Pflegereport : Ruhiggestellt, weil der Arzt fehlt

Eine Studie belegt, dass in deutschen Pflegeheimen noch immer medizinische Unterversorgung herrscht. Stattdessen werden Patienten mit Psychopharmaka behandelt

Über Missstände in den Pflegeheimen und bei der ambulanten Pflege wird seit Langem geklagt, ohne dass es dazu bisher ausreichende Daten gibt. Die vor kurzem beschlossene Pflegereform der Bundesregierung sollte ein erster Schritt sein, um hier ein genaueres Bild zu bekommen und erkannte Probleme zu beseitigen.

Wie es tatsächlich um die medizinische Versorgung und Betreuung der Pflegebedürftigen steht, hat die Gmünder Ersatzkasse (GEK) in ihrem Pflegereport 2008 untersucht. Zwei Millionen Menschen bekommen danach zur Zeit Pflegeleistungen aus der Pflegeversicherung. Weitere drei Millionen hätten Unterstützungsbedarf, aber noch nicht die Schwelle erreicht, um in eine Pflegestufe eingeordnet zu werden. "Jeder ist in seinem Umfeld mit Pflegefällen konfrontiert", sagte der Bremer Wissenschaftler Heinz Rothgang, Autor der Studie.

Jeder zweite Deutsche wird im Laufe seines Lebens zum Pflegefall. Fast 50 Prozent der im Jahr 2007 Verstorbenen haben nach der Studie im Todesjahr Pflege erhalten. "Pflege geht also uns alle was an. Pflegebedürftigkeit ist kein Restrisiko, sondern ernst zu nehmen", sagte Rothgang bei der Vorstellung der Untersuchung.

Die Anzahl der Heimbewohner wird weiter steigen, denn immer weniger Familien nehmen Pflegegeld in Anspruch, mit dem sie ihre Bedürftigen selbst betreuen können. "Das liegt zum einen an der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Familie verliert an Stellenwert und ist zersplittet. Andererseits wächst die Schwere der Pflegebedürftigkeit. Hier müssen dann die Einrichtungen übernehmen", sagte GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker. Studien-Autor Rothgang forderte hingegen eine "Stabilisierung familiärer Pflege, um einen Heimaufenthalt zu verhindern. Die Daten zeigen: Wer einmal im Heim ist, bleibt auch da."

Dass in Pflegeeinrichtungen noch immer enorme Missstände herrschen, hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen vor Kurzem bestätigt. Der GEK-Chef aber zeigte sich "unter dem Strich ganz zufrieden mit der ärztlichen und medizinischen Versorgung in Pflegeheimen". Pro Quartal werde durchschnittlich fast jeder Heimbewohner ein Mal vom Hausarzt untersucht. "Das halten wir für adäquat." Rothgang hingegen betonte, dass die Daten "höchstens im Durchschnitt, aber keineswegs für jeden Einzelfall eine hinnehmbare ärztliche Versorgung belegen".

Außerdem stünden zu wenig Fachärzte für die Patienten zur Verfügung. Das gelte insbesondere für Neurologen und Psychiater, die sich unter anderem um Demenzkranke kümmern könnten. Ebenso seien zu wenig Augenärzte, Orthopäden, Gynäkologen und Urologen vor Ort.

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Kommentare

6 Kommentare
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Personalmangel ist denke ich die Hauptursache für viele schlimme Umstände und Fehler. Ich habe einige Jahre nebenher als Pflegeaushilfskraft gejobbt. Die Menschen (hauptsächlich Frauen) die dort arbeiten sind vollkommen überlastet, psychisch und physisch. Mangels Pflegepersonal muss ständig schnell gearbeitet werden, keine Zeit sich auch um die seelischen Nöte der Bewohner zu kümmern. Man kann froh sein, wenn am Dienstende alle sauber, ernährt und mit den richtigen Medikamenten versorgt sind.
Was abgeschaltete Notklingeln angeht, die jemand in einem Kommentar erwähnt hat: da sich niemand mit den Bewohnern beschäftigt und vor dem TV parken nicht immer eine Lösung ist, kommt auch mal Langeweile auf. Klingelspielchen sind dann DER Renner. Da wird geklingelt, um die Uhrzeit zu erfahren, wie das Wetter wird oder auch weil man irgendwie vergessen hatte was der Grund war. Dumm nur, wenn es dann doch mal ein Notfall ist...genauso dumm, wenn dann die Verwandschaft antanzt. Ja "antanzt", denn von Angehörigen wird das Pflegepersonal oft nur von oben herab behandelt und es wird getan, als ob die eigene Omi hier im Heim die einzige ist und man sollte doch gefälligst den ganzen Tag bei ihr im Zimmer sitzen. Unmöglich, wenn für 35 Bewohner 2 bis 4 Pflegerinnen zuständig sind. Leider auch oft zu wenig Pfleger, denn ein 80-jähriger, hat durchaus seine Probleme damit sich von einer Frau duschen zu lassen.
Ich könnte hier noch endlos weitererzählen, von dementen, schreienden, prügelnden Bewohnern, von MRSA, Hautkrankheiten, schlechtem Essen und Stuhlgestank bis hin zum ständig angedrohten Personalabbau, der die Stimmung beim Personal nicht grade bessert....

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