Medien Kleines Einmaleins der FilmkritikSeite 4/4

Ich erwarte vom Kritiker Werkzeuge, Denkfiguren, Modelle, mit denen ich mit Filmen oder allgemeiner mit sozialen und ästhetischen Phänomenen umgehen kann. Natürlich lässt sich im Tagesgeschäft schwerlich eine große Theorie entwickeln, sehr wohl aber können die Zugriffe eines Kritikers unsere Wahrnehmung schärfen.

Im besten Fall lernen wir nicht nur einen Film, sondern auch unser Leben neu zu sehen. Das ist viel verlangt, aber denken wir an die Texte von Serge Daney , Frieda Grafe , Pauline Kael oder François Truffaut , um hier ein paar Klassiker zu nennen, die heute so frisch sind wie je.

Texte statt Bilderfallen

Wo bleibt das Happy End? Ich denke, die "Rettung" kommt tatsächlich von den Lesern, die mittels der neuen Beweglichkeit im Strom des Wissens zur "Direktwahl" übergehen. Nicht mehr die ganze Zeitung ist gefragt, nicht mehr die pauschale Kaufentscheidung, sondern der einzelne, gute Text, der Autor, der genauer hinsieht und das stimmigere Bild findet, wird gelesen.

Natürlich wird es immer Zeitungen, Portale, Plattformen geben, die mehr Qualität organisieren können als andere.

Aber auch wenn die unter den Netzablegern der deutschen Tageszeitungen üblichen Bilderfallen ("Geschichte des FKK") die Ergebnisse nach Kräften verzerren: Noch nie gab es eine so direkte Möglichkeit, gutes Schreiben zu belohnen. Noch nie gab es eine so einfache Teilhabe an weltweiten Diskursen. Noch nie gab es so viel enthusiastisches Publizieren als Gegengewicht zum Zynismus der alten Profis.

Das Netz ist, alles in allem, eine große Chance für den Qualitätsjournalismus. Eine Herausforderung. Und ein Anlass, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen.

 
Leser-Kommentare
  1. Interessanter Essay. Ich denke die meisten, vor allem die allgemeinen Aussagen, kann man auf die Situation der Medien allgemein beziehen. Mir ist in diesem Zusammenhang etwas eingefallen, das ich schon mit mehreren Bekannten diskutiert habe: Gerade das Abschreiben und Umformulieren von Agenturmeldungen ist aus Kostengründen immer mehr in Mode. Schmerzlich vermisst werden dagegen investigative Geschichten und reflektierte eigene Meinungen. Gerade die Zeitungen hätten hier mit ihren Verlagshäusern im Hintergrund die Mittel, sich in diesem Bereich stärker zu engagieren.

    Agenturmeldungen sind teilweise im Internet frei verfügbar und stellen keine alleinige Informationsressource nur für Journalisten dar. Besonders wichtig finde ich auch Ihre Feststellung, dass die "Freiwilligen" eine wichtige Arbeit erledigen, dabei aber einen anderen Fokus und auch Hintergrund haben, als professionelle (es haben sollten). Meiner Meinung nach ist diese Arbeitsteilung der Weg, der den Zeitungen einen Weg aus der Krise ebnen könnte. Gerade die nicht leistbare Hintergrundrecherche, der längere Atem, den Freiwillige nicht aufbringen können, in Kombination mit einem wachen Auge kann den Unterschied ausmachen.

    Um das noch einmal zusammenzufassen: Ich werde mir keine Zeitung kaufen, die das selbe wiedergibt, das ich gestern schon im Netz gelesen habe. Ich werde mir dagegen mit Sicherheit eine Zeitung kaufen, die Inhalte bietet, die originär sind.

    • Anonym
    • 21.11.2008 um 15:36 Uhr

    die Filmkritiken von Wolfram Schütte (Frankfurter Rundschau)! Sie waren für mich immer "Pflichtlektüre", gelegentlich habe ich sie kaum verstanden, ließ mich aber nicht entmutigen und habe sie dann einfach noch einmal gelesen.

    Diese, intellektuell auf höchstem Niveau verfassten, Film-Besprechungen haben mir zu manchem unvergesslichen Kinobesuch verholfen. Einen Ersatz für Schütte (der leider verstorben ist) habe ich nie wieder gefunden.

    Was ich von einer Filmkritik erwarte (erwarten darf):
    1.) Dass der Kritiker den Film tatsächlich gesehen (und verstanden!) hat,
    2.) dass Kritik und Lob nachvollziehbar begründet sind,
    3.) dass die Handlung zwar beschrieben, die Spannung aber nicht genommen wird,
    4.) dass erwähnt wird, wenn es sich um eine Romanverfilmung handelt,
    5.) dass Regisseur und DarstellerInnen kurz vorgestellt und bewertet werden,
    6.) dass die Wertung (Lob oder Ablehnung) des Films für mich nachvollziehbar ist.

    Zu viel verlangt? Kann man/frau nicht von jedem erwarten, dass er in seinem jeweiligen Job Qualität abliefert? Oder bin ích evtl. zu anspruchsvoll? Mag sein!

    Gruss und schönes Wochenende!
    Knüppel

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Im Titel-Magazin veröffentlicht er regelmäßig feuilletonistische Texte.

    Hier sein Autorenprofil.

    Im Titel-Magazin veröffentlicht er regelmäßig feuilletonistische Texte.

    Hier sein Autorenprofil.

  2. Im Titel-Magazin veröffentlicht er regelmäßig feuilletonistische Texte.

    Hier sein Autorenprofil.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 24.11.2008 um 15:41 Uhr

    Das ist mir jetzt aber wirklich peinlich. Ich habe noch ausführlich zusammen mit meinem Freund überlegt, wie das damals war ... und wir waren beide absolut sicher: "Der Mann ist verstorben."

    Wolfram Schütte, ich wünsche Ihnen selbstverständlich ein langes, glückliches Leben!

    Danke slothrop, für den Link!!!

    Gruss
    Knüppel

    • Anonym
    • 24.11.2008 um 15:41 Uhr

    Das ist mir jetzt aber wirklich peinlich. Ich habe noch ausführlich zusammen mit meinem Freund überlegt, wie das damals war ... und wir waren beide absolut sicher: "Der Mann ist verstorben."

    Wolfram Schütte, ich wünsche Ihnen selbstverständlich ein langes, glückliches Leben!

    Danke slothrop, für den Link!!!

    Gruss
    Knüppel

    • Anonym
    • 24.11.2008 um 15:41 Uhr

    Das ist mir jetzt aber wirklich peinlich. Ich habe noch ausführlich zusammen mit meinem Freund überlegt, wie das damals war ... und wir waren beide absolut sicher: "Der Mann ist verstorben."

    Wolfram Schütte, ich wünsche Ihnen selbstverständlich ein langes, glückliches Leben!

    Danke slothrop, für den Link!!!

    Gruss
    Knüppel

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service