Stasivergangenheit Kein Datenschutz für Täter

Ein Linken-Abgeordneter ließ die deutsche Wikipedia sperren, weil darin über seine Stasi-Tätigkeit berichtet wurde. Doch Verdrängen hilft nicht. Ein Kommentar

Seit es das Internet und effektive Suchmaschinen gibt, hat der Satz, dass man seiner Vergangenheit nicht entfliehen kann, eine ganz neue Relevanz. Was nicht heißt, dass Viele es nicht trotzdem versuchen. Wenn es sein muss, mit der Justiz. So wie der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei Lutz Heilmann. Weil ihm Einträge über sich in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia nicht passten, ließ er am Wochenende deren deutsche Seite gerichtlich sperren . Heilmann macht seit mehreren Jahren kein Geheimnis mehr daraus, Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit gewesen zu sein. Trotzdem aber wollte er nicht hinnehmen, dass Einzelheiten darüber öffentlich via Internet verbreitet werden.

Ein Trend, den Forscher, Buchautoren, Journalisten und vor allem Stasi-Opfer seit Jahren zu spüren bekommen. Es existieren inzwischen mehrere Gerichtsurteile, die mit Begründung auf Persönlichkeitsrechte und Datenschutz untersagen, Täter der Staatsicherheit beim Namen zu nennen. Leider.

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Was wiegt schwerer: das Recht des Einzelnen auf Ruhe oder das Recht der Gesellschaft auf Aufklärung und Wahrheit? Eigentlich erübrigt sich die Frage. Oder würde sich erübrigen, wenn Menschen nicht so wären, wie Menschen nun einmal sind.

Artikel eins des Grundgesetzes stellt die Menschenwürde über jedes andere Rechtsgut. Auch wenn es dort nicht ausdrücklich steht, meint das auch, dass jeder verpflichtet ist, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen; gerade wenn dadurch die Würde anderer verletzt worden ist. Gerichte, die Opfern untersagen, ihre Täter zu nennen, verstoßen dagegen.

Solche Urteile zeigen, wie schwer es ist, sich zu verantworten, und dass wir, wenn wir können, dies zu vermeiden suchen. Das ist menschlich und verständlich. Dulden und unterstützen aber sollten Richter solche Fluchtversuche nicht. Um der Opfer und um des Friedens der Gesellschaft willen.

Der Gedanke, dass Menschen unter uns leben, die andere bespitzelt, ausgespäht und angeschwärzt haben, mit oft schwerwiegenden Folgen, ist nicht leicht zu ertragen. Führt er doch immer wieder vor Augen, dass jeder von uns sich schuldig machen kann. Noch schwerer zu ertragen aber ist es, wenn Täter davor geschützt werden, sich zu ihrem Verhalten bekennen zu müssen.

Genau wie es möglich sein muss, ohne Angst vor dem Staat zu leben, muss es möglich sein, angstfrei über Wahrheiten reden zu dürfen, so unangenehm für Einzelne sie auch sein mögen. Wenn aber, wie der Spiegel gerade berichtet, der Propyläen - Verlag aus Angst vor Klagen sich nicht mehr traut, in einem Buch über Die Fluchttunnel von Berlin die Namen derjenigen zu nennen, die im Auftrag der Stasi Fluchtwillige in der DDR verfolgten, läuft etwas grandios falsch.

Leser-Kommentare
  1. Ich zitiere aus dem Artikel: "Ein Linken-Abgeordneter ließ die deutsche Wikipedia sperren, weil darin über seine Stasi-Tätigkeit berichtet wurde."

    Das stimmt doch überhaupt nicht. Nachdem das Thema jetzt drei Tage rumgeistert, kann ich von einem Journalisten, der doch so toll ausgebildet wurde und die Fahne der Qualität hoch hält gegen das böse Amateurteiben im Internet ;), ja wohl erwarten dass er richtig liest und die Fakten auf die Reihe bekommt, Herr Biermann!

    Man muss kein Fan des Herrn Heilmann sein, dessen juristisches Eigentor nur Kopfschütteln auslösen kann. Und man muss schon gar kein Verständnis für das Sperren der Domain wikipedia.de haben. Aber trotzdem ist die oben zitierte Behauptung schlicht falsch, darum ging es nicht.

    Es kann doch nicht sein, dass die Journaille drei Tage lang gegenseitig falsche Fakten abschreibt. Und damit ist der gesamte Aufhänger des Artikels sowie der Artikel selbst obsolet.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich denke die Zeit kann Inhalte aus dem Tagesspiegel nutzen? Dann hätten sie man besser diesen Artikel genutzt: http://www.tagesspiegel.d...

    Der stimmt nämlich. Das da oben ist peinlich.

    Ich denke die Zeit kann Inhalte aus dem Tagesspiegel nutzen? Dann hätten sie man besser diesen Artikel genutzt: http://www.tagesspiegel.d...

    Der stimmt nämlich. Das da oben ist peinlich.

  2. Ich denke die Zeit kann Inhalte aus dem Tagesspiegel nutzen? Dann hätten sie man besser diesen Artikel genutzt: http://www.tagesspiegel.d...

    Der stimmt nämlich. Das da oben ist peinlich.

    Antwort auf "Falsche Fakten"
    • politz
    • 17.11.2008 um 18:26 Uhr

    ...aber bei der vollkommen irrationalen und konstraproduktiven Sperrung von wikipedia.de ging es im Kern nicht um die Verdrängung von Heilmanns Stasivergangenheit, sondern um andere private Geschichten wie die ihm unterstellte Nötigung eines ehemaligen Freundes und eine vermeintliche Aufhebung der Immunität.

    Die Stasivergangenheit von Heilmann war zu jederzeit online abrufbar und ist es auch jetzt noch.

  3. Redaktion
    4. @ all

    Stimmt, Sie haben Recht. Mein Wissen dazu war vom Samstag, ich hätte es auffrischen müssen. Ich entschuldige mich dafür. Der Kommentar wird vom Netz genommen.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

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