Obamas Wahlsieg "Ich habe es für unmöglich gehalten"
Als Alice Coachman 1948 als erste schwarze Athletin Olympia-Gold für die USA gewann, weigerte sich der Bürgermeister, ihre Hand zu schütteln. Ein Interview über den Wandel
Alice Coachman gewann bei den Olympischen Sommerspielen 1948 in London im Hochsprung die Goldmedaille. Es war der erste Olympiasieg einer farbigen Athletin. Coachman feiert am Sonntag ihren 85. Geburtstag.
ZEIT ONLINE: Frau Coachman, Barack Obama ist zum ersten farbigen Präsidenten der USA gewählt worden. Was bedeutet das für Sie?
Alive Coachman: Ich bin jetzt fast 85 Jahre alt, in einer Zeit und in einer Gegend geboren, in der Leute mit meiner Hautfarbe für viele Jahre Menschen zweiter Klasse waren. Deshalb freut es mich umso mehr, dass ich noch erleben darf, wie ein Afro-Amerikaner Präsident wird.
ZEIT ONLINE: Haben Sie sich in eine der Wahl-Schlangen gestellt, um für Obama zu stimmen?
Coachman: Aber ja doch. Ich bewundere diesen Mann. Er hat Courage und ist konsequent seinen Weg gegangen. Und er hat es geschafft, die jungen Leute zum Wählen zu bringen und sie für Politik zu interessieren. Das hat mir am meisten imponiert.
ZEIT ONLINE: Was erhoffen Sie sich von ihm?
Coachman: Ich weiß nicht, ob ich in meinem Alter noch so viel von Obama profitiere. Es ist schwer, vorauszusagen, was mit unserem Land unter einem farbigen Präsidenten passieren wird. Kann er die Wirtschaftskrise beheben? Ich weiß es nicht. Ich freue mich einfach, dass ein Farbiger die nächsten Jahre im Weißen Haus sitzen wird. Das hätte ich vor fünf Jahren niemals für möglich gehalten. Damals habe ich zu meinem 80. Geburtstag ein Fernseh-Interview gegeben und gesagt, dass ich in den nächsten 50 Jahren kaum Verbesserungen für uns Farbige sehe. So kann man sich irren.
ZEIT ONLINE: Was hat Sie vor fünf Jahren so pessimistisch gestimmt?
Coachman: Damals hatten wir den Irak-Krieg, wo natürlich nicht nur Farbige, sondern auch weiße Soldaten ihr Leben gelassen haben. Und als Mutter, Oma und Uroma hasse ich es einfach, zu sehen, wie junge Menschen unnötig Gefahren ausgesetzt werden. Ich gehe sogar soweit und sage, dass die Jugendlichen heute, vor allem die Farbigen, ein härteres Leben haben, als wir damals. Und das, obwohl ich zu Zeiten der Rassentrennung aufgewachsen bin. Aber damals gab es keine Bomben, keine Morde, und wir haben uns auch nicht gegenseitig ausgeraubt.
ZEIT ONLINE: Dennoch hatten Sie aufgrund Ihrer Hautfarbe viele Probleme.
Coachman: Das stimmt. Deshalb durfte ich nicht öffentlich trainieren, denn Farbigen war in Georgia die Nutzung öffentlicher Sportanlagen untersagt. Zudem waren meine Eltern sehr arm. Ich musste nach der Schule auf den Baumwollfeldern arbeiten, um so etwas Geld zu verdienen. Dennoch reichte es nie für Schuhe. Ich bin immer barfuß gelaufen. Obwohl ich talentiert war, nicht nur im Hochsprung, sondern auch im Sprint, untersagte mir mein Vater, Leichtathletik zu betreiben. Er meinte, das sei nichts für Frauen. Dennoch habe ich in der siebten Klasse erstmals an den US-Meisterschaften teilgenommen und dort ist man auf mich aufmerksam geworden.
ZEIT ONLINE: 1946 wurden Sie dann als erste farbige Frau für die Olympischen Spiele zwei Jahre später in London nominiert. Welche Erinnerungen haben Sie an das Großereignis?
Coachman: Sie werden lachen, zu allererst denke ich an die Überfahrt nach England. Denn im Gegensatz zu vielen anderen US-Athleten wurde ich nicht seekrank. Bei unserer Ankunft war ich total überrascht, denn da warteten Leute auf mich. Heute würde man wohl Fans dazu sagen. Sie wussten über mich und meine Hochsprungrekorde bestens Bescheid. In den USA hingegen kannte mich damals kaum jemand. Das ging übrigens nicht nur mir so, sondern vielen amerikanischen Athleten. In Europa schienen sich die Menschen mehr für uns zu interessieren. Außerdem erinnere ich mich an die Eröffnungsfeier, wo ich Englands König George VI. und Königin Elizabeth, die spätere "Queen Mum" gesehen habe. Das war für mich was ganz Besonderes, über Könige und Königinnen liest man ja normalerweise nur in Büchern.
ZEIT ONLINE: Sie haben den Hochsprung mit 1,68 Meter gewonnen. Haben Sie unmittelbar nach Ihrem letzten Sprung realisiert, dass Sie Historisches geschafft hatten?
Coachman: Ich wusste gar nicht, dass ich gewonnen hatte. Denn die Britin Dorothy Tyler und ich hatten beide diese Höhe übersprungen, ich jedoch im ersten und sie im zweiten Versuch. Damals waren die Regeln jedoch nicht so klar wie heute. Ein Offizieller kam auf mich zu und bat mich, mit ihm zu kommen. Wir gingen dann zum Podium, wo mir König George VI. die Goldmedaille umhängte. Erst da wusste ich, dass ich Olympiasiegerin war.
ZEIT ONLINE: Ihr Sieg bedeutete das einzige Leichtathletik-Gold für die stark eingeschätzten US-Frauen in London. Wie war der Empfang in der Heimat?
Coachman: Als wir mit unserem Schiff in etwa auf Höhe der Freiheitsstatue in New York waren, kam ein kleines Boot auf uns zu. Das war voller Journalisten, die extra meinetwegen kamen. In den USA hatten die Zeitungen damals groß über die schwarze Frau berichtet, die Olympiasiegerin wurde. Ich bin zu den Journalisten umgestiegen und sie haben mich interviewt. Dadurch habe ich jedoch die Menschen verpasst, die am Pier auf mich gewartet haben. Denn als das kleine Presse-Boot dort anlegte, hat mich mein Trainer durch einen Nebeneingang rausgebracht. Er wollte offenbar kein großes Aufsehen erregen. Ich habe einfach gemacht, was er gesagt hat.
ZEIT ONLINE: Wie haben die Leute in Ihrer Heimatstadt Albany im Bundesstaat Georgia reagiert?
Coachman: Dort gab’s im Theater einen großen Empfang für mich – allerdings nach Rassen getrennt. Der Bürgermeister war auch dort, gratulierte mir zur Goldmedaille, weigerte sich jedoch, mir die Hand zu geben. Aber das war damals halt so, wir reden hier schließlich über das Jahr 1948.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie reagiert?
Coachman: Ich fand es natürlich nicht gut, denn ich hatte schließlich Gold für die USA, Georgia und meine Heimatstadt Albany gewonnen. Ich habe diesen Olympiasieg nicht für die Farbigen geholt, sondern für alle Amerikaner. Das müssen Sie sich mal vorstellen: In England haben die Menschen mir zugejubelt und in meiner Heimatstadt weigerte sich der Bürgermeister, mir die Hand zu geben. Aber noch prägender war folgendes Erlebnis. Als ich zum Haus meines Großvaters kam, waren dort unzählige Blumen, teure Blumen wie Rosen und Orchideen und Geschenkgutscheine. Die kamen von weißen Mitbewohnern. Aber niemand schrieb eine Karte oder hinterließ seinen Namen, da niemand öffentlich zugeben wollte, einer Farbigen diese Aufmerksamkeit erwiesen zu haben. Ich trage heute noch zwei Schmuckstücke, für die ich mich nie bedanken konnte, da ich nie erfahren habe, von wem ich sie bekommen habe.
ZEIT ONLINE: Verfolgen Sie heute noch den Spitzensport?
Coachman: Aber natürlich. Ich schaue viel Fernsehen, habe zuletzt die Sommerspiele in Peking ganz gespannt verfolgt.
ZEIT ONLINE: Was sagen Sie zur heutigen US-Leichtathletik, wo die besten Athleten fast ausschließlich Afro-Amerikaner sind?
Coachman: Ich freue mich, wie erfolgreich unsere Leichtathleten sind, dabei ist mir jedoch völlig egal, welche Hautfarbe sie haben. Das hat mich sowieso noch nie interessiert. Es ist nicht wichtig, ob ein Athlet schwarz oder weiß ist, sondern dass er die jeweiligen Qualifikationen schafft und unser Land bei den Wettkämpfen würdig vertritt.
Die Fragen stellte Heiko Oldörp.
- Datum 02.09.2009 - 15:07 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, 7.11.2008 - 18:13 Uhr
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