Lyrik Herz, du alte Artischocke!
Nora Gomringer betreibt Klimaforschung. In ihrem neuen Gedichtband erkundet sie die Großwetterlagen der Liebe, des Alltags und der Politik. Ein gelungenes Projekt.

© Anny Maurer/ Voland & Quist
Nora Gomringer erforscht das Mikroklima der Liebe
Forschung dient dazu, das Leben leichter zu machen. Dinge besser ein- und anordnen zu können. Aber eignen sich die gleichen Forschungsinstrumente auch fürs eigene Leben. Und: Kann man die Ergebnisse lyrisch hernach darstellen?
Nora Gomringer versucht es. Klimaforschung heißt der neue Gedichtband der 28-jährigen gebürtigen Schweizerin, und er ist keineswegs zähe Materie. Sehr ernst, selbstkritisch und oft sehr ironisch analysiert Gomringer Beziehungen, Arbeit, Familie, Gesellschaft. Streng formalistisch ist sie vorgegangen: Eingeteilt wurde in vier Forschungsfelder: Mikro-, Meso- und Makroklima sowie "Wetter und Wandel“. Parameter sind die prägenden Konstanten im Leben: geliebte und bewunderte Menschen, Lieblingsorte, Zeiten.
Die Liebe ist das größte Thema, vor allem im Mikroklima. All der Schmerz, den sie bereitet, wird mit Hilfe einer angenehm reduzierten Pflanzen-Symbolik oder einem sachlichen Diplomaten-Vokabular beschrieben. Das Herz vergleicht Gomringer mit einer Artischocke, die zwar "staunend wahrgenommen wird ob ihrer Größe“, die man aber auch schnell schälen und Schicht um Schicht freilegen kann. So viel Aufhebens um ein Ding, das durch Aussähen und Pflanzen vielfach reproduzierbar ist, muss doch nicht sein, will die Autorin sagen – wenn da nicht die Tatsache wäre, dass es um das eigene Beet geht. "Für unsere Innigkeit“ zitiert den Kampf der Geschlechter mit dem Bett als Schauplatz der Auseinandersetzungen und der Sprache als Mittel, mit dem die Beziehung am Leben erhalten wird.
Es handelt sich immer um sehr konkrete Situationen – Gomringers Spezialität ist, den Gefühlen nachzufühlen und ihre Veränderung genau zu erfassen. Damit wird stets auch die Geschichte oder die Zukunft des jetzigen Zustands mittransportiert. So wird die Romantik der ersten Liebe als unerfüllte Liebe entlarvt, die ein grässliches Warten nach sich zog, während der Sandkuchen verwehte und das Springseil verrottete – die Hoffnung aber blieb.
Auch Politisches dringt durch einige von Gomringers Zeilen. Das mit Lehrling betitelte Gedicht stellt die Arbeit eines Sanitärfach-Lehrlings der einer Akademikerin gegenüber. Der eine richtet die Wohnung her, in die die andere zieht. Fast meint man als Leser, das Muster der Kacheln ertasten und die Renovierungsgerüche wahrnehmen zu können.
Was bleibt, ist nicht die angenehme Vorstellung, eine helle, große Altbauwohnung vielleicht selbst einmal mit Leben zu erfüllen. Sondern das schale Wissen um das Verhältnis von gut und schlecht bezahlter Erwerbstätigkeit und den Unterschied zwischen Hand- und Kopfarbeit. Überhaupt scheint das Gomringers Thema zu sein, mit dem sie Ungerechtigkeit ausdrücken will, denn das Leben von Handwerkern, Bäckern und Fleischereifachverkäuferinnen kommt öfter vor.
Als Material für Bilder und Metaphern spielen Wälder und Holz oft eine Rolle. In Gomringers letztem Band Sag’ doch mal was zur Nacht dienten die Holzbretter, die der Ex-Lover am lyrischen Ich vorbeischleppt, um einen Tisch für sich und seine Neue zu bauen, dazu, die enttäuschte Liebe zu verarbeiten. In Klimaforschung steht das Holz vor allem für Individualität, ungeschliffen von äußeren Einflüssen: "Lass mich sein, was meine Maserung vorgibt“.
Der Fachmann sagt: Holz arbeitet ständig. Und so tut es auch der Mensch! Aber bitte ohne Zwang. Auch ein anderes Element, Wasser in jeglicher Form, hat es Gomringer als Symbolteppich angetan. Das Bett wird zur Eisscholle, die im kalten Meer des Lebens treibt, verloren zwar, aber doch auch immer in den gleichen Bahnen. "So ist das Leben“ scheint es aus dem Eis zu ächzen, während das Schmelzen voranschreitet und eine nahende Veränderung zwingend macht. Ziemlich ernst, wie Gomringer ständig das Leben auf das Existentielle reduziert, aber auch angenehm klischeefrei.
In der zweiten Hälfte des Buches geht es etwas unverkrampfter, ironischer und bunter zu, näher an Slam Poetry und Spoken Word, der Szene, aus der Gomringer stammt und die unverkennbar auf ihr Buch Einfluss genommen hat. Da tauchen sie dann auf, die intelligenten Wortneuschöpfungen: Das emotionale "Konjunktief“, in dem sich das lyrische Ich befindet und das den One-Night-Stand ermöglicht oder die "Einheimlichen“, die gleichzeitig heimisch, fremd, schüchtern und wagemutig ihre erste Liebe erkunden.
"In der Lyrik steht man heulend am Rand“ schreibt Gomringer in einem von mehreren Gedichten, die das Verhältnis der verschiedenen Literaturgattungen erforschen und sich über das Künstlerdasein lustig machen. Bei solch pointierter, bildreicher Sprache muss Gomringer sich aber wohl kaum ernsthaft Gedanken darüber machen, ob ihre Lyrik ein Dasein am Rande des Literaturbetriebs fristen muss.
- Datum 06.11.2008 - 14:26 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Dichters Buntgeblüm an Bett- und Eisschollkanten
Wow, schwarze Milch der Perma-Dichter,
die Gletscher dichterisch bedenken -
der trüben, ausgeblasenen Laser, Lichter,
für eisbärlose Zukunft schenken.
Hej, Pulk der öko-ewgen Altpennäler,
das sturweg auf der Schulbank schwitzt,
der taffen Forscher und Krakeeler,
das Grönland-Eis-Bohrkerne schnitzt.
Yeah, Volk der Narren, Zahlenidioten,
das herzhaf Öko-Fähnchen schwenkt,
und als Terraristen sich mit roten
und uns zu Farm und Fahn’n behängt!
Oh Pedantenvolk, das ewig unvollendet,
zerforscht in Leidenswegen geht -
hej - von dem Natur sich abgewendet,
weil sie der Menschen Rätsel nicht versteht?
~ * ~
Metaphern tun noch Gutes, außer poeta tut es.
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