Aids "Das Virus wird wieder auftauchen"Seite 2/2
Brockmeyer: Was uns klar sein muss: Das, was die Kollegen in Berlin gemacht haben, lässt sich nicht verallgemeinern und auf eine große Menge an Patienten ausweiten. Die Suche nach einem Knochenmarkspender für einen Leukämiepatienten dauert oft Monate. Dann noch jemanden zu finden, der die notwendige Rezeptorveränderung hat, die das Virus daran hindert, eine Zelle zu infizieren, ist wie das Suchen der Nadel im Heuhaufen. In Deutschland und Europa haben gerade ein Prozent der Bevölkerung diese Veränderung im CCR5-Rezeptor, bei Farbigen ist der Anteil noch deutlich geringer.
ZEIT ONLINE: Zudem ist eine Knochenmark-Transplantation kein einfacher Eingriff.
Brockmeyer: Richtig, sie ist mit enormen Risiken verbunden. Für die Behandlung müssen sie Chemotherapeutika einsetzen, die quasi das Immunsystem ausschalten. Dann gibt es eine Vielzahl von Nebenwirkungen, die bis zum Tod führen können. Das heißt, eine Transplantation ist nicht irgendetwas, dass man jedem HIV-Patienten, der nicht gerade eine Leukämie hat, anraten sollte. Dafür sind unsere heutigen antiretroviralen Therapien auch einfach zu gut. Ein Infizierter hat momentan eine Lebenserwartung von dreißig Jahren. Da kann man niemandem raten, sich solch einer Behandlung zu unterziehen.
ZEIT ONLINE: Wie kann der glückliche Einzelfall überhaupt bei der Aids-Behandlung helfen?
Brockmeyer: Das Ergebnis ist hochinteressant und man kann vonseiten der Forschung sicher darauf aufbauen. Was aber auch sein kann: Man probiert die Behandlung jetzt bei drei oder vier anderen Patienten aus und es funktioniert nicht. Wir haben schon unglaublich viele Rückschläge erlebt, nicht nur in der HIV-Therapie, sondern auch in der Tumortherapie. Die Frage ist, ob man aus den Erkenntnissen eine Methode entwickeln kann, bei der man nicht mehr Knochenmark benötigt, sondern Stammzellen nimmt. Da gibt es schon Versuche, die in den USA gemacht wurden. Hier wurden diese Zellen zusätzlich mit Virusbestandteilen behandelt, um direkt eine stärkere Immunität gegen den Aids-Erreger zu erzielen. Inwieweit das funktioniert, muss man weiter erproben.
ZEIT ONLINE: Welche Methoden sind geeignet, um HIV künftig in den Griff zu bekommen?
Brockmeyer: Wir können langfristig eher auf eine medikamentöse Behandlung setzen, denn heute haben wir ein besseres Nebenwirkungsprofil und –management. Damit können wir unsere Patienten dauerhaft behandeln. Was aber klar sein muss: Wir werden diese Epidemie nicht ausrotten können, wenn wir keinen wirksamen Impfstoff entwickeln. Nur so konnten wir etwa auch die Pocken von der Erde verbannen.
Die Fragen stellte Sven Stockrahm
- Datum 13.11.2008 - 18:36 Uhr
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