Es dauerte nur ein paar Stunden, da redete der neue Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir in einem Zeitungsinterview schon wieder von Koalitionsmöglichkeiten mit der CDU , und der Realo-Vordenker Ralf Fücks von Machtoptionen mit der FDP. Es ist wieder ganz so, als ob es auf der vom Parteienforscher Franz Walter beschriebenen politischen "Baustelle Deutschland" in erster Linie nur darum ginge, wie die Vorarbeiter sich die Bautrupps zusammenstellen. Und nicht vielmehr darum, an was denn nun eigentlich gebaut werden soll.

An anderer Stelle gestand Fücks zu, dass der Realo-Flügel der Grünen "keine handlungsfähige Kraft mehr ist, die weiß, was sie will", und dass die "linken Strömungen" nicht nur besser organisiert seien, sondern auch angriffslustig für ihre Positionen kämpften. Sicher, dies alles könnte als Ausdruck von Binnenkonflikten der Partei gedeutet werden, die kaum jemanden interessieren. Doch spätestens dann, wenn sich die Grünen bis in den kleinsten Ortsverband hinein den kommenden Wahlkämpfen zu stellen haben, könnte diese Disparität zwischen Personalisierung, koalitionstaktischer Beliebigkeit und inhaltlicher Verflachung auf der einen und untergründigen Strömungskämpfen und inhaltlicher Neufaufstellung auf der anderen Seite zum Problem werden.

Es ist nicht davon auszugehen, dass sich die Parteispitze dieses Problems nicht bewusst gewesen wäre. Mit einer recht amerikanisierten Inszenierung hat sie daher in Erfurt versucht, die Partei hinter dem neu gewählten Spitzenpersonal zu versammeln. Unübersehbar waren die Anleihen bei Obama und den US-Demokraten, bis in die Dramaturgie und die Wortwahl hinein: "Yes we Cem".  Dass bei alledem die programmatischste und politischste Rede, die der wieder gewählten Parteivorsitzenden Claudia Roth, die ihr das beste Ergebnis bescherte, eher unterging, ist symptomatisch für den Grundwiderspruch, in dem sich nicht nur die Grünen, sondern die gesamte deutsche Parteiendemokratie befindet.

Denn alle wollen regieren und politische Verantwortung übernehmen. Nur die Frage des Warum traut sich keine Partei mehr in letzter Konsequenz zu beantworten. (Ein Widerspruch, dessen sich die Linkspartei übrigens dadurch entledigt, dass sie im Bund gar nicht regieren will.) Es scheint ganz so, als ob sich dieses Land nur noch Führungs- und Verwaltungspersonal aus den Parteien zusammenstellt; als ob die Frage der politischen Durchsetzung unterschiedlicher Gesellschaftsmodelle, für die einst Personen wie Ludwig Erhard, Willy Brandt oder Petra Kelly standen, überhaupt keine Bedeutung mehr hat.

So entwickeln die Parteien vielleicht noch Verkaufsstrategien für ihre jeweilige "Marke", die aber nicht viel mehr sind als bloßes Werben um Wählerstimmen. Zwar ist seit Jahren in allen Parteien bekannt, dass wesentliche Grundannahmen der alten Arbeitsgesellschaft, des Sozialstaates und der Industriegesellschaft in sich zusammenfallen. Das Wagnis neuer Begriffs- und Zielsetzungen aber scheint keine von ihnen wirklich eingehen zu wollen oder zu können.

Denn CDU, SPD und FDP, die Vertreter der drei klassischen politischen Grundströmungen, haben mit ihren in den letzten Jahren versuchten Erneuerungsprozessen Schiffbruch erlitten. Sowohl der Neokonservativismus als auch der Neoliberalismus und "New Labour", also der sogenannte "dritte Weg" von Schröder und Blair, sind gescheitert.