Genug von Sarah Palin? Genug von ziellosen Sätzen und verschluckten Wortendungen? Genug von Elchjagden und Schneemaschinen-Fahrten, von dröhnendem Nationalismus und unangekränkeltem Exzeptionalismus?

Allen Palin-Verächtern sei es gesagt: Dienstag wird kein Jubel-Tag. Egal wie die Wahl ausgeht, denn: Jedes Ergebnis ist gut für Palin. Entweder zieht Sarah, die Eishockey-Mami, ins Weiße Haus ein. Oder Sarah, die Gouverneurin, tritt aus dem Schatten John McCains heraus und beginnt ihre Karriere als frische Frontfrau einer Partei im Wiederaufbau. "Was immer am Dienstag passiert", schreibt das Wall Street Journal , "Frau Palin dürfte eine große politische Zukunft vor sich haben." Am Mittwoch wird es heißen: Der Wahlkampf ist vorüber, es lebe der Wahlkampf. Sarah für 2012.

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Binnen acht Wochen hat Amerika eine leidenschaftliche Hassliebe für Sarah Palin entwickelt. Diese Frau lässt keinen kalt. Linksliberale wussten gleich, was von ihr zu halten sei: "Eine religiöse Fanatikerin und eine stolze, prahlerische Ignorantin", bringt der Kulturkritiker Christopher Hitchens die offene Verachtung der Intellektuellen auf den Punkt. Da ist ihr Mangel an Wissen, an Neugier, an Eignung für das höchste Amt. Die explosive Mischung weltpolitischer Naivität und dröhnendem Selbstbewusstsein. Das Kampfhund-Gehabe. Zu viel, zu grell, zu laut. Zu ertragen nur als Scherz. In Tina Feys kabarettistischer Imitation in Saturday Night Live oder im Streich eines Komikers, der sich am Telefon als Nicolas Sarkozy ausgab. Über Palin muss der Kosmopolit lachen, um sie ertragen zu können.

Vor Kurzem noch völlig unbekannt, ist es Sarah Palin gelungen, sich einen soliden Stamm fester Feinde aufzubauen. Einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP und des Internetservice Yahoo News zufolge ist der Prozentsatz jener Wähler, die Palin gering schätzen, seit ihrer Ernennung zur Kandidatin auf 43 Prozent angestiegen. Das sind 18 Punkte mehr als im September. Die New York Times und CBS News wollten wissen, ob die Wähler in ihr eine qualifizierte Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin sehen. Ergebnis: 59 Prozent der Wähler halten sie für ungeeignet, neun Prozentpunkte mehr als vor kaum einem Monat.

Warum also soll Sarah Palin das Zeug zur republikanischen Führungsfigur haben? Weil zur Hassliebe eben auch die Liebe zählt. Amerika ist und bleibt ein politisch gespaltenes Land. Es war schließlich Sarah Palin, die John McCains Wahlkampagne nach ihrer Ernennung aus dem Koma riss. Nach dem Wahlparteitag lag John McCain in den Umfragen plötzlich fünf Punkte vorne. Wann je hat ein Vizepräsidentschafts-Kandidat dem Chef vier Wochen lang politisches Momentum und steigende Umfragewerte gebracht? Dass McCain ins Hintertreffen geriet, war nicht Palins Fehler, waren nicht ihre stotternden Fernsehinterviews und ihre verquasten Statements. Es war die Weltfinanzkrise, die McCain seit Mitte September in einen Abwärts-Strudel riss. Ohne Palin wäre er vielleicht schon ganz in den Wogen verschwunden. Denn sie war es, die ihre Partei mit der Kandidatur des konservativen Außenseiters McCain versöhnte. Sie war es, die der Parteibasis neue Energie und Zutrauen einflößte. Ohne sie gäbe es vielleicht nicht Legionen von Wahlhelfern, die Mann und Maus aus dem Haus treiben werden für McCain.

Ihren Anhängern ist Palin Idol. Sie glorifizieren die junge Gouverneurin. Sie sehen in ihr eine authentische Person, kein politisches Kunstprodukt, keine durchgestylte Absolventin der elitären Bildungsfabriken von der Ostküste. Palin sei keine traditionelle Rechte aus den Südstaaten, schreibt George Bushs früherer Berater Michael Gerson. Ihre "dörfliche Moralität", ihre "libertäre Betonung der persönlichen Freiheit (besonders die Freiheit, etwas zu schießen)" sowie ihr "Populismus wider das Ostküsten-Establishment" – das alles sei ein politisches Paket, wie es im amerikanischen Westen geschnürt werde. Palin, schreibt der National Review , repräsentiere einen "völlig neuen Typus des Feminismus"; einen, den "endlich auch konservative Frauen und die Katholische Kirche verstehen" könnten.