In vielen Städten gehen Schüler heute nicht in den Unterricht, sondern auf die Straße. Sie verlangen kleinere Klassen, mehr Lehrer und den Abschied vom deutschen Sonderweg mit seinem gegliederten Schulsystem. Diese Forderungen sind nicht gerade neu. Wie sollten sie auch angesichts eines so trägen Systems. Allerdings sind die einzelnen Parolen gar nicht so wichtig. Auch die in den vergangenen Tagen aufgekommene Frage, ob die Linkspartei die Fäden beim Schülerstreik zieht, kann man vernachlässigen. Hinter den Protesten steckt etwas ganz anderes.

Es wird munter im deutschen Bildungstal. Die Jugendlichen melden sich zurück. Sie kämpfen mit ihren Aktionen erst mal gegen die eigene Gleichgültigkeit. Nach neun oder 13 Jahren verlassen Absolventen die Anstalten "wie Landsknechte eine aufgelöste Armee" (Peter Sloterdijk). In vielen Schulen herrscht dumpfe Normalverwahrlosung. Kein Wunder, im Alltag ist das Durchkommen mit möglichst guten Noten immer noch die oberste Norm, ganz im Gegensatz zu all den schönen Gipfelreden über Kreativität und Bildung.

Gewöhnlich erziehen die Schulen zu einer Art Untermietermentalität. Sie fordert eben nicht den "Innovationsgeist" heraus, der allenthalben verlangt wird. Dieses Lernen, so heißt es in den Aufrufen der Schüler, "haben wir satt." Stoff bewältigen. Lehrpläne befolgen. Für Klausuren büffeln. Und dann? Schnell wieder vergessen. Die Krankheit der meisten Schulen heißt Bulimie: Stoff in sich hineinstopfen und wieder erbrechen.

Der Protest der Schüler ist ebenso existenzialistisch wie bildungspolitisch. Der neue Elternprotest ist ähnlich gestimmt. Es begann vor einem Jahr in Freiburg. Dort wurden Mütter (und wenige Väter) vom reformerischen Aufbruch in manchen Staatsschulen und in neu gegründeten, privaten Reformschulen angesteckt. So eine Schule wollten sie auch für ihre Kinder. Sie fuhren zum Kongress "Kinder zum Olymp".

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel © privat

"Aber nach den Sonntagsreden", sagt Andrea Weiss, die vor einem Jahr Schule-mit-Zukunft mitgegründet hat, "erlebten wir die Montagsrealität". Sie wollten in den Schulen was auf die Beine stellen. Taten sie auch. Einen Schulzirkus zum Beispiel. Dabei lernten sie die alltägliche Not kennen. Stundenausfall, Sparmaßnahmen, tägliches Überlebensmanagement und Verdruss. Die Krankenschwester Sylvia Kugler, Sprecherin der Freiburger Initiative, ist noch entrüstet: "Vorher hatten wir gar nicht mitbekommen, dass alle Förderstunden gestrichen worden waren."

Vor einem Jahr riefen diese Eltern zur ersten Lichterkette auf. 2000 Freiburger kamen. Andere Städte folgten dem Beispiel. Am 28. November dieses Jahres soll es in ganz Baden-Württemberg hell werden. Die Freiburger Mütter sind pragmatisch und sie verfügen über einen bewundernswerten Überschuss an Ideen. So wollen sie Schulen in den Ferien mit kulturellen Aktivitäten, Theater und "vielen tollen Leuten" am Laufen halten. Sie sind sich sicher, dass sie dann belebter und voller sein werden als in der Pflichtschulzeit. Das wollen sie selbst organisieren. Was gibt es da für Widerstände! Als ging es um eine Revolution. Aber vielleicht ist genau das die Revolution, die ansteht, eine stille Revolution, eine vor Ort. Eine neue Art von Bildungspolitik, keine von Politikern und Ideologen, sondern von bürgerschaftlichen Akteuren.