Finanzsystem "Organisierte Verantwortungslosigkeit"

Wer Kapital ohne Bindung an die Realwirtschaft anlegt, fördert Blasen, sagt Ökobanker Thomas Jorberg. Ein Interview vor dem Weltfinanzgipfel über die Lehren aus dem Crash

ZEIT ONLINE: Warum ist die GLS-Bank von der Finanzkrise nicht betroffen?

Thomas Jorberg: Unsere Arbeit ist von Anfang an auf Transparenz ausgelegt. Wir sagen unseren Kunden genau, was wir mit dem angelegten Geld machen. Unsere Kredite vergeben wir zu 50 Prozent im Sozialen und Kulturellen, zu 25 Prozent im Ökologischen und zu 25 Prozent im Wohnbereich. Wir machen keine spekulativen abstrakten Geldanlagen, deshalb haben wir auch keine Verluste aus solchen Geschäften.

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ZEIT ONLINE: Sie suchen eine größere Nähe zu ihren Kunden und Kreditnehmern als andere Banken.

Jorberg: Normalerweise ist der einzige Maßstab, nach dem über eine Geldanlage entschieden wird, der Zinssatz bei gegebenem Risiko. Unsere Kunden hingegen haben die Möglichkeit, zu wissen, was mit dem Geld passiert. Sie kommen zu uns, weil sie wollen, dass wir soziale, ökologische oder Wohnbau-Projekte finanzieren.

ZEIT ONLINE: Lässt sich eine derart zweckgebundene Nutzung des Geldes angesichts der globalen Verflechtung der Finanzmärkte überhaupt durchhalten?

Jorberg: Das hat natürlich seine Grenzen. Rund 70 Prozent unserer Bilanzsumme geht in direkte Kredite. Hier weiß der Anleger genau, was mit seinem Geld passiert. 30 Prozent mindestens aber muss jede Bank am Kapitalmarkt so anlegen, dass sie stets liquide ist. Das machen wir auch, indem wir diese Summe bei der westdeutschen Genossenschaftszentralbank anlegen. Wir wissen zwar nicht ganz genau, was damit passiert. Aber das Geld bleibt im genossenschaftlichen Bankensektor. Zusätzlich veröffentlichen wir eine Übersicht sämtlicher festverzinslicher Wertepapiere, die wir besitzen, damit der Kunde nachvollziehen kann, wo sein Geld steckt. Wir sind sehr transparent.

ZEIT ONLINE: Wenn die GLS-Bank in soziale oder ökologische Projekte investiert, ist dann das Risiko, dass diese Projekte scheitern, nicht größer als das "normaler" Geldanlagen?

Jorberg:Ich würde sagen: im Gegenteil. Der Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie ist eine Mär. Auch eine freie Schule oder heilpädagogische Einrichtung wird unter ökonomischen Gesichtspunkten geführt. Natürlich prüfen wir, bevor wir Kredite vergeben, sehr genau auch die relevanten ökonomischen Fragen. Soziale und ökologische Kriterien sind zwar entscheidend, aber jedes Projekt muss sich auch rechnen.

Leser-Kommentare
  1. Kommentar
    ......ZEIT ONLINE: Konnte man die Finanzkrise voraussehen?
    Jorberg: Ja, schon länger. Man konnte mindestens schon seit zwei Jahren erkennen, dass in den USA die Immobilienpreise in eine realwirtschaftlich nicht mehr begründbare Höhe steigen. Dennoch hätte wohl niemand eine Krise in dieser Dimension und Dynamik vorausgesagt.
    .......
    Wenn man (wer ist man?) das voraussehen konnte vor zwei Jahren, warum haben dann die Banken das Geld nicht abgezogen? Offensichtlich haben sie ja das Gegenteil gemacht. Immer noch mehr investiert in die 'Blase'.

    Seltsam .... Danach sagt jemand er habe es gewusst ?

    Ich kann nicht lachen .....

  2. Endlich mal eine unaufgeregte, kompetente Stimme in diesem Meinungswirrwarr zwischen neoliberalem Trotz und vulgärmarxistischer Untergangslust!

    Der wichtigste Satz scheint mir der folgende:

    Geld anlegen bedeutet, die Gesellschaft zu gestalten. Wir müssen ein anderes gesellschaftliches Verständnis für den Umgang mit Geld entwickeln.

    Das müssen natürlich vor allem jene, die welches haben bzw. verwalten.

    Als Fazit ziehe ich daraus: Die Frage nach der Moral von Bankern ist falsch gestellt. Die richtige Frage - an uns alle - wäre die nach unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis.

    Vielleicht könnte die ZEIT daraus mal eine Serie machen.

    • self22
    • 12.11.2008 um 16:12 Uhr

    Alle qualifizierten Bankmanager haben erkannt, dass da eine riesige Blase wächst. Trotzdem haben sie immer mehr Geld in dieses Casino geworfen.
    Es kann nur den Grund haben, dass sie von ihren Besitzern/Großaktionären genötigt/bestochen wurden, es trotzdem zu tun. d.h. im Umkehrschluss, hätten sie nicht mitgemacht, wären sie entlassen oder ihre Bank aufgekauft worden wegen mangelnder Rendite (<25%)., denn ohne Blase sind solche Renditen wohl nicht zu erreichen. Die gigantischen Gehälter und Boni müssen nun einmal nicht zurückgegeben werden. Warum sollte ich dann als Banker/Manager das Spiel nicht bis zum bitteren Ende mitspielen? Das Tragische ist eigentlich, dass man diese Banken offensichtlich nicht einfach wegen Fehlspekulation pleite gehen lassen kann. Man kann es also nur im Vorfeld verhindern. Also müssen die Anreizsysteme verändert werden.
    Das Gesamtrisiko bei großen Blasen tragen die jedenfalls Steuerzahler und nicht die Banken/Banker. Das habe ich als klare Erkenntnis mitgenommen.

  3. Wenn nicht allgemein erkannt wird, dass Geld eben wirklich nichts anderes ist als ein Zahlungsmittel und von daher keine andere Funktion haben darf als eben in der Mitte zwischen handelbaren Gütern zu stehen, wird die nächste Krise, da systemimmanent, nicht lange auf sich warten lassen.
    Geld kann vernünftigerweise nur Mittel einer Wertbemessung sein. Wenn diese Vorgabe umgedreht und der Versuch unternommen wird, das Geld selbst, anstelle einer Bemessungsgröße als eigenständige Wertgröße, zu behandeln, ist das Kollaps unvermeidbar.

    Von daher ist ein Paradigmenwechsel von der Kapitalwirtschaft zur Fähigkeitenwirtschaft die unvermeidbare Konsequenz.
    Kurzum: Wertschöpfung durch Wertschätzung!

    An diesem Nadelöhr kommt man auf dem Weg in bessere ökonomische Verhältnisse nicht vorbei.

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    ... aber im Prinzip genauso hat das, wenn ich mich recht entsinne, schon Karl Polanyi 1944 (!) in "The Great Transformation" geschrieben: Geld als das, was der Ware ihren Wert verleihe, könne nicht selbst Ware sein.

    Das Problem geht aber noch darüber hinaus, denn es liegt ja gewissermaßen "in der Natur" des kapitalistischen Prozesses, aus allem eine Ware machen zu wollen. Abstrakt betrachtet handelt es sich dabei um eine Art Interpretationsprozess, der die - subjektive - Wertschätzung zu objektivieren scheint (vgl. etwa Simmel "Philosophie des Geldes"). Gerade das macht den Prozess so attraktiv für unsere modernen individualistischen Gesellschaften mit ihren ebenfalls sehr abstrakten Selbst- und Fremdverhältnissen.

    Übersehen wird dabei die Selbstreferentialität, wenn eben, wie das heute der Fall ist, das Mittel selbst zur Ware wird. Das ist vielleicht ein bisschen so wie bei einer Rekursionsschleife in einem Programm, bei der die Abbruchbedingung nie erfüllt wird.

    ... aber im Prinzip genauso hat das, wenn ich mich recht entsinne, schon Karl Polanyi 1944 (!) in "The Great Transformation" geschrieben: Geld als das, was der Ware ihren Wert verleihe, könne nicht selbst Ware sein.

    Das Problem geht aber noch darüber hinaus, denn es liegt ja gewissermaßen "in der Natur" des kapitalistischen Prozesses, aus allem eine Ware machen zu wollen. Abstrakt betrachtet handelt es sich dabei um eine Art Interpretationsprozess, der die - subjektive - Wertschätzung zu objektivieren scheint (vgl. etwa Simmel "Philosophie des Geldes"). Gerade das macht den Prozess so attraktiv für unsere modernen individualistischen Gesellschaften mit ihren ebenfalls sehr abstrakten Selbst- und Fremdverhältnissen.

    Übersehen wird dabei die Selbstreferentialität, wenn eben, wie das heute der Fall ist, das Mittel selbst zur Ware wird. Das ist vielleicht ein bisschen so wie bei einer Rekursionsschleife in einem Programm, bei der die Abbruchbedingung nie erfüllt wird.

  4. Thomas Jorberg hat auf die verwirrenden Blasen verzichtet, mit denen die üblichen Rechtfertigungen aus der Bankerszene nur noch schwer nachzuvollziehen sind. Das präsentierte Modell ist eine überzeugende Dienstleistung für Kunden, die Wert auf eine vernünftige Verwaltung ihres Geldes legen, die ohne süchtig machende Gewinnmarchen auskommt und dafür in dieser Krisenzeit ein erstaunliches Standvermögen zeigt.

  5. ... aber im Prinzip genauso hat das, wenn ich mich recht entsinne, schon Karl Polanyi 1944 (!) in "The Great Transformation" geschrieben: Geld als das, was der Ware ihren Wert verleihe, könne nicht selbst Ware sein.

    Das Problem geht aber noch darüber hinaus, denn es liegt ja gewissermaßen "in der Natur" des kapitalistischen Prozesses, aus allem eine Ware machen zu wollen. Abstrakt betrachtet handelt es sich dabei um eine Art Interpretationsprozess, der die - subjektive - Wertschätzung zu objektivieren scheint (vgl. etwa Simmel "Philosophie des Geldes"). Gerade das macht den Prozess so attraktiv für unsere modernen individualistischen Gesellschaften mit ihren ebenfalls sehr abstrakten Selbst- und Fremdverhältnissen.

    Übersehen wird dabei die Selbstreferentialität, wenn eben, wie das heute der Fall ist, das Mittel selbst zur Ware wird. Das ist vielleicht ein bisschen so wie bei einer Rekursionsschleife in einem Programm, bei der die Abbruchbedingung nie erfüllt wird.

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    Richtig! "Geld als das, was der Ware ihren Wert verleiht, kann nicht selbst Ware sein."
    In welche Worte man es auch fasst, es ist letzten Endes so unausweichlich simpel, dass man sich nur wundern kann, mit welcher Energie und Ausdauer alle Jahrzehnte wieder die große Aushebelung dieser Grundprämisse versucht wird.
    Ganz besonders bemerkenswert dabei ist, wie sich noch eine sogenannte "Finanzindustrie" darauf aufbauen kann, dass man in der der gesamten Geldkonstruktion von einem Irrtum ausgehend logisch geworden ist.
    Schon der Begriff "Finanzindustrie" allein, hätte uns seit geraumer Zeit wachrütteln sollen. Hätte uns mit der Nase darauf stoßen sollen, dass da ganz gehörig etwas in Schieflage gekommen ist.
    Und diese "Schieflage" hat sich nicht erst jetzt als Folge der amerikanischen Immobilienkrise und ihrem Anhang ergeben, sondern ist allgemeine Grundlage eines Verständnisses vom "Geld als Ware". (und seiner Ausweitung in nahezu alle Wirtschaftsbereiche)

    Aber nichts breitet sich letztendlich aus, wenn es nicht von Menschen getragen wird. Und als "Träger" dieses Geldverständnisses waren (wissend oder unwissend) auf der einen Seite viele sogenannte kleine Leute ebenso tätig wie auf der anderen die Produktdesigner der "Finanzindustrie".
    Nur dass letztere mit ihren Vorständen und Direktoren wohl nicht so unbedarft bei der Sache waren, wie sie nun, da der Karren an die Wand gefahren ist, den "Anlegern" und Geschädigten weismachen wollen.
    Von daher ist der Titel "Organisierte Verantwortungslosigkeit" nur zu berechtigt!

    Richtig! "Geld als das, was der Ware ihren Wert verleiht, kann nicht selbst Ware sein."
    In welche Worte man es auch fasst, es ist letzten Endes so unausweichlich simpel, dass man sich nur wundern kann, mit welcher Energie und Ausdauer alle Jahrzehnte wieder die große Aushebelung dieser Grundprämisse versucht wird.
    Ganz besonders bemerkenswert dabei ist, wie sich noch eine sogenannte "Finanzindustrie" darauf aufbauen kann, dass man in der der gesamten Geldkonstruktion von einem Irrtum ausgehend logisch geworden ist.
    Schon der Begriff "Finanzindustrie" allein, hätte uns seit geraumer Zeit wachrütteln sollen. Hätte uns mit der Nase darauf stoßen sollen, dass da ganz gehörig etwas in Schieflage gekommen ist.
    Und diese "Schieflage" hat sich nicht erst jetzt als Folge der amerikanischen Immobilienkrise und ihrem Anhang ergeben, sondern ist allgemeine Grundlage eines Verständnisses vom "Geld als Ware". (und seiner Ausweitung in nahezu alle Wirtschaftsbereiche)

    Aber nichts breitet sich letztendlich aus, wenn es nicht von Menschen getragen wird. Und als "Träger" dieses Geldverständnisses waren (wissend oder unwissend) auf der einen Seite viele sogenannte kleine Leute ebenso tätig wie auf der anderen die Produktdesigner der "Finanzindustrie".
    Nur dass letztere mit ihren Vorständen und Direktoren wohl nicht so unbedarft bei der Sache waren, wie sie nun, da der Karren an die Wand gefahren ist, den "Anlegern" und Geschädigten weismachen wollen.
    Von daher ist der Titel "Organisierte Verantwortungslosigkeit" nur zu berechtigt!

  6. Richtig! "Geld als das, was der Ware ihren Wert verleiht, kann nicht selbst Ware sein."
    In welche Worte man es auch fasst, es ist letzten Endes so unausweichlich simpel, dass man sich nur wundern kann, mit welcher Energie und Ausdauer alle Jahrzehnte wieder die große Aushebelung dieser Grundprämisse versucht wird.
    Ganz besonders bemerkenswert dabei ist, wie sich noch eine sogenannte "Finanzindustrie" darauf aufbauen kann, dass man in der der gesamten Geldkonstruktion von einem Irrtum ausgehend logisch geworden ist.
    Schon der Begriff "Finanzindustrie" allein, hätte uns seit geraumer Zeit wachrütteln sollen. Hätte uns mit der Nase darauf stoßen sollen, dass da ganz gehörig etwas in Schieflage gekommen ist.
    Und diese "Schieflage" hat sich nicht erst jetzt als Folge der amerikanischen Immobilienkrise und ihrem Anhang ergeben, sondern ist allgemeine Grundlage eines Verständnisses vom "Geld als Ware". (und seiner Ausweitung in nahezu alle Wirtschaftsbereiche)

    Aber nichts breitet sich letztendlich aus, wenn es nicht von Menschen getragen wird. Und als "Träger" dieses Geldverständnisses waren (wissend oder unwissend) auf der einen Seite viele sogenannte kleine Leute ebenso tätig wie auf der anderen die Produktdesigner der "Finanzindustrie".
    Nur dass letztere mit ihren Vorständen und Direktoren wohl nicht so unbedarft bei der Sache waren, wie sie nun, da der Karren an die Wand gefahren ist, den "Anlegern" und Geschädigten weismachen wollen.
    Von daher ist der Titel "Organisierte Verantwortungslosigkeit" nur zu berechtigt!

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