Großstadtlärm Alle wollen Vogelgezwitscher

Am Nauener Platz im Berliner Stadtteil Wedding sollen Soundinstallationen helfen, Lebensqualität und Nachbarschaft zu verbessern

Irgendwas stimmt hier nicht. Man kommt nicht gleich darauf. Aber wenn man eine Weile auf die alten Pappeln zwischen Bolzplatz und der Seniorenwohnanalge schaut, dann kann man es sich einfach nicht vorstellen. Beim besten Willen nicht. Selbst wenn hier durch die „Neugestaltung des Nauener Platzes“ bald noch so viele schöne Blumen stehen werden, Schaukeln für die Kinder, Bänke für die Alten und Hängematten für alle. Es würde nichts ändern. Niemals würde man sich hier richtig wohlfühlen.

Schuld ist der Lärm. Gleich zwei vierspurige Straßen halten das dicht besiedelte Gründerzeitviertel in der Zange. Auf ihnen dröhnen die LKWs Richtung Zentrum. Ihr Krach schallt an den Betonwänden hoch, ein tieffrequentes Brummen setzt sich bis in den hintersten Winkel des Platzes fort, obwohl der groß ist und auf zwei Seiten von Hauswänden geschützt. Wer es sich leisten konnte, ist schon vor Jahrzehnten weggezogen. 46 Prozent der Einwohner sind Migranten. Jeder Vierte lebt von der Sozialhilfe.

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„Zuerst haben wir gedacht: Man müsste den ganzen Platz einfach mit einer meterhohen Glaswand umzäunen“, erzählt Regina Rossmanith, die zuständige Projektleiterin vom Amt für Umwelt und Natur. Man entschied sich für ein Experiment. Gut 1 Million Euro lassen sich der Bezirk sowie das Bundesbauministerium mit seinem Forschungsfeld „Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“ die Umgestaltung des Platzes kosten.

Ein Teil davon fließt nun in die Forschung von Brigitte Schulte-Fortkamp. Die Psychoakustikerin ist Professorin an der Technischen Universität Berlin. Sie gilt als Expertin für Soundscapes, Klanglandschaften. Es ist deutschland-, wenn nicht sogar weltweit das erste Mal, dass eine Stadt versucht, ihr Lärmproblem mit einem Gegensound in den Griff zu bekommen: „Eine akustische Umwelt-Klang-Gestaltung mit akustischen Inseln und besonderen Hörerlebnissen, die die Aufenthaltsqualität verbessern.“ So steht das in der Broschüre des Bundesbauministeriums. Nicht jeder war sofort begeistert. Schon gar nicht die Anwohner.

Schulte-Fortkamp hat sie befragt. Es gab Platzbegehungen. Es gab Schalldruckmessungen an Stationen, die alle Anwohner mitbestimmen durften. Dabei ist das Team von Schulte-Fortkamp mit Kunstkopfmikrofonen angerückt, die spiegeln das Geräuschempfinden des Menschen realistisch wider. Dann waren alle im Boot. Und zudem klar, wo etwas passieren sollte. Und vor allem: Welche Geräusche die Leute hören wollten.

„Das Ergebnis unserer Anwohnerbefragung hat mich verblüfft.“ Schulte-Fortkamp hatte damit gerechnet, dass sich etwa junge Menschen eher elektronische Klänge wünschen. Und Türken andere Sounds als Deutsche. Doch sie bekam stets die gleiche Antwort: Vogelzwitschern. „Ich habe nach Erklärungsmustern gesucht“, sagt die Psychoakustikerin. „Und ich glaube, es geht hier darum, ein Stück Natur zurückzugewinnen.“

Leser-Kommentare
  1. 1. Bäume

    Wer Vögelgezwitscher will, braucht Bäume und Sträucher. Mein Tipp: pflanzt Bäume!

    • Anonym
    • 04.11.2008 um 10:37 Uhr

    es gibt da schon länger eine marktreife Technologie die zB in hochwertigen Kopfhörern eingesetzt wird um Umgebungsgeräusche zu eliminieren und so den Musikgenuß zu verbessern. Die physikalischen Eigenschaften von Schall sind bekannt und recht simpel, im Prinzip erzeugen die Kopfhörer zusätzlich zur Musik (die ja auch nur Schall ist) weitere Schallwellen - vereinfacht gesagt - mit einer bestimmten Frequenz die die Schallwellen der Umgebungsgeräusche gänzlich neutralisieren. Es ist, als ob die Schallwellen schlicht nicht existieren. Dies ist auch kein Trick der dem Hirn gespielt wird wo aber in Wahrheit eine unglaubliche Belastung im Hirn entsteht oder so, es ist wirklich so dass die Schallwellen die man nicht will physikalisch eliminiert werden. Es gibt sie nicht mehr. Gleiches könnte man auch mit Straßenlärm machen. Freilich ist dies schwieriger, bei der Musik die auch durch den Kopfhörer geführt wird weiss der Kopfhörer ja dass die Schallwellen der Musik gewollt sind und im Prinzip alles andere nicht. Einfach hier eine Filterung durchzuführen. Beim Straßenlärm ist es anders. Hupen bei Gefahrensituationen sind zB lebenswichtig. Oder generell, viele Leute schauen nicht links und rechts im Alltag sondern verlassen sich auf ihr Gehör um ein nahendes Auto zu erkennen. Die Fahrradklingel. Das Martinshorn. Und so weiter. Einige der lautesten "Lärm"quellen sind also sehr wichtig, wie soll man dies einem Computer aber zuverlässig beibringen. Hier würde sich Forschung aber lohnen, wir geben solche Summen für Lärmschutzmaßnahmen aus mit häßlichen Lärmschutzwällen etc. dabei wäre eine technologische Lösung möglich.

    • carol
    • 04.11.2008 um 12:47 Uhr

    ich hoffe ich habe da was falsch verstanden.

    man will doch nicht etwa einfach nur geräusche von vögeln erzeugen?

    typisch mensch. anstatt die ursachen zu eliminieren werden symptome bekämpft. das wird auf dauer teurer.

    • Gafra
    • 04.11.2008 um 17:19 Uhr

    wäre es ja gut.
    Ich erinnere mich allerdings, mal in einem Kaufhaus gewesen zu sein. Nach einiger Zeit überkam mich ein seltsames, fast bedrohliches Gefühl, bis mir klar wurde, dass dort vom Band Vogelgezwitscher lief,.......... in einer Umgebung, die nichts mit Natur zu tun hatte. Ich habe gemacht, dass ich raus kam. Bei mir verfing das nicht als Kaufanreiz.

    Allerdings selbst gewählt und den Autokrach in den Hintergrund drängend..................?!
    Vielleicht funktioniert es ja.

    • ohno
    • 05.11.2008 um 17:14 Uhr

    ..., das Geld dafür zu verplempern, Autos gekapselt in den Untergrund zu vergraben? Meinetwegen mit Glasdach, sollen die doch ruhig ihre abgeschlossenen Spielplätze bekommen. Auf die Idee zu kommen, Glasmauern um Plätze zu bauen - also wirklich...

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