Punk Keine Macht den Schnauzbärten!
Seit 24 Jahren sind die Goldenen Zitronen "die" linke, gesellschaftskritische Band Deutschlands. Von ihrer visionären Kraft und ihrem Durchhaltevermögen erzählt ein neuer Dokumentarfilm im Kino

© Goldene Zitronen
Geht's zurück zur bismarckschen Klassengesellschaft? Die Goldenen Zitronen befürchten es
”Immer diese Widersprüche, ich bin mindestens ein Schurkenstaat und zwei Schuldmaschinen und eine Telefonzelle voller H&M people. Die schönste Zeit meines Lebens war leider ein Filmriß.” (Aus dem Lied Widersprüche, Die Goldenen Zitronen, 2001)
Widersprüche ziehen sich durch die ganze Geschichte der Goldenen Zitronen. Wer 1984 als Funpunk-Band aus der Hamburger Autonomenszene anfängt und 2008 die überzeugendste linke Musikgruppe weit und breit ist, der muss Widersprüche be- und verarbeitet haben.
Von dieser Arbeit und dem Spaß, den sie (manchmal) bringt, erzählt Peter Otts Dokumentarfilm Übriggebliebene Ausgereifte Haltungen. Es sollte keine distanzlose Rockumentary von Fans für Fans werden. Folgerichtig wird das Loblied auf die Zitronen nicht von verdienten Redakteuren des Rolling Stone gesungen, sondern von Daniel Richter, dem Malerfürsten, der mit seinem Kunstgeld das Hamburger Buback-Label am Leben hält. Und von Diedrich Diederichsen, der über die Zitronen Dinge sagt, die selbst deren Mitgründer Ted Gaier nicht versteht. Und von Clara Drechsler. Bei einem ihrer seltenen öffentlichen Auftritte findet die Mitgründerin der Spex passende Worte zur Strategie der Zitronen. „Punk im Punk“ seien sie anfangs gewesen.
Mit ihrem Funpunk unterliefen sie verfestigte Codes im politmoralisch restriktiven Autonomen-Umfeld, damals in den Achtzigern, als es noch politisch korrekt war, politisch inkorrekt zu sein. Sie hätten immer die maximale Komplexität bei gleichzeitig maximaler Reichweite angestrebt, sagt Clara Drechsler und stößt auf den Hauptwiderspruch der Goldenen Zitronen. Mit albernem Spaßpunk bekämpften die sie den protestantischen An-der-Welt-leiden-und-darüber-enthaltsam-und-bitter-werden-Gestus der Hardcore-Szene – und drangen damit in ganz andere Milieus vor.
Am Tag, als Thomas Anders starb! Das Lied war ein Faustschlag in das liebliche Gesicht des Modern-Talking-Sängers, und alle grölten mit. Die Boulevard-Presse und die Bravo machten einen Skandal daraus, damit wurden die Zitronen in der alten BRD so groß wie die Toten Hosen.
Anders als Campinos Combo fanden sie einen Ausweg aus der Dumpfrock-Sackgasse. Zunächst mussten sie sich von falschen Freunden trennen, den Schnauzbartträgern. Mit der Ballermann-Bundeswehr-Fraktion ihres Publikums wollten sie nichts zu tun haben. Also schrieben sie einen expliziten Anti-Schnäuzer-Song. Der Dokumentarfilm illustriert die Malaise allzu konkret und hart an der Grenze zur Denunziation – mit einem echten Schnauzbart als Zitronenfan.
Nach dem Fall der Mauer erlebten die Zitronen ihr ganz eigenes Hoyerswerda. In dem beschaulichen Städtchen in der Oberlausitz begann im September 1991 die Serie der Nachwiedervereinigungspogrome mit einem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim. Als die Goldenen Zitronen in Hoyerswerda spielen wollten, wurden sie von Neonazis mit Knüppeln empfangen. Jagdszenen in Ostdeutschland.
- Datum 03.04.2009 - 16:33 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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