Anthropologie Mehr Hirn statt Kindheit
Ein etwa 1,2 Millionen Jahre alter Beckenknochen könnte belegen: Säuglinge von Frühmenschen waren viel selbstständiger und schneller erwachsen als Kinder heute
Nichts berührt mehr als das Glucksen und Kichern eines Neugeborenen. Das Häufchen Mensch ist seiner Umgebung ausgeliefert, auf sich alleine gestellt könnte es nicht überleben. Kein anderes Säugetier kommt so hilflos auf die Welt wie der Mensch und keines bleibt es auch so lange. Wo wir mehr als ein Jahrzehnt benötigen, um erwachsen zu werden, schafft es der Schimpanse in der Hälfte der Zeit. Diesen Vorsprung scheint unser naher Verwandter aber nicht immer gehabt zu haben.
Im nördlichen Äthiopien in der Afar-Region haben US-Forscher über eine Million Jahre alte Überreste eines weiblichen Homo erectus gefunden. Jener Menschenart, die als erste Afrika verließ und sich in Asien und Europa ausbreitete. Allerdings besteht der Fund nur aus einem Beckenknochen. Dieser aber ist fast vollständig erhalten und stellt infrage, was Anthropologen bisher über den Frühmenschen und seine Kindheit geglaubt hatten zu wissen.
Das Becken der Frau ist ungewöhnlich breit und hat einen Geburtskanal, der deutlich größer ist als bislang vermutet. Der Nachwuchs des Homo erectus kam daher offensichtlich mit einem Gehirn zur Welt, dass etwa 30 Prozent größer war als angenommen, schreiben Scott Simpson von der Case Western Reserve University in Cleveland und seine Kollegen in Science . Doch was bedeutet ein größeres Gehirn bei der Geburt?
Es verkürzt die Kindheit und machte den Homo erectus schon früher selbstständig als bislang gedacht. "Lebewesen, deren Gehirne sich bereits vor der Geburt schnell entwickelt haben, finden sich auch schneller in ihrer Umwelt zurecht", sagt Jean-Jacques Hublin vom Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie. Allerdings hat die Sache einen Haken: Je rascher das Gehirn eines Embryos im Mutterleib wächst, desto weniger kann es sich nach der Geburt noch entwickeln.
Im Gegensatz zum Affen und auch zum Homo erectus ist unser Gehirn bei der Geburt erst zu etwa einem Viertel ausgewachsen. Ein großer Vorteil, denn nur so lässt sich erklären, wie sehr unsere geistigen Fähigkeiten noch reifen, nachdem wir das Licht der Welt erblickt haben. Ganz zu schweigen von unserer Motorik, die es uns erlaubt, präzise Bewegungen auszuführen. Dies scheint allerdings dazu zu führen, dass wir eine längere Kindheit in Kauf nehmen müssen. "Wir sind einzigartig in dieser Hinsicht, denn wir brauchen 20 Jahre, um erwachsen zu werden", sagt Hublin.
- Datum 13.02.2009 - 16:04 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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wer herausgefunden, ob und falls ja, wann, er definitiv erwachsen wurde, der mensch?
Sicher ist vermutlicher als gedacht...
mir Sorge bereitet, ist, dass die Kindheit des menschlichen Säugetiers seit dem Homo erectus immer länger wird. Ich denke, das liegt nicht nur am weiblichen Beckenknochen und einem kleiner gewordenen Geburtskanal, möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass sich der Mensch dem evolutionären Selektionsdruck entzieht. Die Kindheit wird definitiv immer länger. Um mich herum beobachte ich immer mehr Zeitgenossen, die überhaupt nicht erwachsen werden und vermutlich sterben, ohne ihre Kindheit jemals überwunden zu haben. Ich sehe nur einen Ausweg: Auswildern. Das wird hart in freier Wildbahn, aber die, die überleben, haben ihre Kindheit hinter sich gelassen.
bedeutet auch verlängerte geistige Flexibilität, Neugier, Entwicklungsmöglichkeiten. Insofern verdankt der Homo sapiens einen großen Teil seiner geistigen Überlegenheit seiner verlängerten Kindheit. Insofern, lieber wolff959, führt ihr Vorschlag tatsächlich direkt in die Steinzeit zurück...;-)
" Denn wenn Ihr nicht seid wie die Kindlein, werdet ihr niemals ins Himmelreich gelangen " Moeglichweise ist das Erwachsensein ja auch nur eine geistige Deformation, die durch entsprechende Wohlstandslebensumstaende abgemildert wird. Wer Zeit seines Lebens nur geistig und kreativ arbeitet hat einfach weniger Bedarf erwachsen zu werden. Die Not lehrt schliesslich erwachsen zu werden.
Zum Thema: Das Problem bei diesen palaeoanthropologischen Untersuchungen ist definitiv dass wahnwitzige Schlussfolgerungen aus einzelnen Fossilien gezogen werden. So muss dann oefter mal korrigiert werden , was man vorher aus dem (EINZELNEN) Turkana-Boy-Skelett herausgelesen hat.
Etwas mehr Zurueckhaltung waere da vielleicht auch mal angebracht. Aber so wird man ja nicht beruehmt.
In der Bildunterschrift der Beckenabbildungen steht: "Der Vergleich zeigt von links nach rechts die weiblichen Beckenknochen von Australopithecus Afarensis, einer Art, die dem Menschen ähnlich war und vor vier Millionen Jahren lebte, dann der aktuelle Fund und schließlich das Becken einer heutigen Frau. Klar zu erkennen: Der Geburtskanal (unten) vergrößerte sich stetig".
Und so ist es auch. Es bleibt festzuhalten, daß das Becken der Jetztmenschen den weitesten Geburtskanal aufweist.
Gemäß des Argumentatinsmusters, daß ein weiterer Geburtskanal einen ausgereifteren größeren Schädel wie Gehirn impliziert, müssten unsere Vorfahren ja geburtlich eine weniger ausgereifte Hirnstruktur gehabt haben. Im Text wird aber genau das Gegenteil behauptet.
Sprich, der ZEIT-Artikel ist hanebüchener Unsinn.
[Rest entfernt, bitte äußern Sie Ihre Kritik sachlich und vermeiden Sie Beleidigungen/ Redaktion; svb]
Erzählen Sie uns bitte mehr, Sven Stockrahm.
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