DFB-Präsident Zwanziger "Ich bin kein Volksverhetzer"
Theo Zwanziger verklagt einen Journalisten, der ihn als Demagogen bezeichnet. Ein Interview über die Kommunikationsherrschaft des DFB und Meinungsfreiheit im Fußball
© Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Theo Zwanziger
Der Sportjournalist Jens Weinreich kritisierte die Aussagen Zwanzigers, die dieser auf einem Kongress des Deutschen Olympischen Sportbundes getroffen hatte, und bezeichnete Zwanziger im Blog direkter-freistoss.de als „unglaublichen Demagogen“. Sinngemäß wirft Weinreich Zwanziger vor, alleine den rechtlichen Rahmen für das anhaltend schlechte Abschneiden deutscher Fußballklubs im Europapokal verantwortlich zu machen. Daraufhin schickte Zwanziger Weinreich per Anwalt eine Unterlassungserklärung, die Weinreich wiederum nicht unterzeichnete. Die Gerichte wiesen die Klage in zwei Instanzen zurück. Die Aussage Weinreichs sei durch Artikel 5 geschützt, zudem begründe er ausführlich seine Kritik. Im Blog von Jens Weinreich können Sie weitere Hintergründe nachlesen.
ZEIT ONLINE: Herr Zwanziger, was halten Sie vom Internet?
Theo Zwanziger: Das Internet spielt eine zunehmend größere Rolle. Auch für einen 63-Jährigen ist es ungemein wichtig geworden. Es ist das Medium der Zukunft, das unsere Gesellschaft verändert und weiter verändern wird. Leider kann ich auf meinem Mobiltelefon noch keine Videos abspielen. Aber auch das wird kommen.
ZEIT ONLINE: Ist es für Sie ein ernstzunehmendes Informationsmedium? Ich frage deswegen, weil der Fall, den wir heute in erster Linie besprechen wollen, im Internet angestoßen worden ist.
Zwanziger: Ja, das ist es. Auch wenn es in diesem großen Kommunikationsnetz einen Nachteil gibt: Die Anonymität, die die Foren bieten, verführt manchmal zu unüberlegten und diffamierenden Aussagen.
ZEIT ONLINE: Sie haben den Journalisten Jens Weinreich, der Sie als „unglaublichen Demagogen“ bezeichnet, auf Unterlassung verpflichten wollen – und sind per einstweiliger Verfügung bislang in zwei Instanzen damit gescheitert. Das sieht so aus, als wollten Sie einen Kritiker mundtot machen oder einschüchtern.
Zwanziger: Ich bin kein Prozesshansel, ich kann Kritik einstecken. Doch in diesem Fall muss ich darauf verweisen, dass Artikel 5 unseres Grundgesetzes nicht nur die Meinungsfreiheit schützt, sondern auch die persönliche Ehre. Herr Weinreich hat mich Demagoge genannt. Daraufhin habe ich im Duden nachgeschlagen, und der definiert dieses Wort genau, wie ich es empfinde: „Volksverhetzung“. Das ist laut § 130 des Strafgesetzbuches eine strafbare Handlung, die mit Freiheitsstrafe bedroht ist. Und nun will ich von Gerichten geprüft wissen: Darf man mich als Volksverhetzer bezeichnen? Das bin ich dem Verband und mir selbst schuldig.
ZEIT ONLINE: Aber Sie sind nicht als Volksverhetzer bezeichnet worden, sondern als Demagoge – kein unüblicher Begriff etwa in politischen Debatten. Als Schmeichler der Massen kann man es auch übersetzen. Sie selbst mussten sogar im Duden nachschlagen.
Zwanziger: Nein, als „Schmeichler der Massen“ kann man es nicht übersetzen. Der Gesamtzusammenhang des Textes zeigt eindeutig, dass er mich diffamieren will. Der Prozess muss übrigens nicht sein. Wenn Herr Weinreich nicht will, dass ich mich von ihm als Volksverhetzer denunziert verstehe, dann soll er mir zwei Zeilen schreiben, dann ist die Sache vom Tisch. Und dann können wir uns gerne zum Interview treffen, und er kann mir die kritischsten Fragen stellen.
ZEIT ONLINE: Sie verlangen von ihm, dass er etwas zurücknimmt, was er nie gesagt hat.
Zwanziger: Das stimmt nicht. Ich kann nicht akzeptieren, dass eine nach dem Duden klare Interpretation plötzlich nicht gelten soll. Dann soll Herr Weinreich mit einem klaren deutschen Begriff sagen, was er meint. Er nimmt die Deutung „Volksverhetzer“ billigend in Kauf.
- Datum 04.09.2009 - 15:49 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, 06.11.2008
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Nach den besonderen Erfahrungen, die in Deutschland mit Volksverhetzung, als Instrument der Massen-Mobilisierung, gemacht wurden, ist eine Sensibilisierung zu begrüßen.
Es sollten sich viel mehr Menschen zur Wehr setzen gegen derart undifferenzierte Anwürfe und Beleidigungen, unsere Gesetze bilden dafür die Grundlage (auch wenn der Angegriffene nicht immer erfolgreich sein wird, u.a. auch weil Richtern diese "Bagatellen" offenbar lästig sind ...).
Nach einer TV-Sendung über Homophobie im Deutschen Profi-Fussball und den sehr qualifizierten und sympathischen Aussagen von Theo Zwanziger: "Werde jedem Profi-Fussballer, der sich outet jede erdenkliche Unterstützung gewähren", "ich werde den Abbau von Homophobie innerhalb des Profi-Fussballs energisch vorantreiben" usw. ist mir Herr Zwanziger sehr sympathisch geworden und ich wünsche ihm für seinen Kampf gegen Diffamierung viel Glück. Herr Zwanziger, Sie haben recht! Wehret den Anfängen!
Gruss
Knüppel
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Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
"Ich bin 1945 geboren und habe meinen Vater im Krieg verloren. Wenn man eine solche Vita hat und außerdem, wie ich, in Yad Vashem war"
was ist das denn für eine argumentation? daraus folgt ja nun genau gar nichts.
vertreter _aller_ anschauungen, wie akzeptabel oder inakzeptabel auch immer, werden wohl 1945 geboren sein (was ist daran überhaupt erwähnenswert?) und den vater im krieg verloren haben.
und yad va shem ist ja nun pflichtprogramm für praktisch jeden (prominenteren) israel-besucher.
"Daraufhin habe ich im Duden nachgeschlagen"
und dieses permanente rumreiten auf dem duden ist ja offenbar nur darin begründet, dass der das einzige nachschlagewerk ist, der zwanzigers eindimensionale deutung belegt -- es drängt sich der eindruck auf, dass lange gesucht wurde, um einen zeugen zur untermauerung der "kommunikationsherrschaft" zu finden. dieses wort alleine schon ist so verräterisch ...
Ich halte die Beziehung zwischen dem Wort "Demagoge" und Goebbels für sehr weit hergeholt. Das Wort Demagoge gab es lange vorher und wird es auch noch lange geben. In Wikipedia steht z.B. eine Definition, die wesentlich differenzierter ist als die Totschlagargumentation von Herrn Zwanzigers Anwalt. Der betreibt eine ganz miese Methode, missliebige Leute in die braune Ecke zu stellen, wie es leider gegenwärtig Mode geworden ist. Das liegt wohl daran, dass die meisten der leute, die das betreiben, vom III. Reich keinen blassen Schimmer mehr haben, denn sonst sollte es der pure Anstand verbieten, aus dieser schrecklichen Zeit immer wieder Zutaten für ihre trüben Süppchen zu holen, von denen, so gewürzt, Verwesungsgeruch aufsteigt.
Und von einem Präsidenten eines so großen und einflussreichen Clubs hätte ich so viel Bildung erwartet, dass er nicht in einem Lexikon nachschlagen muss, um anschließend beleidigt zu sein.
Demagoge kann man auch in einem Kleingartenverein sein oder in einem Modellbahnclub, das hat mit Politik, dazu noch mit brauner, nicht mehr als mit allem anderen zu tun.
Andererseits finde ich es auch peinlich, wenn Journalisten sich solcher Begriffe überhaupt bedienen. Das soll auch nicht unerwähnt bleiben.
Friedrich Alte
Erst einmal ein grosses Lob an die Zeit, so offen zu kommunizieren und sogar auf Jens Weinreichs Blog zu verweisen.
Zum Interview:
Hat Herr Zwanziger wirklich "Ich bin kein Prozesshansel, ich kann Kritik einstecken." gesagt, um dann als einzige Argumentation zu bringen, der Duden uebersetze Demagoge mit Volksverhetzer (was er nicht tut)?
Freut mich fuer die European Gay & Lesbian Sports Federation, die kønnen das Geld sicher gebrauchen...
Ja, klar hat er das gesagt, Blixten. Es ist ein autorisiertes Interview. Er sei kein Prozesshansel - um dann hinzuzufügen, dass er sich auf den Prozess freue.
Die European Gay & Lespian Sports Federation kann sich schon mal auf eine Spende freuen. Spätestens wenn der zuständige Richter bei seiner Recherche "Demagoge" bei Google eingibt, hat Zwanziger schon verloren.
Vermutlich hat Jens Weinreich einen wunden Punkt getroffen. Eventuell verachtet Theo Zwanziger die Politikerkaste und möchte mit denen nicht verglichen werden? Nachvollziehbar, aber dann müßte er sein Amt ablegen. Denn Politik findet in Firmen, Verbänden und Vereinen statt. Der DFB ist nicht nur ein Sportpolitisches Gebilde, sondern nimmt auch über den Sport hinaus Einfluß auf Wirtschaft und Soziales.
Ein guter Politiker muß demagogisches Talent haben um erfolgreich zu sein. Lehrbeispiele von Demagogie lassen sich jeden Aschermittwoch in diversen Bierzelten finden.
Die Reaktion auf dieses Blog läßt eher vermuten, daß Jens Weinreich einen Volltreffer gelandet hat, den er in dieser Form gar nicht beabsichtigt war.
Zetti
Zwanziger ist ein nobler Mensch und irgendwie viel erträglicher als MVV. Und manches, was er im DFB tut, findet meinen Respekt.
Aber weshalb denkt er an Goebbels? Warum nicht z.B. an Lafontaine oder Dutschke? Warum Goebbels? Weshalb diese Assoziation im eigentlich harmlosen Zusammenhang?
Der Versuch einer Deutung:
Herr Zwanziger steht einer Organisation vor, die permanent die Habsüchteleien einer DFL als im Interesse des "Fussballs", der Amatuerklubs, der Fussballfans, ja als nationales Interesse verkaufen muss. Er muss den Zusammenhang zwischen DFL-eigener Produktionsfirma für Fernsehbilder und Hofjournalimus vernebeln. Er muss so tun, als seien Anstosszeiten im Profifussbal zur sonntaglichen Mittagessenzeit im eigentlichen Interesse der Stadienbesucher und der Fussballamateure und jede Kritik daran abwehren. Er muss Milliardeneinahmen (möglichst steuerfrei und durch Steuermittel aufgebessert) in gemeinnütziges Handeln und/oder Hochkultur umbenennen. Er muss , (frei nach "Wiki") "Sichtweisen formen, Erkenntnisse manipulieren und Verhalten steuern...". Er muss viel Propaganda betreiben. Bei dieser Aufgabenstellung liegt der Gedankensprung zum Propagandaminister nahe. Nur erselbst, kein Mensch sonst würde Herrn Zwanziger mit Herrn Goebbels in Verbindung bringen.
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