Bildungstests Kultusminister geben Hauptschüler auf

Bildungspolitiker wollen Leistungstest für Hauptschüler stoppen - weil zu schlechte Ergebnisse erwartet werden. Ein Kommentar

Hauptschüler lernen konzentriert am Computer

Hauptschüler lernen konzentriert am Computer

Eigentlich sollte im kommenden Jahr für die Bildungspolitik ein neues Zeitalter anbrechen: Im bundesweiten Vergleich sollte festgestellt werden, wie gut die deutschen Schüler die Ziele des mittleren Bildungsabschlusses beziehungsweise des Hauptschulabschlusses erreichen. Gemessen werden sollte das an sogenannten Bildungsstandards, also Zielvorgaben, die von den Kultusministern beschlossen wurden.

Doch nun der große Rückzieher. Laut Bericht der Tageszeitung (taz) wollte am Donnerstag eine Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz beschließen, den Leistungstest für die Hauptschüler auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben. Der Grund: Vortests haben ergeben, dass zu viele Hauptschüler den Anforderungen der Bildungsstandards nicht gewachsen sind.

Anzeige

Das kann aber nun niemanden überraschen. Seit der Pisa-Studie ist bekannt, dass es in Deutschland eine sehr große Gruppe sogenannter Risikoschüler gibt, Fünfzehnjährige, die nicht flüssig lesen und nur auf Grundschulniveau rechnen können. Bekannt ist auch, dass die Risikogruppe unter Hauptschülern besonders groß ist.

Überraschen kann nur, dass die Kultusminister das erst jetzt richtig wahrnehmen. Hatten sie gehofft, dass die Risikogruppe von selbst schmilzt? Das ist zu befürchten. Denn bis jetzt vermissen Bildungsforscher eine gezielte Kraftanstrengung der Kultusminister, um die schwachen Schüler zumindest mit einem Minimum an Bildung zu versorgen.

Statt den Leistungstest der Hauptschüler auszusetzen, sollten sich die Kultusminister das Drama vor Augen führen. Und unter diesem Druck endlich die Bildungsverlierer in den Mittelpunkt ihrer Politik rücken. Etwa mit Zusatzunterricht am Nachmittag, am Wochenende und in den Ferien. Das ist nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch der Ökonomie. Deutschland kann es sich nicht leisten, dass ein Fünftel der Jugendlichen nicht den Anforderungen des Arbeitsmarkts gewachsen ist.

Die Augen vor dem Drama zu verschließen, ist der falsche Weg. Es wäre der Rückfall in die Zeit, in der hierzulande Bildungspolitik im Blindflug betrieben wurde.

 
Leser-Kommentare
    • kkr
    • 13.11.2008 um 11:49 Uhr

    ist das. Diese Leute haben ihr Geld nicht verdient und gehören gefeuert wegen Unfähigkeit im Amt.

  1. Es ist traurig und erschreckend zugleich dass die verantwortlichen Politiker aus Furcht vor den zu erwartenden Ergebnissen gleich den Kopf in den Sand stecken. Wie man kann nur so sehr die Augen vor der Realität verschließen, nur um dann so zu tun als gäbe es die Probleme gar nicht!?
    Kollektive Konfliktaversion ist nun einmal genau gar nicht das was man bräuchte um die anstehenden Probleme anzupacken!

  2. einen Leistungstest für Bildungspolitiker.

  3. Der Kommentar ist in seiner guten Absicht gewiss zu begrüßen, und auch den Vorkommentatoren #1 und #2 möchte ich uneineschränkt zustimmen.

    Dennoch muss ich monieren, dass hier immer noch der zeitgeistige Neusprech von den "Gewinnern" und "Verlierern" vorherrscht. Diese Titulierung ist nicht etwa ein adäquates Mittel, um die Misere analytisch zu fassen, sondern sie ist Teil der Geisteshaltung, die für diese Missere verantwortlich ist.

    Das Leben ist kein Spiel, und deshalb sind Benachteiligte, Unterdrückte, Vergessene und Geqälte auch keine "Verlierer", sondern ein Armutszeugnis für uns alle.

    Ich hoffe, das war jetzt so deutlich, dass es auch jeder kapiert.

  4. Wann verstehen es auch die Verantwortlichen was nicht nur durch PISA offenbart und der OECD nicht nur einmal angemahnt wurde? Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen in Deutschland herausragend ist. Dieses Problem löst sich aber weder mit Tests noch mit einer Stärkungsoffensive für die Hauptschule. Dieses Problem löst sich nur (wie es uns andere Länder zeigen), indem man an der Wurzel, also ander Struktur, anfasst. Irgendwie muss man doch die sozialen Schichten wieder zusammenbekommen. Irgendwie muss man doch herkunftsunabhängige Chancen ermöglichen. Wann dürfen alle Kinder zusammen länger lernen? Wann hört der Dreigliederwahn endlich auf? Wann sprengen wir wenigstens in der Bildung die sozialen Zoos? Schluss mit diesem ideolgischen Wahnsinn. Hier geht es doch wohl um unser aller Zukunft.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wann kommt es endlich an, daß die entscheidende Basis für Bildung das Elternhaus ist - nicht die Schule? Daß drei Viertel des deuschen Bildungsdefizits verschwinden, wenn man den Anteil von geringqualifizierten Migranten aus bestimmten Kulturkreisen herausrechnet?

    Die Möglichkeiten des Bildungssystems, die aus den Elternhäusern resuliterenden Defizite der Kinder auszugleichen, sind begrenzt. Geradezu minimal sind sie im Alter von 10,11 Jahren, wenn die Hauptschule überhaupt erst erreicht wird. Wenn man etwas erreichen kann, dann vorher, speziell im Vorschulbereich. Die immer wiedergekäute Systemdebatte geht an den eigentlichen Problemen leider vollkommen vorbei.

    Wann kommt es endlich an, daß die entscheidende Basis für Bildung das Elternhaus ist - nicht die Schule? Daß drei Viertel des deuschen Bildungsdefizits verschwinden, wenn man den Anteil von geringqualifizierten Migranten aus bestimmten Kulturkreisen herausrechnet?

    Die Möglichkeiten des Bildungssystems, die aus den Elternhäusern resuliterenden Defizite der Kinder auszugleichen, sind begrenzt. Geradezu minimal sind sie im Alter von 10,11 Jahren, wenn die Hauptschule überhaupt erst erreicht wird. Wenn man etwas erreichen kann, dann vorher, speziell im Vorschulbereich. Die immer wiedergekäute Systemdebatte geht an den eigentlichen Problemen leider vollkommen vorbei.

  5. Wann kommt es endlich an, daß die entscheidende Basis für Bildung das Elternhaus ist - nicht die Schule? Daß drei Viertel des deuschen Bildungsdefizits verschwinden, wenn man den Anteil von geringqualifizierten Migranten aus bestimmten Kulturkreisen herausrechnet?

    Die Möglichkeiten des Bildungssystems, die aus den Elternhäusern resuliterenden Defizite der Kinder auszugleichen, sind begrenzt. Geradezu minimal sind sie im Alter von 10,11 Jahren, wenn die Hauptschule überhaupt erst erreicht wird. Wenn man etwas erreichen kann, dann vorher, speziell im Vorschulbereich. Die immer wiedergekäute Systemdebatte geht an den eigentlichen Problemen leider vollkommen vorbei.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... wird immer an den eigentlichen Problemen vorbeigehen, weil man sonst mit liebgewordenen und politisch korrekten Gemeinplaetzen aufraeumen muesste.
    Ausserdem sind auch die gesamten Streitthemen (Gesamtschule vs. Gymnasium) vollkommen redundant, denn zu der Zeit an dem diese Entscheidungen gefaellt werden, sind die Wuerfel schon lange gefallen. Eigentlich gaebe es nur eine sinnvolle Moeglichkeit, die Variabilitaet zwischen Schuelergruppen zu verkleinern und zwar sehr frueh schlechten Einfluessen gegenzusteuern z.B. durch sachbezogene Leistungen an die Kinder (gute Kindergartenbetreuung, Schulspeisung, kostenlose Lehrmittel, Hausaufgabenbetreuung innerhalb der Grundschule etc.), die die Fehler des Elternhauses teilweise korrigieren.

    Hannes

    ... wird immer an den eigentlichen Problemen vorbeigehen, weil man sonst mit liebgewordenen und politisch korrekten Gemeinplaetzen aufraeumen muesste.
    Ausserdem sind auch die gesamten Streitthemen (Gesamtschule vs. Gymnasium) vollkommen redundant, denn zu der Zeit an dem diese Entscheidungen gefaellt werden, sind die Wuerfel schon lange gefallen. Eigentlich gaebe es nur eine sinnvolle Moeglichkeit, die Variabilitaet zwischen Schuelergruppen zu verkleinern und zwar sehr frueh schlechten Einfluessen gegenzusteuern z.B. durch sachbezogene Leistungen an die Kinder (gute Kindergartenbetreuung, Schulspeisung, kostenlose Lehrmittel, Hausaufgabenbetreuung innerhalb der Grundschule etc.), die die Fehler des Elternhauses teilweise korrigieren.

    Hannes

    • 42317
    • 13.11.2008 um 12:57 Uhr

    Zusatzunterricht!
    Am Nachmittag!
    Am Wochenende!
    In den Ferien!

    Da wird sich der durchschnittlich motivierte Hauptschüler aber freuen!

    Man verstehe mich nicht falsch... wenn mir klar würde, dass ich zur Chancenlosigkeit verunbildet werde, würde es mir auch an Motivation mangeln... der pauschalisierte Hauptschüler trägt nicht die Alleinschuld an seinem Null-Bock-Dasein, möglichwerweise sogar den geringeren Teil der Schuld.
    Die Aufzählung der vielen Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, überlasse ich allerdings motivierteren Kommentatoren, die sind oft genug wiedergekäut worden, um mittlerweile jedem klar zu sein.
    Hoffe ich jedenfalls.

  6. ... was schulpolitik betrifft die einen schwindelig machen kann empfehle ich die diskussionen in mainz zu verfolgen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 64
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Bildungspolitik | Pisa-Studie | Drama
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service