ZEIT ONLINE: Herr Muschg, wir erleben seit der Bankenkrise eine große Verunsicherung. Von Schriftstellern war dazu bislang nicht viel zu hören.

Adolf Muschg: Viel Klügeres als Hans-Magnus Enzensberger im Spiegel kann man nicht sagen. Geld ist eine fantastische und enorm literarische Materie. Goethe hat in der Kaiserhof-Szene in Faust II schon gezeigt, welchen Schwindel man mit Geldvermehrung treiben kann. Damals war nur der Narr so klug, seinen Anteil in Grundbesitz anzulegen.

ZEIT ONLINE: Und heute?

Muschg: Auch damit ginge er heute ein hohes Risiko ein. Ich komme aus der Schweiz, wo man Geld noch viel diskreter behandelt als Sex – siehe das Bankgeheimnis, das Herrn Steinbrück so ärgert. Im Geiste der Aufklärung: mit Recht. Aber am Geld zeigt sich die Dunkelstelle der menschlichen Natur. 

ZEIT ONLINE: Besitzen Sie Aktien?

Muschg: Ich komme aus einem kleinbürgerlichen Haushalt, in dem Geld zugleich bitter nötig und immer auch anrüchig war. Aktien waren etwas für Spekulanten. Ich habe mir erst vor ein paar Jahren ein paar Aktien anhängen lassen, von einer Kantonalbank mit Staatsdeckung, und bin damit ganz zu Recht auf die Nase gefallen. Viel verloren habe ich nicht. Aber ich habe lange zuvor mein Erspartes von der UBS abgezogen – aus Instinkt. Der Geruch des privaten Geldgeschäfts war mir nie geheuer.

ZEIT ONLINE: Sie hatten recht.

Muschg: Die Sprachlosigkeit der Banker angesichts der Pleite war eindrucksvoll. Offenbar haben die Genies der Wall Street nicht gelernt, weiter zu denken als bis zum nächsten schnellen Profit. Entschlüpft ihnen der Markt, fallen sie wie Puppen. Offenbar haben sie nie gewusst, was sie tun. In diesem Kasino gewinnen nur die besten Spieler – die wissen, wo man rechtzeitig auf den Verlust der anderen wetten muss.

ZEIT ONLINE: Und die anderen?

Muschg: Wo sind die verlorenen Milliarden von Lehman Brothers hingekommen? Jemand hat sie ja auf sein Konto gebucht, auch wenn es nur fiktive Werte sind – und wird natürlich weiter zocken. Wenn er pfiffig ist: mit der Deckung des Steuerzahlers. Gier muss nur radikal genug Spieltrieb werden, um sich zu rentieren. Darin mag das Banking der Kunst verwandt sein. Etwa wie der Taschendieb dem Taschenspieler.

ZEIT ONLINE: Ist der Kapitalismus schuld an allem?