Bildungsstudie Eine Pisa-BilanzSeite 5/5

2. Zur These, die PISA-Studie würde den schulischen Bildungsprozess nicht in seiner Gesamtheit abbilden.

Die PISA-Studie hat niemals beansprucht, den Bildungsauftrag der Schule vollständig in den Blick zu nehmen. Sie konzentriert sich auf drei Leistungsbereiche, ohne zu bestreiten, dass auch andere Fächer wichtig sind. Und sie bemüht sich, neben den fachlichen Leistungen auch überfachliche Kompetenzen (z.B. Kooperationsfähigkeit) zu ermitteln. Dass die PISA-Studie sich als anregend für die Entwicklung der mathematischen Fachdidaktik erwiesen hat, ist inzwischen weithin bekannt. Dass der Unterricht in allen Fächern zu entwickeln und zu verbessern ist, ist genauso richtig. Das ist und bleibt Aufgabe der Akteure in Schulen, Hochschulen und Ministerien – und das gilt natürlich auch für Fächer wie Kunst, Musik und Sport. Ich sehe nicht, dass PISA irgendjemanden daran hindert, solche Aufgaben engagiert zu verfolgen.

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3. Zur These, die PISA-Studie würde ein verengtes „teaching to the tests“ produzieren.    

Dass mit Verfahren der Leistungstestung, vor allem wenn sie häufig und massenweise eingesetzt werden, solche Effekte verbunden sein können, kann man nicht bestreiten. Nur: PISA findet alle drei Jahre bei etwa 5% aller Fünfzehnjährigen statt. Die Ergebnisse fließen in keine Schulnote ein, es gibt keine Bewertung einzelner Schulen oder gar einzelner Lehrkräfte. Was PISA selbst angeht, so kann ich die durchgängige Gefahr eines „teaching to the test“ überhaupt nicht erkennen. Die Kritiker/innen arbeiten an dieser Stelle mit fantasievollen Angstbildern, aber nicht mit realen Erfahrungen. Dass sich das anders darstellen kann, wenn es um flächendeckende Lernstandserhebungen, wenn es um zentrale Prüfungen geht, die dann auch noch zu veröffentlichten Rankings verarbeitet werden sollen, ist völlig richtig. Hier finden mich die Kritiker an ihrer Seite. Nur: Zwischen ministeriellen Lernstandserhebungen und wissenschaftlichen PISA-Studien sollten auch in der Kritik unterschieden werden.  

3. Fazit

PISA ist nicht die einzige, aber eine wichtige Form der empirischen Schulforschung. Wenn wir wissen wollen, über welche Realität wir reden (und politisch entscheiden), brauchen wir solche und andere Studien. Denn nur fundierte empirische Erkenntnisse verhindern, dass sich die politisch Beteiligten (von den Schulleitungen über den Ministerien bis hin zu den Lehrerverbänden) die Wirklichkeit jeweils so malen, wie sie gewünscht wird. Jedenfalls ist es seit PISA nicht mehr möglich, so ohne weiteres von den Spitzenleistungen an den Gymnasien und von der Bildungsgerechtigkeit im Gesamtsystem zu reden. Die Schlussfolgerungen in der Pädagogik und in der Politik, die aus solchen empirischen Diagnosen zu ziehen sind, werden durch die Daten nicht determiniert. Hier wird es weiter den bildungspolitischen, den pädagogischen Streit um die „richtigen“ Konzepte geben müssen. Allerdings: Diesen Streit in der Realität zu verankern, ist Aufgabe der empirischen Forschung.

Aus reformpädagogischer Perspektive bedeutet das: Engagierte Pädagogen geben sich mit der empirisch beschriebenen Realität nicht zufrieden, arrangieren sich nicht mit dem Status quo. Aber sie kennen jetzt den Ausgangspunkt besser, bei dem sie ihre Fantasie, ihre Kreativität und ihr Engagement anzusetzen haben. Anders formuliert: Empirie hindert niemanden daran, sich auf den Weg zu einer besseren Pädagogik zu machen. Aber sie hilft den Akteuren sehr zu erkennen, wo sie sich eigentlich befinden.

 
Leser-Kommentare
  1. In diesem Artikel wird wieder mehr über Schulstrukturen philosophiert als über den Baustein jedes Lernens, die Lehrmethodik. Meiner Erfahrung nach ist dies die Wurzel allen Übels. Ich habe vier Kinder mit sehr weitem Altersabstand und noch mit jedem Kind wurde im Anfangsunterricht eine neue pädagogische Sau durchs Klassenzimmer gejagt. Was habe ich nicht alles gehört: binnendifferenzierten Unterricht, selbstgesteuertes Lernen, Spracherfahrungsansatz, Freies Schreiben, Lesen durch Schreiben, dialogisches Lernen, entdeckendes Lernen und was der Konzepte mehr sind.
    Eines jedoch hatten sie alle gemeinsam: die unerlässliche Übungskomponente wurde mit jedem pädagogischen Neueinfall geringer. Die leisten mein Mann und ich, von Jahr zu Jahr stärker belastet, allein zu Hause mit den Kindern. Mittlerweile habe ich das Gefühl, den Unterricht ganz allein zu meistern. Bei meinem jüngsten Kind bin ich, um mein Kind,mich und die Familie zu entlasten, dazu übergegangen, selbst nach dem besten Lehrkonzept - in meinem Augen das Leseprogramm Intraact plus sowie die Mathereihe aus dem Mildenberger-Verlag - zu suchen und mein Kind von Anfang an damit parallel- und vorausarbeitend selbst zu beschulen. Das hat wirklich Abhilfe geschaffen! Es ist wesentlich einfacher, ein Kind, das das meiste schon kann, zur Beschäftigung in die Schule zu schicken, als zu versuchen, den Kindern bei miserablen schulischen Konzepten zu Hause zu helfen. Übrigens bringt es auch deutliche zeitliche Entlastung fürs Kind! Es wundert mich jedenfalls überhaupt nicht, dass die soziale Schere in Deutschland immer weiter aufgeht.
    Ein Kind, dass dieses Zusatzprogramm zu Hause - oder kommerziellen Nachhilfeunterricht ab der ersten Klasse - nicht erfährt, ist hierzulande verraten und verkauft. Auch die Kinderbuchverlage haben sich angepasst: Man vergleiche nur die Erstleselektüre von vor zwanzig Jahren mit der heutigen - da liegen Welten dazwischen. Kein Wunder, Lesen lernen wird heute in Schulen nicht mehr systematisch geübt.
    Und so war es für einen türkischen Schüler vor zwanzig Jahren auch einfacher, ein Gymnasium zu besuchen als heute. Im Gegensatz zu früher finden sich heute auf Gymnasien nur noch Kinder von Mittelstandseltern, die das obige Zusatzprogramm absolvieren.
    Von der Ideologie des selbstentdeckenden Lernens sind heute nahezu alle Schulbuchverlage angesteckt und es gibt kaum noch anders aufgebaute Lehrwerke. Gleichzeitig wundert es niemanden, dass heute nahezu jeder Schulbuchverlag daneben ein straff organisiertes Kompendium fürs Lernen zu Hause herausgibt, mit dem dann das ABC, das 1x1 und der Dreisatz geübt werden können.
    Vielleicht liegt ein wesentlicher Teil der Pisa-Misere ja genau an diesem Kommerz-Trick der Schulbuchverlage. Eine genaue Untersuchung täte hier dringend not.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Danke, Frau Redlich ! Genauso ist es.

    Für die zentrale Schaltstelle in dieser Misere halte ich die Lehrerausbildung: dort gilt Methodenzauber alles, Inhalt nichts.

    Fachliche Inkompetenz ist kein Hindernis auf dem Weg zum Einserexamen, getürkte Vorführstunden werden nicht als solche erkannt, Hauptsache: die bewertenden Funktionäre haben "Schüleraktivität" gesehen. Ich schwöre Ihnen: an deutschen Gymnasien gibt es die Note Eins auf Unterrichtsstunden, in denen zu 80% Gruppenarbeit läuft und die Bewerter überhaupt nicht sehen können, was in den Gruppen für inhaltlicher Unsinn stattfindet und wie der von Tisch zu Tisch herumgehende Junglehrer den Schülern heimlich die inhaltlichen Ergebnisse einflößt, die dann in den letzten 10% der Stunde "gesammelt" werden. Hingegen ist es faktisch unmöglich, eine Eins auf eine Stunde Frontalunterricht zu bekommen: da wird jedes falsche Wort notiert und hinterher auseinandergenommen.

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