Aids "Das Virus wird wieder auftauchen"

Ärzte heilen einen leukämiekranken HIV-Patienten nicht nur vom Krebs - auch der tödliche Erreger ist bei ihm verschwunden. Die Sensation im Kampf gegen AIDS? Ein Interview

Norbert Brockmeyer ist Sprecher des Kompetenznetzes HIV/AIDS. Die Initiative bündelt die deutsche Forschung zur Immunschwächekrankheit und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

ZEIT ONLINE: Herr Brockmeyer, am  Mittwoch verkündete Gero Hütter von der Berliner Charité, dass ihm ein ganz besonderer Behandlungserfolg gelungen sei. Mit einer Knochenmark-Transplantation heilten er und seine Kollegen einen HIV-Patienten von seiner Leukämie. Aber nicht nur das: Die Aidsviren des Mannes sind seit 20 Monaten nicht mehr nachzuweisen. Wie ist das zu erklären?

Norbert Brockmeyer: Die Ärzte hatten den besonderen Fall, dass für ihren HIV-Patienten eine Vielzahl von Knochenmarkspendern infrage kam, um seinen Blutkrebs zu heilen. Dann hatten sie das Glück, darunter einen zu finden, der eine Resistenz gegen das HI-Virus hatte. Ein solcher Spender kann sich nicht so leicht mit dem Virus infizieren wie andere, da bei ihm ein bestimmter Rezeptor verändert ist. Diesen sogenannten CCR5-Rezeptor benutzt das Virus, um in eine Zelle zu gelangen und sie zu infizieren. Es ist das erste Mal, dass man gezielt Knochenmark danach ausgesucht hat, ob der Spender diese CCR5 Variante hat. Es ist ja immer wieder versucht worden, HIV-Patienten Knochenmark oder Stammzellen zu geben, und das hat die HIV-Infektion nicht erfolgreich beeinflusst.

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ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Brockmeyer: Das Virus hat sich ganz schnell wieder im Körper ausgebreitet. Wahrscheinlich, weil es Nischen im Gewebe findet, in die es sich zurückziehen kann. Der jetzt vorgestellte Therapieerfolg ist ein riesiger Glücksfall. Allerdings kann von einer Heilung nicht die Rede sein, auch wenn die Kollegen von der Charité kein Virus nachweisen konnten. Man muss davon ausgehen, dass das Virus weiterhin im Körper des Patienten ist. HIV kann sich in den unterschiedlichsten Teilen des Körpers einnisten, im Gehirn, in den Lymphknoten, in der Milz oder auch im Genitaltrakt.

ZEIT ONLINE: Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis das Virus bei dem Patienten aus Berlin wieder auftaucht?

Brockmeyer: Ja. Das Problem ist, und das wissen wir schon seit Jahren, dass das Virus seine Affinität für Rezeptoren ändert. Es gibt noch einen zweiten Rezeptor, den sogenannten CXCR4, den das Virus nutzt, um eine Zelle zu infizieren. Die Frage ist jetzt, wie lange braucht das Virus, bis es sich wieder so weit vermehrt hat, dass es auf der einen Seite wieder nachweisbar ist und auf der anderen Seite den Rezeptortyp gewechselt hat. Noch sieht alles sehr fantastisch aus, aber wir müssen schauen, was in den nächsten Monaten passiert.

ZEIT ONLINE: Dennoch macht der Erfolg der Berliner Ärzte Hoffnung. Könnte sich aus dem Einzelfall eine Therapie entwickeln?

Brockmeyer: Was uns klar sein muss: Das, was die Kollegen in Berlin gemacht haben, lässt sich nicht verallgemeinern und auf eine große Menge an Patienten ausweiten. Die Suche nach einem Knochenmarkspender für einen Leukämiepatienten dauert oft Monate. Dann noch jemanden zu finden, der die notwendige Rezeptorveränderung hat, die das Virus daran hindert, eine Zelle zu infizieren, ist wie das Suchen der Nadel im Heuhaufen. In Deutschland und Europa haben gerade ein Prozent der Bevölkerung diese Veränderung im CCR5-Rezeptor, bei Farbigen ist der Anteil noch deutlich geringer.

ZEIT ONLINE: Zudem ist eine Knochenmark-Transplantation kein einfacher Eingriff.

Brockmeyer: Richtig, sie ist mit enormen Risiken verbunden. Für die Behandlung müssen sie Chemotherapeutika einsetzen, die quasi das Immunsystem ausschalten. Dann gibt es eine Vielzahl von Nebenwirkungen, die bis zum Tod führen können. Das heißt, eine Transplantation ist nicht irgendetwas, dass man jedem HIV-Patienten, der nicht gerade eine Leukämie hat, anraten sollte. Dafür sind unsere heutigen antiretroviralen Therapien auch einfach zu gut. Ein Infizierter hat momentan eine Lebenserwartung von dreißig Jahren. Da kann man niemandem raten, sich solch einer Behandlung zu unterziehen.

ZEIT ONLINE: Wie kann der glückliche Einzelfall überhaupt bei der Aids-Behandlung helfen?

Brockmeyer: Das Ergebnis ist hochinteressant und man kann vonseiten der Forschung sicher darauf aufbauen. Was aber auch sein kann: Man probiert die Behandlung jetzt bei drei oder vier anderen Patienten aus und es funktioniert nicht. Wir haben schon unglaublich viele Rückschläge erlebt, nicht nur in der HIV-Therapie, sondern auch in der Tumortherapie. Die Frage ist, ob man aus den Erkenntnissen eine Methode entwickeln kann, bei der man nicht mehr Knochenmark benötigt, sondern Stammzellen nimmt. Da gibt es schon Versuche, die in den USA gemacht wurden. Hier wurden diese Zellen zusätzlich mit Virusbestandteilen behandelt, um direkt eine stärkere Immunität gegen den Aids-Erreger zu erzielen. Inwieweit das funktioniert, muss man weiter erproben.

ZEIT ONLINE: Welche Methoden sind geeignet, um HIV künftig in den Griff zu bekommen?

Brockmeyer: Wir können langfristig eher auf eine medikamentöse Behandlung setzen, denn heute haben wir ein besseres Nebenwirkungsprofil und –management. Damit können wir unsere Patienten dauerhaft behandeln. Was aber klar sein muss: Wir werden diese Epidemie nicht ausrotten können, wenn wir keinen wirksamen Impfstoff entwickeln. Nur so konnten wir etwa auch die Pocken von der Erde verbannen. 

Die Fragen stellte Sven Stockrahm

 
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