Russland & Europa Liebesgrüße nach Moskau?

Am Freitag ist der jährliche EU-Russlandgipfel, die Europäische Union verhandelt mit Russland jetzt über einen neuen Grundlagenvertrag. Muss sie das?

Als Feindbild haben die Russen selbst in James-Bond-Filmen längst ausgedient. Und auch als „Reich des Bösen“ gehört ihr Land längst der Geschichte politischer Rhetorik an. Und doch flimmern Erinnerungen an den Kalten Krieg seit dem russisch-georgischen Feldzug im August vielen wieder übers Auge.

Moskau hat militärisch die Muskeln spielen lassen, wie einst in Budapest, in Prag, am Hindukusch. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sprang als Schlichter ein, doch das Verhältnis der Europäer zu Russland scheint spätestens seit jenen Tagen zutiefst gestört.

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Und dennoch wird die EU „bald“ die Verhandlungen mit Moskau über ein neues Partnerschaftskommen fortsetzen, wie die EU-Außenkommissarin am Montag ankündigte. Am Freitag steht in Nizza der jährliche EU-Russlandgipfel auf dem Terminkalender, kommende Woche soll in Genf über die Zukunft Georgiens verhandelt werden, dessen Aufspaltung die Europäer nicht akzeptieren.

Das Partnerschaftsabkommen wünschen nicht alle Europäer gleichermaßen; sehr zum Ärger der Litauer, aber auch mancher Polen und Balten, Briten und Schweden wurde es auf die Agenda gesetzt. Reiben sich da womöglich die Hardliner im Kreml die Hände und lachen sich einen über diese Europäer, die willensschwach und energiehungrig klein beigeben? Haben sich in Brüssel mal wieder Frankreich und Deutschland auf Kosten der kleinen und neuen EU-Mitglieder durchgesetzt?

Der Verdacht hinter solchen Fragen ist nicht unbegründet und erfasst doch nicht die ganze Wirklichkeit im europäisch-russischen Verhältnis. Moskau meldet sich auch darum so lautstark zurück, weil es nach dem Zerfall seines Imperiums geschwächt ein Jahrzehnt lang manche Demütigung des Westens über sich ergehen lassen musste. Der hatte nach dem Fall der Mauer erst versprochen, seine Nato-Truppen nicht hinter die Elbe, dann nicht hinter die Oder zu verlegen: Heute drängen nicht nur die Amerikaner auf eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine.

Der amerikanische Raketenschirm soll vor der Nase Moskaus aufgespannt werden, was den Mächtigen im Kreml eiskalt und undiplomatisch mitgeteilt wurde.

Leser-Kommentare
  1. Georgien wurde nicht überfallen, sondern Saakaschwili tat den ersten provokativen Angriff und Russland lässt sich schliesslich vom kleinen Nachbar nicht auf der Nase tanzen.
    Problem Ukraine: Warum in aller Welt zählt man plötzlich in Europa diese beiden Länder als Nato- und EU-würdig, nur weil die amerikanische Administration eine solche Strategie fährt.
    Das ist nichts anderes als willkürliche Expansion Richtung Osten. Verteidigung, wozu der ursprüngliche Nordatlantikpakt einmal gegründet wurde, sieht anders aus.
    Diese beiden Länder sollten erst einmal erwachsen werden und stabile Regierungen einrichten. Zudem ist die Ukraine gespalten in einen europafreundlichen und einen sehr starken russischen Teil. Solange da keine Einigkeit herrscht, hat sich der Westen rauszuhalten.
    Vorhöfe: Die Amis haben ihren Vorhof, wo sie keine Fremdlinge dulden würden, am allerwenigsten Russen oder Chinesen. Muss man nicht den Russen das gleiche Recht zugestehen, dass man auch ihre Vorhöfe in Ruhe lässt?
    Amerika nimmt sich jedoch die Kühnheit heraus, sich praktisch im gesamten euroasiatischen Gürtel postsowjetischer Staaten bis vor die Tore Chinas festzusetzen. Und wundert sich dann, wenn Moskau versucht, sich zwischendurch mal etwas Luft zu verschaffen.
    Europa sollte sich endlich von Amerika emanzipieren und mit den Russen auf Augenhöhe ohne schulmeisterliche Arroganz aber festen Blickes als Partner verhandeln. Gegenüber der Russophobie der Kazcinskis und der ewigen „Zündler“ aus Litauens rechter Szene (Landsbergis & Co.) sollte man etwas pragmatischer reagieren.

    • hardob
    • 12.11.2008 um 20:46 Uhr

    deshalb ist eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zu einem Grundlagenvertrag zwischen EU und Russland richtig.

  2. Muss oder Nicht ist, wie soll ich sagen die falsche Frage. Obwohl, falsche Fragen solles ja eigentlich nicht geben...

    Wie ich das sehe ist eine Freundschaft billiger, angehmer und einfacher als eine Feindschaft... Also, ihr Europäer die ihr schon so viele Kulturen mehr oder weniger verbunden oder sogar integriert habt und doch jedem ein gewisses Mass an Eigenständigkeit belassen habt...

    Macht euch auf den Weg gen Osten... Freundschaftlich soweit es geht. Feindschaft und üble Propaganda sollten eh von gestern sein. Kompromisse tun ja nicht wirklich weh solange beide Seiten etwas davon haben

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  3. hör ich meist auf, weiter zu lesen. Dieser Artikel hier bestätigt wieder einmal mein Urteil. Der Autor versucht, den Kalten Krieg aufzuwärmen. Das kann nicht klappen, weil Russland sich über die Jahre als verlässlicher Partner der EU-Staaten bewiesen hat. Was wir hier in Deutschland wirklich nicht brauchen, ist die USA-Doktrin. Was die USA im Weltwährungssystem angerichtet haben, ist offenkundig. Die USA interessiert nur das eigene Wohlergehen. Ob "befreundete" Staaten dabei über die Klinge springen, ist der dort herrschenden Kaste ziemlich egal. Und so zeigt sich der vorliegende Artikel völlig anachronistisch. So blöd sind die Deutschen nicht.

  4. Moskau hat militärisch die Muskeln spielen lassen, wie einst in Budapest, in Prag, am Hindukusch.
    Das ist ja schon ein ziemlich übler Vergleich. Hindukusch kann man nur bedingt dazu zählen, schließlich ist die Bundeswehr ja dort gerade im Krieg. Der Vergleich mit Prag ist einfach nur eine Dreistigkeit. Es ist schon ein Unterschied, wenn die Panzer gegen einen "menschlichen Sozialismus" und (mehr) Demokratie und Menschenrechnte rollen oder einen georgischen Angriff zurückschlagen.
    Das gleichsetzen von einem undemokratischen und angriffslustigen geogrischen Regime mit dem Prager Frühling ist wirklich unschön!

    über die Zukunft Georgiens verhandelt werden, dessen Aufspaltung die Europäer nicht akzeptieren.
    Nun .. die nicht blinden EU Politiker haben das Thema mit Sicherheit bereits abgehackt. Dass Georgien die seit 15 Jahren De facto verlorenen Provinzen noch einmal verloren hat, wird die EU nicht daran hindern ein neues Abkommen auszuhandeln.
    Ist ja schließlich im Interesse der EU! Von den wenigen US Vasallen östlich von Deutschland jetzt mal abgesehen.

  5. Carlis08 schrieb:

    Muss man nicht den Russen das gleiche Recht zugestehen, dass man auch ihre Vorhöfe in Ruhe lässt?

    Grundsätzlich nein. Und zwar deshalb, weil die Ukraine, Litauen, Lettland, Estland, Tschechien, Slowakei, Polen etc. pp. niemandes Vorhöfe sind, sondern souveräne, selbstbestimmte Staaten. Staaten, die während des Kalten Krieges von Russland besetzt gehalten (Baltikum, Ukraine) oder zumindest doch gegen deren Willen mit Waffengewalt im sowjetischen Einflussbereich gehalten wurden (Ungarischer Aufstand, Prager Frühling etc.)

    Wenn man das im Hinterkopf behält und Sensibilität für die daraus resultierenden Vorbehalte dieser Länder Russland gegenüber aufbringt, dann darf man die Abfangraketen aber durchaus kritisieren, aber man sollte es immer auf der Basis des Respekts für die Gefühle der oben genannten Länder tun.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    1. Kennen Sie die Monroe - Doktrin ? Ständig wird von Westeuropäern in diesem Zusammenhang vom "Vorhof" oder noch arroganter vom "Hinterhof" der USA gesprochen. Das ist o.k. ?
    2. Wurden die von Ihnen genannten souveränen, selbstbestimmten Staaten in ihrer Geschichte nur von Russland besetzt ?
    3. Welche Rolle haben in den baltischen Staaten der polnische Staat und die deutschsprachigen Eliten gespielt. Waren diese die wahren Vertreter der von Interessen der dortigen Völker ?
    Ich habe übrigens eine hohe Meinung von allen Völkern, auch von den Russen.
    freundlicher Gruß
    Jesús

    1. Kennen Sie die Monroe - Doktrin ? Ständig wird von Westeuropäern in diesem Zusammenhang vom "Vorhof" oder noch arroganter vom "Hinterhof" der USA gesprochen. Das ist o.k. ?
    2. Wurden die von Ihnen genannten souveränen, selbstbestimmten Staaten in ihrer Geschichte nur von Russland besetzt ?
    3. Welche Rolle haben in den baltischen Staaten der polnische Staat und die deutschsprachigen Eliten gespielt. Waren diese die wahren Vertreter der von Interessen der dortigen Völker ?
    Ich habe übrigens eine hohe Meinung von allen Völkern, auch von den Russen.
    freundlicher Gruß
    Jesús

  6. Heutzutage muss man beim lesen der Zeit ab und zu auf die Titelseite blicken um nachzuschauen ob da nicht ein blatt in der hand haelt, welches vor dem bestehen dieser republik in kriegszeiten gedruckt wurde. Wo ist der ausgewogene journalismus der auch den blick vom standpunkt des gegenueber druckt? Bevor ich mein urteil bilde will ich beide/viele seiten kennen. Ein, ich glaub, indianisches sprichwort sagt: bevor du ueber jemanden sprichst gehe 10 schritte in seinen schuhen. Die leser wollen kein kaeseblatt sondern fordern von der redaktion ausgewogene beitraege und blicke von vielen unterschiedlichen perspektiven [Teile entfernt, bitte missbrauchen Sie nicht Ihr Gastrecht im Forum der ZEIT/ Redaktion; svb]. Wir wollen von euch dokumentarische und auch ausgewogen-analytische berichterstattung. Ist das denn evtl. moeglich?

  7. Kontroverse Positionen regen zum Nachdenken an. Grundsaetzlich erwarte ich nicht von einer Zeitung, dass ich 100% mit ihr uebereinstimme - auch nicht von meiner Lieblingszeitung.

    Am Anfang dieses Artikels musste ich jedoch den Atem anhalten:
    "Moskau hat militärisch die Muskeln spielen lassen, wie einst in Budapest, in Prag, am Hindukusch. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sprang als Schlichter ein, doch das Verhältnis der Europäer zu Russland scheint spätestens seit jenen Tagen zutiefst gestört."

    Der Vergleich ist geradezu primitiv und wurde bereits von anderen Nutzern kritisiert.
    Meiner Meinung nach ist nicht das Verhaeltnis der Europaeer zu Russland gestoert, sondern das Verhaeltnis der deutschen (vielleicht auch europaeischen) MEDIEN zu Russland, inkl. der Zeit.
    Nicht nur auf den Internetseiten der Zeit, sondern bei den meisten Angeboten der deutschen Presse (online wie offline) konnte ich feststellen, dass diejenigen LESER-Kommentare klar ueberwiegen, die Verstaendnis fuer Russlands Positionen hat. In meinem Bekanntenkreis war zur Zeit des Georgien-Konflikts das Befremden ueber die deutsche Presse gross - obwohl niemand ein eingefleischter Russland-Fan ist.

    Bezueglich der Leserzahlen spielen die deutschen Medien meiner Meinung nach mit dem Feuer. 2008 gab es bereits zwei qualitative Tiefschlaege (der erste war im Tibet-China-Konflikt vor Olympia) aufgrund von vorschneller(?) Einseitigkeit.
    20 Jahre lang habe ich die deutschen Qualitaetszeitungen als unverzichtbaren Bestandteil in meinem Leben gehalten. Darueber denke ich aber langsam anders, da ich die Qualitaet immer staerker anzweifle.

    Dennoch finde ich das Artikel insgesamt relativ(!) ausgewogen und mehr erwarte ich auch nicht. Obwohl - frueher habe ich von der Zeit mehr erwartet, aber inzwischen backe ich kleinere Broetchen der Erwartung.

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