Bildung : Ein New Deal für die Schule

Gerät Bildung angesichts von Konjunktur- und Bankenrettungsprogrammen wieder ins Abseits? Oder gibt es eine Chance für eine neue Mischung aus Pragmatismus und Vision? Ein Vorschlag
Klassenräume können Einladungen in die Welt sein - oder mit dem Ernst des Lebens drohen

Nach einem von der Kanzlerin Anfang dieser Woche anberaumten Konjunktur-Gipfel gab es am Mittwoch den Krisengipfel im Kabinett. Mehrere Finanzgipfel stehen noch bevor. Der Bildungsgipfel ist schon wieder im Nebel verschwunden. Ja, von Bildung ist derzeit keine Rede mehr, nur von Autos und Handwerkerrechnungen. Dafür werden 13 Milliarden in den nächsten beiden Jahren locker gemacht. Hätte Bildung nicht der Kern des Konjunkturprogramms sein müssen?

Viele Schulgebäude sind marode. Manche Hochschulen aus den siebziger Jahren sind längst einstürzende Neubauten. Krippen und Kitas fehlen ganz. Viele Ganztagsschulen, die nicht bloß in den Nachmittag verlängerte Vormittagsschulen mit einem Kiosk sind, würden nach Erweiterungen und Umbauten erst diesen Namen verdienen.

Die belebende Wirkung für Arbeit und Umsatz wäre mit dem Konjunkturprogramm garantiert. Es wäre zielgerichtet. Anders als die Verlockung, umso mehr Kfz-Steuern zu sparen, je größer das Auto ist. Schwarze Stadt-Geländewagen als Meistbegünstigte der Krise? Auf diesen Witz wäre man nicht gekommen. Staatliche Investitionen in die Bildung kämen der Kultivierung des öffentlichen Bereichs, also einer gemeinsamen Welt zugute. An dieser gemeinsamen Welt fehlt es vor allem.  

Wie weit sind wir von solchen Gedanken an eine lebenswerte, gemeinsame Welt entfernt. Immerhin ein Obama signalisiert, dass es noch etwas anderes gibt als mühseliges Überlebensmanagement, Feuerwehreinsätze der Politik und die Flucht ins Private. Bildung soll nun ja in den USA Thema Nummer eins werden. Und wann beginnt bei uns der Abstieg von den pathetischen und panischen Gipfeln?

Ein Konjunkturprogramm Bildung wäre pragmatisch, weil es den taumelnden Kapitalismus beruhigen hilft, und es hätte eine Vision, für die sich das Engagement lohnt. Wir können hier Bildungsministerin Annette Schavan zitieren. Vergangene Woche sagte sie in einem Vortrag bei der Konrad Adenauer Stiftung: „Jede Schule muss so schön sein wie die Filiale einer Bank!“ Ja! Das hat die Ministerin schon mal gesagt .

Aber dieser Satz wird mit jeder Wiederholung durchaus besser. Es geht ja um keine Variante von Schöner Wohnen, sondern darum, die Räume zu schaffen, die für die Kinder und Jugendlichen eine Einladung in die Welt versprechen und nicht mit dem altbekannten Ernst des Lebens drohen.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Übrigens...

...es schadet auch nichts, neben Kindern und Jugendlichen die anderen Nutznießergruppen zu nennen: Lehrer, die endlich wieder das Gefühl haben dürften, in Räumlichkeiten arbeiten zu dürfen, die ihrer Aufgabe angemessen sind. Eltern, die darüber staunen könnten, wie gut ihre Kinder untergebracht sind. Und, ja, tatsächlich, Politiker, die voller Stolz darauf hinweisen könnten, wie viel sie für den Nachwuchs tun. Es geht also nicht nur immer um die Kinder, sondern einfach auch mal um alle anderen. Wenn ich mir täglich die Bruchbude, die sich Schule nennt, und in der ich arbeiten "darf", anschaue, vergeht mir schon die Lust. In der "freien" Wirtschaft hätte man so einen Laden längst von Amts wegen dichtgemacht. Vernagelte Fenster, Räume ohne hinreichende Belüftung, völlig verdreckte Teppiche usw. usf...

Aber man wird doch mal träumen dürfen.

New Deal für die Schule

völlig richtig! mit 150 schülerinnen und schülern und insgesamt (einschl. regal- und schließfach 2,2 qm "arbeits"fläche in einem von 77 dauerkommunizierenden kolleginnen und kollegen behausten lehrerzimmer macht das richtig spaß, sich zu erholen, material bereitzustellen usw. usw.
letzthin, bei der fortbildung, in einer anderen schule eine interessante beaobachtung: "Lehrer/in WC" - in der tat: One size fits all! Wer "sitzt", hat den unteren rand des urinals exakt 20 cm vor der nase. da fühlt sich jede lehrkraft so richtig wertgeschätzt.
so etwas in irgendeiner firma - und alle wären auf der zinne!
stattdessen - als personalrat seit 1995 kennt man sich allmählich aus - immer wieder kämpfe und schlachten um eine menschenwürdige minimalausstattung der vorhandenen toiletten - immerhin für 33 kolleginnen z.b. exakt 6 "möglichkeiten" - und das bei einer ballung auf je 15 minuten pause.
macht aber alles nix, sind ja bloß lehrerinnen und lehrer.

MFG

ulschmitz

German Way

SCHULE kommt von griech. SCHOLAE und das leitet sich von ECHEIN = HABEN ab. Wenn die alten Griechen so im Stress waren, dass sie nicht mehr alle (fünf Sinne beisammen) hatten, ließen sie los und gönnen sich SCHOLÄ: das Innehalten, Zu-sich-Kommen, Wieder-mit-sich-eins-Werden - bis man wieder alle .... hat. In Deutschland haben wir keine Schulen sondern Unterrichtungsanstalten, unsere Schulen sind Du-musst-Schulen aber keine Ich-kann-Schule. Wir machen Druck (mit u.a. vernichtenden Auswirkungen auf die Gesundheit) statt dafür zu sorgen, dass man sich zum Lernen geZOGen fühlt. Wo sich Druck schon bis zur ersten Pause so anstaut, dass er sich wie eine Lawine entlädt, da ist alles, was man aufhängt, gefährdet, nicht bloß Kunst. Wir müssen erst mal zu Lebensart finden, Unterrichtungsart erweist sich als nicht mensch- und kunstgemäß. Ich grüße herzlich.
Franz Josef Neffe

„Jede Schule muss so schön sein wie die Filiale einer Bank!“

Ja so hätten unsere "Kultur"politiker es gern. Erst die Lehrpläne, Verzeihung: Curricula, ganz auf die Bedürfnisse der"Wirtschaft" ausrichten, Bildung zur dürftigen Ausbildung verkümmern lassen und das in Räumen, die so grässlich und seelenlos sind, wie die Räume einer Bank. Berufsvorbereitung schon in der Grundschule.
Was Kahl daran so berauschend findet, dass er diesem Dummfug einen ganzen Artikel widmet, ist rätselhaft.
Die Sonntags-, Montags-, Dienstags- usf. Reden der Politiker, von mehr Geld für Bildung und Innovation kann doch kein denkender Mensch mehr hören, ohne in unstillbares Koterbrechen zu verfallen. Stetig mehr Geld für Bildung wird lediglich von Eltern und Lernenden aufgebracht.
Zudem sollte Kahl wissen, dass Schulgebäude Sache der Schulträger, der Kommunen sind. Und die wurden von der Bundespolitik seit Jahren systematisch an den Bettelstab gebracht, in "Public Private Partnerships" gedrängt, eine verdeckte Kreditaufnahme für Gebäude, die auf Dauer immens teurer ist als eine offene.
Von schönen Worten haben wir genug, schnell gehandlt wird allemal nur für die Banken.

Der Grundgedanke ist es doch - eine Bank würde nie ein schäbiges Gebäude nutzen - selbst Krankenkassen nicht oder öffentliche Gebäude für Kommunalangestellte (Rathäuser usw.). Warum aber lässt die öffentliche Hand dies bei Schulen und Kitas zu?
Der Kahl weiß sicher das Schulgebäude Sache der Schulträger, der Kommunen sind usw. Aber nur weil das so ist muss es ja nicht so bleiben ... Veränderung/Neuerung ist möglich ... wer hätte je gedacht, dass der Staat so massiv den Banken helfen wird (eigentlich "Sache des Marktes"!).
Die Frage ist doch, was wollen wir - wir, die wir das System bilden/sind. Bei denBanken wollen wir - um unserer Zukunft willen, dass deren System nicht zusammenbricht - und bei der Bildung? Zukunft? :-) Und hier liegt auch der Grund warum der Kahl dieser Gelegenheit einen ganzen Artikel widmet - er will was bewegen ...
Machen wir jetzt mal endlich mit? Oder hocken wir weiter da und ärgern uns über diverse Sonntags-, Montags-, Dienstags- usf. Reden der Politiker (die wir erwählt haben)?

Machen wir jetzt mal endlich mit

Seit Jahren mache ich als Elternvertreter in den verschiedensten Gremien mit. Verfasse Schreiben an Politiker in Kommunen, Landes- und Bundesministerien, organisiere Demonstrationen, (Podiums) Diskussionen, auch mit Herrn Kahl.
Meinen Satz mit den Ausscheidungsbedürfnissen will ich nicht wiederholen.
An Worten, Appellen, auch von Herrn Kahl habe ich überreichlich gehört, selbst von mir gegeben, verfasst.
Schöne Verheißungen sonder Zahl, Ergebnisse verschwindend gering. Überall und stets rennt man seit Jahren gegen die Geldmauer, das heißt, es fehlt.
Aber bei der "Bankenkrise" hat es keine 3 Tage gedauert, da war das Rettungspaket gepackt und geschnürt, da ist das Geld vorhanden. Soviel wurde seit Bestehen unseres Gemeinwesens nicht in die Schulen gesteckt.
Hier zeigt sich eben deutlich wo wirklich die Interessen unserer "Volksvertreter" liegen.