem, Pensionswesen oder Energieversorgung. Die Welt ist ein Kasino, Spielplatz skrupelloser Finanzdienstleister und Investmentbanker, von Private Equity Fonds und Hedgefonds.

Wer hierzulande für sein Alter vorsorgt, finanziert an der spanischen Costa del Sol riesige Immobilienwüsten, in denen niemand wohnt außer der Rendite der Investoren.

Sogenannte "Wirtschaftskiller" suchen sich Länder mit reichen Rohstoffressourcen und versorgen sie mit Krediten, um die Infrastruktur auszubauen. Können sie diese - wie in den meisten Fällen - nicht zurückzahlen, werden im Gegenzug Naturalien zum Spottpreis verlangt. Weigert sich der Staat, gehen die "Schakale" los, um die Entscheidungsträger zu liquidieren. Misslingt auch das, marschiert das Militär ein.

Regisseur Erwin Wagenhofer listet zahlreiche Beispiele solch mafiöser Metastasen auf, welche die Welt im Würgegriff halten und das Ergebnis der gezielten Deregulierung der Finanzmärkte seit den siebziger Jahren sind. Legale Steuerschlupflöcher auf kleinen Inseln, wo den Gesellschaften Einnahmen von mehreren Hundert Milliarden Euro vorenthalten werden. Kaputte Böden in Burkina Faso, auf denen nichts mehr wächst, auch keine Baumwolle mehr, die längst für wenig Geld außer Landes geschafft wurde. Es ist ein einziger klaustrophobischer Albtraum.

Wie schon in seinem Vorgängerfilm We Feed the World , in dem sich der österreichische Filmemacher mit der globalen Verzahnung des industriellen Lebensmittelmarktes beschäftigte, schafft er ein geschlossenes Argumentationssystem. Ohne demagogische Überwältigung, aber mit dem sicheren Gespür für teils fast unglaubliche Pointen. Ihr Preis ist die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, ohne die das politische Aufklärungskino, will es erfolgreich sein, heutzutage scheinbar nicht mehr auskommt. Die analytischen Lücken füllen dicke Konvolute von Zusatzmaterialien oder Diskussionsveranstaltungen mit Organisationen wie Attac oder Faretrade.

"Wie populistisch kann ein politischer Film sein?", fragte einmal der Filmpublizist Georg Seeßlen in einem Text. Die Grenzen sind bei der jüngeren Generation engagierter Dokumentarfilmer durchlässig geworden.

Wo früher Regisseure wie Hartmut Bitomsky oder Harun Farocki in ihren Filmen mehr Widersprüche als Thesen lieferten und den Zuschauern Angebote zum Denken machten, dominieren heute Aufschrei und Anleitung zur Aktion.

Da wird gefräst und gelötet, um den Geschichten den nötigen dramaturgischen Drive zu verpassen. In vorderster Linie der Amerikaner Michael Moore, der das Genre zum Blockbuster formte, und sich, wie inzwischen bekannt ist, nicht immer um lästige Details kümmerte, die in seinem Drehbuch der Wirklichkeit widersprachen.

Auch ein durchaus renommierter Regisseur wie Hubert Sauper, der mit Darwin‘s Nightmare 2004 immerhin den Europäischen Dokumentarfilmpreis gewann, widerstand nicht der Versuchung der kinematografischen Großmannssucht und präparierte seinen Viktoriabarsch einer schönen Globalisierungs-Allegorie wegen.

Heiligt der Zweck alle Mittel? Ist der politische Dokumentarfilm nur mehr eine Plattform für Parteiprogramme, die bloß noch Antworten geben und keine Fragen mehr stellen? Bestes Beispiel: Eine unbequeme Wahrheit von Davis Guggenheim mit Al Gore als Klimaschutz-Prediger in der Hauptrolle?

"Die schönsten Dokumentarfilme", schreibt Georg Seeßlen, "stammen von Menschen, die einen Wunsch haben, die hässlichsten von Menschen, die eine Überzeugung haben, und die aufrichtigsten von Menschen, die sich der Welt mit nichts als Geschmack, Neugier und Methode nähern." Erwin Wagenhofer erfüllt alle drei Kriterien. Das immerhin unterscheidet ihn von den meisten anderen Politfilmern dieser Tage.

 
Leser-Kommentare
    • QUOTE
    • 31.10.2008 um 10:24 Uhr

    ...die neben obigem BILD-Zeitungs-Geschreibsel auch einen fundierten und journalistisch qualifizierten Artikel zum Film lesen lesen möchten gibts zum Glück noch telepolis:

    Wer zahlt eigentlich, wenn Geld "arbeitet"?

  1. 2. es...

    ...reicht doch völlig wenn sich die kinobesucher fragen stellen und dann für sich die besten antworten finden. kein problem wenn man den film "we feed the world" gesehen und verstanden hat. persönlich sind mir kritiken was den neuen film betrifft wurscht, "we feed the world" ist die beste werbung für neue filme desselben autors.

  2. da findet vor unser aller Augen in unser aller Namen, auch im Namen derer, die explizit NEIN gesagt haben (dieses "Konsensmodell" nennen die Plutokraten "Demokratie". Aber, nun ja, Stalin hat seine autokratischen Blutbäder ja auch "Sozialismus" genannt) eine globale, unfassbare Sauerei statt und ein Dokumentarfilmer, der derlei ungeschönt zeigt, muss sich über seine Methodik belehren lassen? Bei manchem, der für die ZEIT schreibt, stellt sich die Frage nach seinen eigentlichen Einkünften nicht - weil die Antwort allzu offensichtlich ist.

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    Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

  3. das passende Buch zu dem Film ist "Geld arbeitet nicht", verdeutlicht die im Film aufgezeigten Strukturen und Wirkzusammenhänge ähnlich unideologisch wie es der Film macht, Fakten sprechen für sich.

  4. Im Artikel ist von Faretrade die Rede. Übersetzt man Faretrade erhält man "Tarifhandel". Meinte der Autor etwa Fairtrade, den "fairen Handel"?

  5. Der Film will einfach nur polarisieren und verkürzt und verfälscht deshalb einfach Zusammenhänge:

    - Es wird nur erwähnt, dass die Stadt Wien ihre Straßenbahnen verkauft hat und sie dann least. Dass bei einem solchem Geschäft die Betriebskosten üblicherweise vom Investor übernommen werden, wird nicht erwähnt.
    - In Bukina Faso kriegen die Bauern für ihre Baumwolle wenig Geld, weil die USA ihre Landwirtschaft subventioniert (eben gerade weil der Markt in diesem Bereich nicht liberal ist!). Auf den Umstand, dass das Land von einem korrupten Präsidenten regiert wird, was ja auch ein Grund für die Armut im Land sein könnte, wird gar nicht eingegangen.

    Diese Liste könnte man unendlich weiterführen. "Let's make money" ist die filmgewordene Stammtischdiskussion, die aus folgenden Elementen besteht: kleiner Mann wird verarscht von bösen Bänkern, bösen Investoren, böser Weltbank, bösem IMF und vom Bösen schlechthin: Die USA und ihr kapitalistisches Wirtschaftssystem.

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