Lyrik Herz, du alte Artischocke!Seite 2/2
Als Material für Bilder und Metaphern spielen Wälder und Holz oft eine Rolle. In Gomringers letztem Band Sag’ doch mal was zur Nacht dienten die Holzbretter, die der Ex-Lover am lyrischen Ich vorbeischleppt, um einen Tisch für sich und seine Neue zu bauen, dazu, die enttäuschte Liebe zu verarbeiten. In Klimaforschung steht das Holz vor allem für Individualität, ungeschliffen von äußeren Einflüssen: "Lass mich sein, was meine Maserung vorgibt“.
Der Fachmann sagt: Holz arbeitet ständig. Und so tut es auch der Mensch! Aber bitte ohne Zwang. Auch ein anderes Element, Wasser in jeglicher Form, hat es Gomringer als Symbolteppich angetan. Das Bett wird zur Eisscholle, die im kalten Meer des Lebens treibt, verloren zwar, aber doch auch immer in den gleichen Bahnen. "So ist das Leben“ scheint es aus dem Eis zu ächzen, während das Schmelzen voranschreitet und eine nahende Veränderung zwingend macht. Ziemlich ernst, wie Gomringer ständig das Leben auf das Existentielle reduziert, aber auch angenehm klischeefrei.
In der zweiten Hälfte des Buches geht es etwas unverkrampfter, ironischer und bunter zu, näher an Slam Poetry und Spoken Word, der Szene, aus der Gomringer stammt und die unverkennbar auf ihr Buch Einfluss genommen hat. Da tauchen sie dann auf, die intelligenten Wortneuschöpfungen: Das emotionale "Konjunktief“, in dem sich das lyrische Ich befindet und das den One-Night-Stand ermöglicht oder die "Einheimlichen“, die gleichzeitig heimisch, fremd, schüchtern und wagemutig ihre erste Liebe erkunden.
"In der Lyrik steht man heulend am Rand“ schreibt Gomringer in einem von mehreren Gedichten, die das Verhältnis der verschiedenen Literaturgattungen erforschen und sich über das Künstlerdasein lustig machen. Bei solch pointierter, bildreicher Sprache muss Gomringer sich aber wohl kaum ernsthaft Gedanken darüber machen, ob ihre Lyrik ein Dasein am Rande des Literaturbetriebs fristen muss.
- Datum 06.11.2008 - 14:26 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Dichters Buntgeblüm an Bett- und Eisschollkanten
Wow, schwarze Milch der Perma-Dichter,
die Gletscher dichterisch bedenken -
der trüben, ausgeblasenen Laser, Lichter,
für eisbärlose Zukunft schenken.
Hej, Pulk der öko-ewgen Altpennäler,
das sturweg auf der Schulbank schwitzt,
der taffen Forscher und Krakeeler,
das Grönland-Eis-Bohrkerne schnitzt.
Yeah, Volk der Narren, Zahlenidioten,
das herzhaf Öko-Fähnchen schwenkt,
und als Terraristen sich mit roten
und uns zu Farm und Fahn’n behängt!
Oh Pedantenvolk, das ewig unvollendet,
zerforscht in Leidenswegen geht -
hej - von dem Natur sich abgewendet,
weil sie der Menschen Rätsel nicht versteht?
~ * ~
Metaphern tun noch Gutes, außer poeta tut es.
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