Charismatische PolitikerDas große Obama-Suchen

Die Europäer bewundern ihn. Alle deutschen Parteien hätten gern einen Obama. Aber sie werden keinen bekommen – weil sie sind, wie sie sind von 

Gesucht in Europa: Obama-Supermann

Gesucht in Europa: Obama-Supermann  |  © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

Jetzt sind alle, oder fast alle, erleichtert. Endlich gibt es an Amerika wieder etwas zu bewundern. Das Grauen der Bush-Cheney-Jahre ist vorüber. Die Bürger der Vereinigten Staaten haben das selbst in einem klassischen demokratischen Akt erledigt. Und so klingt das Pathos vom American Dream mit einem Mal auch gar nicht mehr so verlogen wie in den vergangenen acht Jahren. Barack Obama, der Wahlsieger, hat den Blick auf die USA verändert, vielleicht sollte man auch besser sagen: wieder zurechtgerückt.

Kein Wunder also, dass man im alten Europa nicht nur mit Respekt und Erleichterung den Wahlsieg Obamas registriert hat. Man ist geradezu fasziniert, wie der junge Senator aus dem Nichts kam, sah und siegte; wie er Misstrauen durch rhetorisches Handauflegen in Vertrauen wandelte, junge Menschen aus den Sofas holte und aus ihnen ohne jeden Zeitverlust Kampagnehelfer machte. Und wie er Woche für Woche im Internet neue Rekorde im Sammeln von Kleinspenden aufstellt. Obama, der wahre Menschenfischer. So kam es wohl, wie es kommen musste: Alle sind sich einig, so einen brauchen und wollen wir auch. Aber wo ist er?

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Oder schlichter gefragt: "Wo bleibt der deutsche Obama?" Unter diesem Titel, der auch satirisch gemeint hätte sein können, das aber nicht war, diskutierte am Montag eine Runde im Deutschlandfunk, ein relativ alter Politikwissenschaftler und drei noch relativ junge Jungpolitiker, wobei letztere prompt gefragt wurden, ob Obama ihr Vorbild sei. Irgendwann kam dann die Rede auf den neuen hessischen SPD-Kandidaten und dessen Null-Chance gegen Roland Koch. Da sagte der Jungsozialdemokrat in der Runde doch tatsächlich, vor zwei Jahren hätte schließlich auch niemand Barack Obama gekannt. Ich nehme an – im Zweifel für den Angeklagten! – dass das wenigstens ein bisschen auch als Scherz gemeint war. Es zeigt aber jedenfalls, welche Blüten diese kollektive Obama-Suche treiben kann.

Da niemandem entgangen ist, nicht einmal dem unseligen Italiener Silvio Berlusconi, dass Barack Obama eine dunkle Hautfarbe hat, kommt die Obama-Frage auch gern in der Form aufs Tapet: Wann wird der erste Türke Bundeskanzler? Je nun, haben Sie nicht was Leichteres? Cem Özdemirs Schwierigkeiten, als Parteivorsitzender bei den Grünen auch einen Listenplatz für den Bundestag zu kriegen, demonstriert die Probleme für diese Perspektive "deutscher Obama". Immerhin sind die Niederländer da schon einen großen Schritt weiter: Ab 1. Januar wird dort ein holländischer "Obama-plus" Bürgermeister der Hafenstadt Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, 47, geboren in Marokko, mit 15 Jahren eingewandert, praktizierender Moslem, Doppelstaatsbürger, Sozialdemokrat und, wer weiß, eines Tages vielleicht Spitzenkandidat seiner Partei fürs ganze Land.

Aber jetzt mal ernsthaft: Es geht natürlich überhaupt nicht um die Frage, ob ein Türke/Araber und/oder ein Moslem/Jude/Hindu Kanzler in Deutschland, Ministerpräsident in Holland, Dänemark, Österreich oder sonst wo in Europa werden kann. Entscheidend ist, ob die alten europäischen Parteien und die alten politischen Strukturen in Europa einen wie Obama überhaupt zulassen würden. Die alberne Frage "Wo ist der deutsche Obama?" müsste eigentlich lauten: Hätte einer wie Barack Obama in einer unserer Parteien überhaupt eine Chance?

"Gute" und "schlechte" Hindernisse würden den Aufstieg allzu außerordentlicher Politiker behindern. Die zirkushaften Inszenierungen der Kandidatenauftritte, die weihevollen Teleprompter-Galareden, das spektakuläre Mega-Event-Ambiente, dessen sich auch Obama gern bedient und das er vortrefflich beherrscht, trifft in Europa, speziell aber in Deutschland nicht auf die gleiche Unbefangenheit wie in Amerika.

Leserkommentare
    • HMRothe
    • 11. November 2008 19:30 Uhr

    seit seiner Rede auf dem Demokratenparteitag in Boston, in der er sinngemaess "Yes, we can" sagte, und dass man doch lieber Iran und Pakistan bombardieren solle statt Irak und Afghanistan.

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    entschuldigen sie tausendmal;jemand der somirnixdirnix von niederbomben spricht, ist für meine person definitiv alles andere als ein "hoffnungsträger", eher eine zukunftsperspektielle nullnummer und luftblase.gibt es etwa in den genannten ländern-iran,pakistan-keine zivilbevölkerung die bei einem bombardement ums leben kommen kann?je klarer das bild das ich mir von obama machen kann, je kleiner meine-schon von haus aus nicht übertriebenen- hoffnungen in den neuen amtsinhaber des weissen hauses.g.w.

    • blurred
    • 11. November 2008 20:01 Uhr

    Leider fügen sie dabei der Demokratie schweren Schaden zu.

    Erinnert sich noch jemand an Hubertus Heils "Yes we can" auf dem SPD-Parteitag?

    Da versuchte ein profilloser Generalksekretär mit der Ausstrahlung einer Umlaufmappe mal was ganz irre Ausgeflipptes zu machen.

    Grausam ! Wie kann so jemand auf so einen Posten kommen? Und warum hat ihn niemand von der Bühne gezerrt?

    Und in den anderen Parteien sieht es nicht besser aus. Pofalla, Roth, Tiefensee, Seehofer (Frau oder Freundin?) usw. Alles personifizierte Beleidigungen des Demokratiebegriffs.

    Auswahl der Besten ? Nein, Sitzfleisch zählt.

  1. entschuldigen sie tausendmal;jemand der somirnixdirnix von niederbomben spricht, ist für meine person definitiv alles andere als ein "hoffnungsträger", eher eine zukunftsperspektielle nullnummer und luftblase.gibt es etwa in den genannten ländern-iran,pakistan-keine zivilbevölkerung die bei einem bombardement ums leben kommen kann?je klarer das bild das ich mir von obama machen kann, je kleiner meine-schon von haus aus nicht übertriebenen- hoffnungen in den neuen amtsinhaber des weissen hauses.g.w.

    • r0ll0
    • 11. November 2008 20:14 Uhr
    4. muha

    muha

  2. gerät nicht erst jetzt außer Kontrolle, sondern spätestens seit dem Spiegel-Titel: "Der Messias-Faktor", diese Woche ist er sogar schon "Der Weltpräsident". Aus den Wahlanalysen lernen wir übrigens: Hätten nur weiße Männer gewählt, wäre es McCain. Hätten nur Schwarze oder nur Frauen gewählt, wäre das Ergebnis noch deutlicher.

    Aber auch die Zeit hat viele Monate damit verbracht in ihm eine ganz andere Art von Politiker zu sehen, und erst nachdem er gewonnen hat fangen die Medien an sich intensiver damit zu beschäftigen, was die von ihm vertretene Politik vielleicht für uns bedeuten könnte-z.B. in Afghanistan.

    Ich bin offen zwiegespalten: ich hab absolut nix gegen ihn als Person - wie denn auch? Seine Biographie ist einzigartig und wunderbar genug, seine rhetorischen Fähigkeiten sind zwar nicht einmalig aber trotzdem sehr gut, er ist eine "Gelassenheitsmaschine" (danke an die Zeit für das Wort, das triffts!), die bisher keine groben Fehler gemacht hat - und er würde jeden Schönheitswettbewerb unter Politikern gewinnen, denn er ist sexy und weiß es. An dem Todestag seiner Oma hielt er die einzige Rede, bei der er seine Gefühle nicht vollkommen unter Kontrolle hatte (ihm lief ein Tränchen runter, das er sich mechanisch - aber nicht irgendwie peinlich berührt - wegwischte). Ich war aber weder begeistert über Biden als Vize, noch weiß ich seinen Außen- und Sicherheitsberater Brzezinski einzuschätzen (obwohl es da ja reichlich Material gibt seit den 60ern, seit er als Politikberater auf höchster Ebene einstieg, z.B. auch Fotos mit Osama bin Laden, als der noch für die "richtige" Seite kämpfte). Wieviel "Change" wird möglich sein, sollte er tatsächlich Bush's Verteidigungsminister behalten?

    Ich hätte mir Hillary gewünscht und McCain immer noch besser als Bush gefunden. Ich freue mich aber natürlich, dass eine schwarze Familie ins White House einzieht, ich lächel in mich hinein wenn ich sehe, dass Michelle Obama Bush nicht vor den Kameras begrüßt hat (sowas gehört sich für Mr. Obama nicht, aber das Sie sich getraut hat dem amtierenden Präsidenten gegenüber so demonstrativ unfreundlich zu sein: Chapeau!) und ich bin begeistert, dass sich durch seine Wahl scheinbar überall Menschen mit Einwanderungsgeschichte bzw. dunklerem Teint als Gewinner fühlen.

    Umso trauriger werden hier diese Blicke beim nächsten Koch-CDU-Wahlkampf wieder werden, denn - mal ehrlich: größer könnte der Unterschied doch nicht sein zwischen dem politischen Klima jetzt in D in Folge der US-Wahl und der Ausländerhetze von Anfang des Jahres gegen SPD- und Grünenpolitiker mit nicht-deutschem Nachnahmen.

    Wenn Du etwas wissen willst, frag keinen Gelehrten, sondern einen Erfahrenen!

  3. Das Problem ist, dass es das Amt des Präsidenten in Deutschland nicht so gibt, wie in Amerika. Wir haben zu unserem/unserer Bundeskanzler/in keine direkte Bindung, weil wir nicht primär eine Person wählen, sondern eine Partei. Wir haben auch nicht ein besonders ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Land. Amerikaner wachsen mit dem team-spirit auf, ob nun für ihre Schule oder Universität, für ihr Sportteam oder eben für ihr Land. Unsere politische Landschaft ist sehr viel komplexer (mehrere Parteien/Koalitionen, Europa usw.). Wir wissen, dass der/die Bundeskanzler/in zwar ein wichtiges Amt hat, dass aber auch so viel von dem Kabinett, der Koalition oder der Opposition abhängt. Wir sind auch sehr viel unpatriotischer. Deswegen ist ein Obama in Deutschland auch nicht möglich, und das ist denke ich auch ganz gut so Ich denke Deutschland fühlt sich in der vermittelnden, mahnenden und konstruktiven Rolle sehr wohl, bei uns wäre es undenkbar, wenn jemand aufstehen würde und sagen würde: Lasst uns die Welt verändern. Eben dafür ist sozusagen Amerika zuständig mit dem (scheinbar) unbegrenzten Optimismus und Unternehmungsgeist.

    Nichts desto trotz könnte man sich in Deutschland etwas charismatischere, lebendigere Politiker wünschen, allein schon um des Gefühles willen, dass sich jemand wirklich reinhängt und sich etwas bewegt.

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    • BGrabe
    • 13. November 2008 15:38 Uhr

    "Ich denke Deutschland fühlt sich in der vermittelnden, mahnenden und konstruktiven Rolle sehr wohl, bei uns wäre es undenkbar, wenn jemand aufstehen würde und sagen würde: Lasst uns die Welt verändern. Eben dafür ist sozusagen Amerika zuständig mit dem (scheinbar) unbegrenzten Optimismus und Unternehmungsgeist."

    Ich b zweifle, dass man sich hier wirklich damit wohl fühlt. Woher kommt denn wohl die allgemeine deutsche Miesepeterei?
    Mag sein, dass diejenigen, die die Öffentlichkeit prägen sich damit wohl fühlen, das Volk jedenfalls scheint dem schon lange nicht mehr folgen zu wollen, nur hat es noch keine Alternativen.
    Und wenn nur diejenigen, die die Öffentlichkeit prägen das gut finden, so scheint mir hier ein Zusammenhang zu bestehen zu den Strukturen, die offensichtlich genau diese Leute fördern.

    Berthold Grabe

  4. Obama ist absoluter Pragmatiker -- das ganze Heils- und Hoffnungsgedöns ist rein europäisches Machwerk. Er wird immer für sein Land zu tun suchen, was er zum gegebenen Zeitpunkt gerade für richtig und erforderlich hält, und er wird es stets mit lächelnder Miene tun. Die Durchführung seiner Wünsche aber wird er seinem vor nichts zurückschreckenden, allseits gefürchteten Stabschef Rahm Emanuel überlassen.

    • th80ej
    • 11. November 2008 20:39 Uhr

    wie kann man nur auf die absurde Idee verfallen, zu fragen, wo bleibt denn der türkische Bundeskanzler? Ich war viele Male in den USA und auch einmal in Kanada. Und ich habe sehr schnell gemerkt, daß man einen Mexiko-stämmigen oder einen Afro-Amerikaner geradezu beleidigen kann, wenn man auf seine Herkunft anspielt. Diese Menschen fühlen mehrheitlich als US-Amerikaner.
    Und die große Mehrheit der Türken in Deutschland? Fühlen die sich etwa als Deutsche? Meine türkischen Freunde, die ich das Glück hatte, kennenzulernen wären vielleicht mit den erwähnten US-Amerikanern zu vergleichen, aber diese meine Freunde gehören auch zu einer kleinen Minderheit von Weltbürgern.
    Gruß

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