Regelmäßig initiiert der IT-Berater Franz Patzig Konferenzen mir mehreren Hundert Menschen. Gedanken über Redner, Ablaufplan oder Themenschwerpunkte muss er sich nicht machen – das Programm gestalten die Teilnehmer vor Ort in Eigenregie. "BarCamps" nennen sich diese Spontan-Konferenzen, auf denen sich eine bunte Mischung aus Start-up-Gründern, Bloggern, Programmierern und Konzernvertretern trifft.

Am vorletzten Novemberwochenende war es wieder so weit: Patzig und eine Handvoll freiwilliger Mit-Organisatoren begrüßten kurz die rund 400 Menschen, die den Aufruf im Netz gelesen und den Weg auf das Camp in Hamburg gefunden hatten. Dann enterte man die Bühne: Wer einen Vortrag oder einen Workshop halten wollte, stellte sich und sein Thema mit wenigen Sätzen vor, trug sich in einen Stundenplan ein und bekam einen Raum zugewiesen.

"Es geht darum, Wissen frei auszutauschen und Dialoge zu fördern", erklärt Patzig die Grundidee der BarCamps. Sie übertrügen die in der Welt der Open-Source-Software vorherrschenden Organisationsprinzipien auf das Konferenzwesen: Flache Hierarchien, Zusammenarbeit, offener Zugang. Der 43-Jährige vergleicht die Mitmach-Tagungen mit der Wikipedia, die bekanntlich auch vom Engagement ihrer Nutzer lebt. Auch auf BarCamps sei jeder angehalten, sich einzubringen. "Vorne spricht einer, hinten schläft das Publikum – das soll es bei uns nicht geben", so der Aachener.

Das Konzept findet immer mehr Anhänger: Das weltweit erste Camp fand 2004 in Kalifornien statt, seitdem hat es sich zu einem globalen Phänomen ausgewachsen. Ob in Nairobi, Dijon, Kuala Lumpur oder Las Vegasüberall organisieren Menschen Konferenzen nach dem Mitmach-Prinzip. Mittlerweile gibt es auch Camps zu bestimmten Themen – in Frankreich fand eines über Wein statt, in den USA eines über Musikbands. Jeder, der mag, kann das Prinzip übernehmen und aktiv werden. IT-Berater Patzig veranstaltete eines der ersten BarCamps in Deutschland, die Hamburger Ausgabe ist sein neuntes. ( korigiert / danke für den Hinweis) .

Tatsächlich ließ sich dort eine Dynamik beobachten, die man auf klassischen Tagungen selten erlebt: Auf einem Workshop über "Live-TV in Netz" etwa stellten Firmenvertreter kurz ihre Anwendungen vor und baten dann um Kritik und Anregungen der Zuhörer – die ließen sich nicht lange bitten. Wurde eine Präsentationen als dröge empfunden, leerte sich der Raum ziemlich schnell wieder und zurück blieb ein irritierter Referent. Häufig passten die Redner ihre Vorträge spontan den Wünschen des Publikums an. Rund 80 Veranstaltungen wurden gehalten, darunter Themen wie "Programmierung für das iPhone", "Wie nehme ich meinen Avatar von einer virtuellen Welt in die andere?", "Schreiben von Fachbüchern", "China und das Netz" oder "Mobiles Web".

Die Atmosphäre war gelöst, in den Pausen standen Blogger mit Geschäftsführern zusammen, IT-Spezialisten tauschten sich beim Kaffee mit der Konkurrenz aus, und Programmierer zeigten ihre neuesten technischen Gadgets. Anzugträger ließen sich nicht blicken, Firmenvertreter erschienen in Jeans und Turnschuhen. Ein aus Berlin angereister Webdesigner freute sich über den vielfältigen Input, ein anderer pries die bei den Teilnehmern anzutreffende "große Portion Enthusiasmus".

Dass sich die Camps so großer Beliebtheit erfreuen, dürfte auch daran liegen, dass der Eintritt frei ist. Zum Vergleich: Professionell organisierte IT-Konferenzen können bis zu 1.000 Euro Gebühr kosten. In der Regel werden die Camps über Sponsoren finanziert, inklusive Verpflegung und WLAN.

Die Hamburger Veranstaltung fand in der Zentrale des Otto-Konzerns statt, der Versandhändler war einer der Haupt-Förderer. "Auf diesen Von-unten-nach-oben-Konferenzen bekommt man neueste Entwicklungen mit, wir halten auch nach neuen Mitarbeitern Ausschau", erklärt Alexander Graf, der bei Otto im Bereich Business Development arbeitet, das Engagement des Unternehmens. Außerdem nehme man natürlich einen Werbeeffekt mit – schließlich berichten Blogger ausführlich über das Event. Graf bezeichnet sich selbst als "BarCamp-Fan", er half, das Projekt im Haus durchzusetzen. Der Diplom-BWLer schätzt die auf BarCamps gepflegte Diskussionskultur. "Komplexe Projekte erzwingen Offenheit". Den damit einhergehenden Kontrollverlust müsse man dabei in Kauf nehmen. Denn inhaltlich dürfen die Sponsoren keinen Einfluss nehmen.

Franz Patzig versichert, dass die Unternehmen das akzeptieren – erst einmal habe er die Reißlinie ziehen und einem Sponsoren absagen müssen. Warum die unstrukturierten Konferenzen nicht doch regelmäßig im Chaos enden, kann sich der BarCamp-Veteran allerdings selbst kaum erklären. Vielleicht liegt es daran, dass der auf den Camps gehandelte Rohstoff Wissen sich nicht verbrauchen lässt. Wissen vermehrt sich durch Teilung.