PflegereportRuhiggestellt, weil der Arzt fehlt

Eine Studie belegt, dass in deutschen Pflegeheimen noch immer medizinische Unterversorgung herrscht. Stattdessen werden Patienten mit Psychopharmaka behandelt von Franziska Günther

Über Missstände in den Pflegeheimen und bei der ambulanten Pflege wird seit Langem geklagt, ohne dass es dazu bisher ausreichende Daten gibt. Die vor kurzem beschlossene Pflegereform der Bundesregierung sollte ein erster Schritt sein, um hier ein genaueres Bild zu bekommen und erkannte Probleme zu beseitigen.

Wie es tatsächlich um die medizinische Versorgung und Betreuung der Pflegebedürftigen steht, hat die Gmünder Ersatzkasse (GEK) in ihrem Pflegereport 2008 untersucht. Zwei Millionen Menschen bekommen danach zur Zeit Pflegeleistungen aus der Pflegeversicherung. Weitere drei Millionen hätten Unterstützungsbedarf, aber noch nicht die Schwelle erreicht, um in eine Pflegestufe eingeordnet zu werden. "Jeder ist in seinem Umfeld mit Pflegefällen konfrontiert", sagte der Bremer Wissenschaftler Heinz Rothgang, Autor der Studie.

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Jeder zweite Deutsche wird im Laufe seines Lebens zum Pflegefall. Fast 50 Prozent der im Jahr 2007 Verstorbenen haben nach der Studie im Todesjahr Pflege erhalten. "Pflege geht also uns alle was an. Pflegebedürftigkeit ist kein Restrisiko, sondern ernst zu nehmen", sagte Rothgang bei der Vorstellung der Untersuchung.

Die Anzahl der Heimbewohner wird weiter steigen, denn immer weniger Familien nehmen Pflegegeld in Anspruch, mit dem sie ihre Bedürftigen selbst betreuen können. "Das liegt zum einen an der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Familie verliert an Stellenwert und ist zersplittet. Andererseits wächst die Schwere der Pflegebedürftigkeit. Hier müssen dann die Einrichtungen übernehmen", sagte GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker. Studien-Autor Rothgang forderte hingegen eine "Stabilisierung familiärer Pflege, um einen Heimaufenthalt zu verhindern. Die Daten zeigen: Wer einmal im Heim ist, bleibt auch da."

Dass in Pflegeeinrichtungen noch immer enorme Missstände herrschen, hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen vor Kurzem bestätigt. Der GEK-Chef aber zeigte sich "unter dem Strich ganz zufrieden mit der ärztlichen und medizinischen Versorgung in Pflegeheimen". Pro Quartal werde durchschnittlich fast jeder Heimbewohner ein Mal vom Hausarzt untersucht. "Das halten wir für adäquat." Rothgang hingegen betonte, dass die Daten "höchstens im Durchschnitt, aber keineswegs für jeden Einzelfall eine hinnehmbare ärztliche Versorgung belegen".

Außerdem stünden zu wenig Fachärzte für die Patienten zur Verfügung. Das gelte insbesondere für Neurologen und Psychiater, die sich unter anderem um Demenzkranke kümmern könnten. Ebenso seien zu wenig Augenärzte, Orthopäden, Gynäkologen und Urologen vor Ort.

Leserkommentare
    • rjotp
    • 17. November 2008 23:17 Uhr

    Viele Beschwerden der alten Menschen würden sich deutlich verbessern oder erst gar nicht auftreten, wenn sie hinreichende zwischenmenschliche Kontakte hätten und mobilisiert würden. Insofern ist die Frage der Übermedikation weniger eine Frage des Mangels an ärztlicher als vielmehr an pfegerischer Betreuung.

    Während meiner ca. 5jährigen Erfahrung als Familienangehöriger in einem zertifizierten Heim der Caritas konnte ich auch nicht feststellen, dass "fast alle" Bewohner mindestens 1 mal im Quartal einen Arzt sahen. In diesem Heim kam der Arzt ins Bereichszimmer, machte seinen Schreibkram und warf Rezepte ab. Folge: Monate, nachdem zu behandelnde Schmerzen längst vergangen waren, wurden meiner Angehörigen immer noch Schmerzmittel verfüttert. Antibiotika wurden rein "vorbeugend" verordnet usw. usw.

    Als die Frau über zunehmende Schmerzen klagte, musste ich regelrecht mit der Sprechstundehilfe kämpfen, damit überhaupt jemand kam. Untersuchung? Frage, wo es weh tut, ein kleiner Tatscher ans Bein: Arthtrose, Schmerzmittel. Gebrochen war die Hüfte und es dauerte 6 Tage - die Frau weigerte sich mittlerweile, das Bett zu verlassen - bis ich schließlich den Arzt überzeugen konnte, eine Einweisung ins Krankenhaus zu veranlassen. Diese ließ einen halben Tag auf sich warten, danach ein paar Stunden warten auf den Transport....

    Ich will es dabei belassen. Wie gesagt, es war ein zertifiziertes Qualitätsheim. Mein persönliches Urteil. Menschliche "Müll"- Deponie.

    Und von wegen Familie. Die gibt es doch fast schon nicht mehr. Auf uns kommt ein menschlicher Supergau zu. Die Katastrophe haben wir schon heute.

    In einem stimme ich dem Kommentar zu. Die Autorin des Artikels scheint die wahre Situation in Pflegeheimen nicht zu kennen. Aber der Kommentator auch nicht. Und die Verfasser des Berichtes schon gar nicht. Nichts als Verharmlosungen, Lügen und Hereinfallen auf die Pflegelobby.

    Mein Resüme: Zyankali bereit halten.

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    das auch die caritas wirtschaftlich denken muss, und einen profit zu erwirtschaften hat.

    wo finanzielle rationalisierungsprozesse mit einem angenehmen und fuersorglichem umgang mit patienten im konflikt steht, weil die angestellten einfach total ueberfordert sind und sich um 30 leute per schicht kuemmern muessen, kann einfach keine gute (alten-)pflege stattfinden.

    das ist das wunder der privatisierung und der profitmaximierung.

  1. das auch die caritas wirtschaftlich denken muss, und einen profit zu erwirtschaften hat.

    wo finanzielle rationalisierungsprozesse mit einem angenehmen und fuersorglichem umgang mit patienten im konflikt steht, weil die angestellten einfach total ueberfordert sind und sich um 30 leute per schicht kuemmern muessen, kann einfach keine gute (alten-)pflege stattfinden.

    das ist das wunder der privatisierung und der profitmaximierung.

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    stellt die menschliche pflege heutzutage auch schon eine profitwirtschaft dar? seit einführung des drg systems in krankenhäusern gebe ich ihnen da teilweise sogar noch recht, schlimm genug eigentlich. jedoch sollte eine gesellschaft die größtenteils gemeinnützig ausgerichtet ist, meiner meinung nach, andere ziele verfolgen.

    • rjotp
    • 18. November 2008 11:39 Uhr

    Ich sollte vielleicht meinen Kommentar noch dahingehend ergänzen, dass es sich hier um einen Bereich handelte. Im gleichen Haus gab es auch eine Demenzabteilung, wo, nach meinem Eindruck, besser gearbeitet wurde.

    Ich wollte auch nicht die Caritas anprangern, sondern darauf hinweisen, dass es selbst in zertifizierten Heimen grausam zugehen kann: z.B., dass eine alte Dame nach Schlaganfall wochenlang allein im dunklen Zimmer liegt bis sie endlich sterben kann. Wenn wir sie gelegentlich besuchten, musste ich feststellen, dass die Notglocke so weggeschoben war, dass sie nicht mehr erreichbar war.

    Dasselbe stellte ich auch bei meiner Verwandten mehrfach fest. als sie nicht mehr alleine aufstehen konnte. Mehrfach auch war der Telephonstecker herausgezogen.

    Obwohl ich dies mit Photos dokumentierte, mehrfach darauf hinwies, dass die Bereichsleiterin durch eindeutig widerlegbare medizinische Falschangaben eine höhere Einstufung in der Pflegeversicherung erschlichen hatte und die Entlassung oder Versetzung der Verantwortlichen forderte, geschah nichts - bzw. begann ein internes Mobbing gegen uns. Es gab einen täglichen Kampf meinerseits, damit die Zeit bis zum Tod nicht durch Terror und Schikane gegen die Betroffene bestimmt wurde.

    Nach dem Tod der Verwandten raunte mir ein Mitarbeiter eines anderen Bereiches zu, der Bereich, wo meine Verwandte hatte wohnen müssen, gelte intern als der schlimmste. Trotzdem wurde nichts unternommen.

    Mein Eindruck: hier werden möglicherweise oft aus falscher Solidarität unhaltbare Zustände auf dem Rücken der Bewohner zugelassen. Und alle, die etwas unternehmen könnten, schauen weg: die Verwandten aus Angst/ Scheu/ Resignation; der medizinische Dienst und die Ärzte aus Desinteresse, die Kollegen aus Angst um den Arbeitsplatz; die Heimleitung aus falschem Stolz oder Unfähigkeit zu Selbstktitik.

    Nach meinem Eindruck gab es in dem Haus übrigens nur einmal Personalmangel, als viele Mitarbeiter gleichzeitig krank waren und die Bereichsleiterin Urlaub nahm.

    Der Heimleiter des von mir angesprochenen Heims gilt in der hiesigen Öffentlichkeit als Refomer. Was soll man dem noch hinzufügen. Unterschied zwischen Theorie und Praxis?

  2. stellt die menschliche pflege heutzutage auch schon eine profitwirtschaft dar? seit einführung des drg systems in krankenhäusern gebe ich ihnen da teilweise sogar noch recht, schlimm genug eigentlich. jedoch sollte eine gesellschaft die größtenteils gemeinnützig ausgerichtet ist, meiner meinung nach, andere ziele verfolgen.

    Antwort auf "zu bedenken ist,"
    • skeeze
    • 18. November 2008 10:18 Uhr

    "Die mangelnde Zuwendung kann ein Arzt nicht ersetzen." AUCH NICHT DURCH MEDIKAMENTE!

    Es ist ja wohl wirklich offensichtlich, wozu die meisten Hausärzte im Altenheim da sind. Und das ist im Artikel auch so geschildert nämlich der Rezepteverteiler.

    Aus eigener Erfahrung weiß ich von meiner Mutter, die als Krankengymnastin viel in Altenpflegeheimen arbeitet, wie inkompetent das Personal ist zudem muss sie oft genug den Ärzten hinterherlaufen um Ihnen die Erkrankungen zu erklären und zu sagen was am besten ist. Nicht selten gehört dazu auch die Medikation, und wenn es nur Magenprobleme sind, die durch diese verursacht werden. Also hören Sie auf hier die Ärzte als Retter in der Not darzustellen.
    Das System krankt an zu wenig Personal und das Personal was da ist, ist oft schlecht geschult, kann nicht mal die einfachsten Regeln, wie man z.B. einen Patienten aus dem Bett hilft ohne Schmerzen beim Patienten und bei den Pflegerin/Pfleger zu verursachen.
    Die Altenpflege ist ein in-den-Tod-Verwalten-Apparat.

    Antwort auf
    • rjotp
    • 18. November 2008 11:39 Uhr

    Ich sollte vielleicht meinen Kommentar noch dahingehend ergänzen, dass es sich hier um einen Bereich handelte. Im gleichen Haus gab es auch eine Demenzabteilung, wo, nach meinem Eindruck, besser gearbeitet wurde.

    Ich wollte auch nicht die Caritas anprangern, sondern darauf hinweisen, dass es selbst in zertifizierten Heimen grausam zugehen kann: z.B., dass eine alte Dame nach Schlaganfall wochenlang allein im dunklen Zimmer liegt bis sie endlich sterben kann. Wenn wir sie gelegentlich besuchten, musste ich feststellen, dass die Notglocke so weggeschoben war, dass sie nicht mehr erreichbar war.

    Dasselbe stellte ich auch bei meiner Verwandten mehrfach fest. als sie nicht mehr alleine aufstehen konnte. Mehrfach auch war der Telephonstecker herausgezogen.

    Obwohl ich dies mit Photos dokumentierte, mehrfach darauf hinwies, dass die Bereichsleiterin durch eindeutig widerlegbare medizinische Falschangaben eine höhere Einstufung in der Pflegeversicherung erschlichen hatte und die Entlassung oder Versetzung der Verantwortlichen forderte, geschah nichts - bzw. begann ein internes Mobbing gegen uns. Es gab einen täglichen Kampf meinerseits, damit die Zeit bis zum Tod nicht durch Terror und Schikane gegen die Betroffene bestimmt wurde.

    Nach dem Tod der Verwandten raunte mir ein Mitarbeiter eines anderen Bereiches zu, der Bereich, wo meine Verwandte hatte wohnen müssen, gelte intern als der schlimmste. Trotzdem wurde nichts unternommen.

    Mein Eindruck: hier werden möglicherweise oft aus falscher Solidarität unhaltbare Zustände auf dem Rücken der Bewohner zugelassen. Und alle, die etwas unternehmen könnten, schauen weg: die Verwandten aus Angst/ Scheu/ Resignation; der medizinische Dienst und die Ärzte aus Desinteresse, die Kollegen aus Angst um den Arbeitsplatz; die Heimleitung aus falschem Stolz oder Unfähigkeit zu Selbstktitik.

    Nach meinem Eindruck gab es in dem Haus übrigens nur einmal Personalmangel, als viele Mitarbeiter gleichzeitig krank waren und die Bereichsleiterin Urlaub nahm.

    Der Heimleiter des von mir angesprochenen Heims gilt in der hiesigen Öffentlichkeit als Refomer. Was soll man dem noch hinzufügen. Unterschied zwischen Theorie und Praxis?

    Antwort auf "zu bedenken ist,"
  3. Personalmangel ist denke ich die Hauptursache für viele schlimme Umstände und Fehler. Ich habe einige Jahre nebenher als Pflegeaushilfskraft gejobbt. Die Menschen (hauptsächlich Frauen) die dort arbeiten sind vollkommen überlastet, psychisch und physisch. Mangels Pflegepersonal muss ständig schnell gearbeitet werden, keine Zeit sich auch um die seelischen Nöte der Bewohner zu kümmern. Man kann froh sein, wenn am Dienstende alle sauber, ernährt und mit den richtigen Medikamenten versorgt sind.
    Was abgeschaltete Notklingeln angeht, die jemand in einem Kommentar erwähnt hat: da sich niemand mit den Bewohnern beschäftigt und vor dem TV parken nicht immer eine Lösung ist, kommt auch mal Langeweile auf. Klingelspielchen sind dann DER Renner. Da wird geklingelt, um die Uhrzeit zu erfahren, wie das Wetter wird oder auch weil man irgendwie vergessen hatte was der Grund war. Dumm nur, wenn es dann doch mal ein Notfall ist...genauso dumm, wenn dann die Verwandschaft antanzt. Ja "antanzt", denn von Angehörigen wird das Pflegepersonal oft nur von oben herab behandelt und es wird getan, als ob die eigene Omi hier im Heim die einzige ist und man sollte doch gefälligst den ganzen Tag bei ihr im Zimmer sitzen. Unmöglich, wenn für 35 Bewohner 2 bis 4 Pflegerinnen zuständig sind. Leider auch oft zu wenig Pfleger, denn ein 80-jähriger, hat durchaus seine Probleme damit sich von einer Frau duschen zu lassen.
    Ich könnte hier noch endlos weitererzählen, von dementen, schreienden, prügelnden Bewohnern, von MRSA, Hautkrankheiten, schlechtem Essen und Stuhlgestank bis hin zum ständig angedrohten Personalabbau, der die Stimmung beim Personal nicht grade bessert....

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesregierung | Arzt | Pflegeversicherung | Studie
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