Schriftsteller Milan Kunderas Abgrund

Die Diskussion um Kunderas Vergangenheit lässt sich in Deutschland nur schwer verstehen. Denn sie ist Ausdruck eines tschechischen Konflikts.

Am 13.10. 2008 erschien die erschütternde Nachricht in der tschechischen Zeitschrift Respekt: Der Schriftsteller Milan Kundera soll 1950 einen Agenten des amerikanischen Geheimdienstes, Miroslav Dvořáček, an die Polizei verraten haben. Das hatte Adam Hradílek herausgefunden, ein Mitarbeiter des Prager Instituts für das Studium totalitärer Regimes.

Als Spion wurde Dvořáček  folglich zu 22 Jahren Haft verurteilt, von denen er dann 14 Jahre, zumeist in den Arbeitslagern, verbüßte. In Tschechien ist man vom Bericht schockiert. Die in die Affäre verwickelten Menschen um Herrn Miroslav Dvořáček verbrachten alle viele Jahre in Gefängnissen.

Anzeige

Man ist verlegen: Wusste Kundera mit 21 Jahren von den Konsequenzen? Ging es um eine politische Denunziation oder nur um eine Meldung eines jungen, eifrigen Funktionärs? Man ist ratlos: Hat Milan Kundera es wirklich getan? Oder ist das Dokument ein Falsum oder eine durchdachte Übeltat eines anderen?

Seit vielen Jahren fordern die Tschechen von Milan Kundera, er solle sich endlich zu seiner Vergangenheit äußern. Durch diese Enthüllung wird es noch dringlicher. Er wurde von vielen tschechischen Intellektuellen immer zwiespältig betrachtet. Der Grund ist Kunderas politische, aber auch die persönliche Erfahrung. Von ganz außen bis nach tief innen ist sein Weg.

Milan Kundera führte zwei Leben: eins in der Tschechoslowakei, das andere in Frankreich. Zwischen diesen zwei unterschiedlichen Lebensweisen erstreckt sich ein Abgrund. Ein ethischer und ein ästhetischer. Er verließ sein Land, da sein Weg und der Weg des Landes zum Abgrund führten. Doch es ist ihm gelungen, wieder nach oben zu gelangen und einen neuen Weg zu begehen. Meisterhaft.

Mit seiner Heimat wollte er nichts mehr zu tun haben. Er distanzierte sich von Tschechien, von seiner Vergangenheit. Steckt dahinter vielleicht doch ein traumatisches Erlebnis? Kundera war Zeitzeuge. Viele verlangen von ihm, dass er sich zu der Zeit äußert. Er meint jedoch, man könne die Zeit der fünfziger Jahre der heutigen Gesellschaft nicht erklären.

War er Mitläufer? Jetzt wurde es, zwar etwas vage, bewiesen. Ein Mitläufer zu sein, was hieß es aber in der Zeit? Kundera war Vorgesetzter eines Studentenheimes und seine Pflicht war, die Fremden des Heimes anzumelden. Inwieweit soll man die Tat interpretieren? Die jungen leidenschaftlichen, agilen Anti- und Kommunisten waren unprofessionelle und zu gewissenhafte, geblendete „Täter“ ihrer jeweiligen Idee.

Leser-Kommentare
  1. in Niedersachsen war alle paar hundert Meter eine Atombombe verbuddelt, weil die Englaender ihre Besatzungszone im Falle eines russischen Vormarsches in die Luft sprengen wollten (Code name "Blue Danube"). In Prag wimmelte es wahrscheinlich von CIA Agenten - waere Kundera zBsp. Strassenbahnschaffner gewesen, haette es ihm auch rein statistisch passieren koennen, den einen oder anderen CIA Mann wegen Schwarzfahrens ans Messer zu liefern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Haben Sie eigentlich recht.
    In meiner sozialistischen Traumphase bin ich nur deshalb nicht von der Stasi angeworben worden, weil ich mir bei deren ersten Avancen fast in die Hose gemacht hatte. Mein beinahe künftiger Führungsoffizier machte beim Anwerben um 17h00 s.t. Feierabend. Ohne die dadurch entstandene Bedenkzeit wäre ich heute Chefredakteur bei Neues Deutschland.

    Es ist so fürchterlich billig, als Sesselfurzer nach 50 Jahren herumzumoralisieren.

    Haben Sie eigentlich recht.
    In meiner sozialistischen Traumphase bin ich nur deshalb nicht von der Stasi angeworben worden, weil ich mir bei deren ersten Avancen fast in die Hose gemacht hatte. Mein beinahe künftiger Führungsoffizier machte beim Anwerben um 17h00 s.t. Feierabend. Ohne die dadurch entstandene Bedenkzeit wäre ich heute Chefredakteur bei Neues Deutschland.

    Es ist so fürchterlich billig, als Sesselfurzer nach 50 Jahren herumzumoralisieren.

  2. Haben Sie eigentlich recht.
    In meiner sozialistischen Traumphase bin ich nur deshalb nicht von der Stasi angeworben worden, weil ich mir bei deren ersten Avancen fast in die Hose gemacht hatte. Mein beinahe künftiger Führungsoffizier machte beim Anwerben um 17h00 s.t. Feierabend. Ohne die dadurch entstandene Bedenkzeit wäre ich heute Chefredakteur bei Neues Deutschland.

    Es ist so fürchterlich billig, als Sesselfurzer nach 50 Jahren herumzumoralisieren.

    • Gafra
    • 12.11.2008 um 21:24 Uhr
  3. Seit wann werden bei dem Thema Staatssicherheit Fragen gestellt? In den Jahren seit dem Umbruch aller Verhältnisse verhielt es sich doch stets so, die Antworten parat zu haben, bevor jemandem überhaupt die Idee kam, Fragen zu stellen, oder auch nur überhaupt den Gegenüber anzuhören. "Die Zeit" half fleißig, diesem "Boulevard-Journalismus" zu fröhnen. Insofern ist der Artikel in Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Gerade deshalb ist es auch konsequent, dass die Autorin im Anleser des Artikels die Frage stellt, warum die Diskussion in Deutschland nur schwer zu verstehen ist. Denn die Diskussion stellte sich in den letzten 18 Jahren in Deutschland nicht. Sie war obsolet, denn die Antworten waren gefunden, bevor man begann, Fragen zu stellen. Warum also diskutieren?

    Der tschechische Konflikt ist daher gleichsam ein deutscher Konflikt.
    Mut zur Selbsterkenntnis!

  4. So ähnlich wie beim Hitlerjungen(?) Grass! Oder was immer er damals angeblich gewesen ist. Da rüsseln ein paar Lohnschreiberlinge durchs Unterholz und stoßen versehentlich auf ein vergilbtes Dokument. Worauf sich das Trüffelschwein zum Hofgockel wandelt, auf den Misthaufen klettert und aus Leibeskräften zu Krähen beginnt.
    [entfernt, bitte mäßigen Sie Ihre Ausdrucksweise/ Redaktion; svb]

  5. Wenn Frau Bruhns "svb" weiter so prüde in Texten von Erwachsenen rumlöscht, mach ich nicht mehr mit.

  6. Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder.

  7. Dieser Artikel aergert mich. Das liegt daran, dass er genau das propagiert, worauf sich Zeitungen gestuerzt haben, seit die Geschichte publik geworden ist: Kundera schweigt, er gibt nichts ueber sein Leben preis - Kundera aeussert sich nicht. Nun (endlich!) haben die Medien einen Grund, sein Schweigen anzugreifen, indem sie suggerieren, wer schweigt, habe automatisch schmutzige Geheimnisse. Aber das ist ein Trugschluss. Die Tatsache, dass jemand ein bekannter Schriftsteller ist, heisst noch lange nicht, dass er sich oeffenlich ueber sein Leben aeussern muss. Und die Tatsache, dass jemand Romane schreiben kann, heisst nicht, dass seine politischen Aeusserungen relevant sind und/oder die Oeffentlichkeit einen Anspruch darauf hat, dass sie zugaenglich gemacht werden.

    In einer Zeit, wo sich die Leute auf Facebook und aehnlichen Seiten vor der Welt im Detail entbloessen (teilweise nicht nur im uebertragenen Sinne!) versucht man uns glauben zu machen, dass oeffentliche Bekenntnisse ein Muss sind, und Schweigen verdaechtig macht. Das ist Unsinn.
    Yasmina Reza hat zu diesem Fall zu Recht in Le Monde geschrieben, im Kaiserreich des Laerms sei Schweigen ein Vergehen, und dieser absurden Ethik falle nun Kundera zum Opfer. Die selbe Form der Ethik vertritt auch dieser Artikel.

    Kundera sagt, er sei unschuldig. Warum sollte er also sein Schweigen brechen? Um sich fuer etwas zu erklaeren, von dem er sagt, er habe es nicht getan? Seit wann muss man beweisen, dass man unschuldig ist? Und falls er tatsaechlich unschuldig ist - wogegen soll er sich verteidigen? Was soll er sagen? Wie beweist man seine Unschuld? Und sollte man das tatsaechlich tun muessen? Dass er Kommunist war, wissen wir laengst. Wer beweisen kann, dass er des Verrats schuldig ist, mag weitere Antworten fordern. Aber dieser Beweis muss erst erbracht werden, bevor wir solche Forderungen stellen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service