DDR-Vergangenheit Historischer Bumerang trifft die CDU

Eine scharfe Auseinandersetzung mit der Linkspartei wollte die CDU über deren DDR-Erbe führen. Nun muss sie sich mit ihrer eigenen Geschichte befassen

Die Linkspartei wird immer stärker - und die CDU wird nervös. Denn gerade im nächsten Jahr könnten die Linken der Union im Osten Deutschlands gefährlich werden. Also muss man dem Volk sagen, mit wem man es da zu tun hat, mögen sich die Schreiber eines Grundsatzpapiers gedacht haben, mit dem sie auf dem Parteitag am Wochenende nochmals die Wurzeln der Linken offenlegen wollen.

Die Linke, so steht dort geschrieben, ist "die direkte Nachfolgerin der für Unterdrückung und Bespitzelung verantwortlichen SED" und sie "propagiert ein Geschichtsbild, das die DDR als sozialpolitisches Großexperiment und nicht als menschenverachtendes totalitäres System zeichnet". Der SPD wiederum werfen die Autoren vor, mit der Linkspartei "damals wie heute" gemeinsame Sache zu machen. 

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Dann werden all die Ereignisse und Fakten aufgezählt, von denen die CDU befürchtet, sie seien den Ostdeutschen nicht mehr ausreichend gegenwärtig: die Niederschlagung des Aufstands am 17. Juni 1953, der Mauerbau 1961, die mehr als 950 Mauertoten und das Versagen der Planwirtschaft.

Ein starker Wurf also. Doch was als Munition im Dauerwahlkampf des kommenden Jahres gedacht war, wendet sich gegen die Union selbst. Sie sieht sich plötzlich mit dieser Frage konfrontiert: Wie steht es eigentlich um ihr eigenes Geschichtsbild und wie ist ihr Anteil am Herrschaftssystem der DDR zu bewerten?

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich zumindest hat, nachdem am Wochenende Details seiner politischen Karriere in der DDR bekannt wurden, seine anfänglichen Erinnerungslücken mittlerweile geschlossen und sich zu einigen offenen Sätzen aufgerafft. Die Blockpartei CDU sei "Teil des Systems" gewesen und habe damit letztlich den Machtapparat der SED unterstützt.

Tillich hatte im Frühjahr 1989 an einem Lehrgang für angehende Führungskräfte in der DDR teilgenommen und in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender im Rat des Kreises Kamenz mindestens zweimal Kontakt zur Staatssicherheit gehabt. Für einen Mann, der in der DDR "aus seinem Leben etwas machen wollte", sind das keine besonders schwerwiegenden Vorwürfe. Und es stimmt ja, wenigstens zum Teil: Wäre Tillich ein skrupelloser Karrierist gewesen, wäre er zweifelsohne sofort in die SED eingetreten.

Wer Mitglied der Ost-CDU war, drückte damit tatsächlich eine gewisse Distanz zum Herrschaftsapparat der SED aus. In der Opposition war er deswegen noch lange nicht. Bürgerrechtler wie die heutige Vorsitzende der Stasi-Unterlagen-Behörde Marianne Birthler können sich über derlei Deutungsversuche ohnehin nur wundern. "Wir haben niemals das Gefühl gehabt, dass die CDU-Mitglieder Leute sind, die an unserer Seite stehen." Die Ost-CDU habe die SED gestützt, "das war auch ihr Selbstverständnis".

Tillich, aber auch der CDU im Allgemeinen ist vor allem die verdruckste Art vorzuwerfen, mit der sie mit dem Thema umgehen. Das weckt den Anschein, dass die der Linkspartei vorgeworfene Schönfärberei der Geschichte bei den Christdemokraten nicht weniger ausgeprägt ist.

Noch im September enthielt das Grundsatzpapier für den Parteitag keinen einzigen Hinweis darauf, dass auch die CDU in die DDR-Vergangenheit verstrickt ist. Erst, nachdem daran deutliche Kritik geübt wurde, soll nun der Satz eingefügt werden, dass "die CDU in der DDR im totalitären System der DDR mitgewirkt" habe.

Doch selbst diese schlichte Tatsachenbeschreibung geht manchem ostdeutschen Parteimitglied zu weit. Die Bundestagsabgeordnete Maria Michalk beispielsweise sagte dem Spiegel , die Kritik könne sich höchstens auf "einzelne Verantwortliche" beziehen. Nach Ansicht des Vorsitzenden der sächsischen Landesgruppe der Union im Bundestag, Michael Luther, ist ausschließlich die SED an dem in der DDR geschehenen Unrecht schuld.

Solche Äußerungen machen deutlich, dass die CDU mit ihrer Vergangenheit noch lange nicht abgeschlossen hat. Allerdings muss man wohl davon ausgehen, dass zumindest der historische Teil des CDU-Papiers nach dem Parteitag ziemlich tief in den Schubladen verschwinden wird. Die Lust auf eine Neuauflage der Rote-Socken-Kampagne dürfte der Union vorerst vergangen sein.

 
Leser-Kommentare
  1. In der Funktion, die Herr T.damals inne hatte war er faktisch SED Mitglied nur mit dem Parteibuch der SED. Es war üblich, diese Funktion mit "Genossen" der Blockparteien (Blockflöten) zu besetzen. Diese Parteien hatten darauf Anspruch und
    die SED Kreisleitungen legten sehr großen Wert darauf. Der Anschein der Parteienvielfalt und "DDR Demokratie" sollte ja gewahrt werden.
    Es wurde auch zuverlässige Leute gezielt in dieses Blockparteien geschickt.
    Es sieht so aus, dass Herr T. in die CDU eintrat um eben diesen Posten zu bekommen. Wahrscheinlich wäre er SED Mitglied geworden, wenn diese Funktion
    nur mit SEDlern zu bestezen gewesen wäre.
    Fakt ist, Herr T. muß dem Sekretariat der zuständigen SED Kreisleitung als ausgesprochen zuverlässig gegolten haben, einschließlich Überprüfung durch die Stasi.
    Dazu kam noch der "Sorbenbonus", da ein bestimmter Prozentsatz der Pöstchen
    in Herrn T.s Heimat mit Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe bestzt werden mußte. Ich sehe an diesem Artikel, dass noch viel über das Funktionieren des SED Staates aufgearbeitet werden muß.

  2. Wenn man sich professionell von einer Partei abgrenzen moechte dann tut man es mit Ihren politischen Thesen und/oder den politische Ideen. Es hat einen grund warum diese da sind und das liegt auch an CDU und SPD. Wer aber polemisch nur die Personen heruntermacht denkt nicht daran das jeder einer unbestimmten Partei aus der geschichte etwas verzuwerfen findet. Doch man begibt sich auf dieses Spielfeld und moechte die personen so schaden. Erstens weil die Linke politisch Recht hat, und zweitens ist der offengelegte Charakterzug der CDU und auch der SPD genau das was sich in deren Politik widerspiegelt. Nur Kindergarten auf hoechstem AusredenNiveau zum Wohle einer Minderheit und nicht dem Volke.

    Wie nennt man es denn wenn eine Koalition uns etwas als Konjunkturprogramm verkauft wegen der Finanzkrise von Dingen die schon laenger feststehen und eh an der Reihe waren. Kinderfreibetrag und Kindergeld.
    Wenn Deutschland eine Schule ist ist das Volk die lernbegierige Schuelerschaft und die regierung die unfaehigkeit dem Haufen etwas bezubringen. Kindergarten halt.

    Maximus Successus

  3. 1.Satz: "... faktisch SED Mitglied nur mit dem Parteibuch der CDU."
    Sorry

  4. Wer 1989 die Wiedervereinigung richtigerweise betrieben hat, musste doch auch wissen, dass es eine Wiedervereinigung mit Menschen mit anderer Sozialisierung ist!
    Das gilt für alle ehemaligen DDR Bürger und insbesondere für damalige Mitglieder der in der DDR vertretenen Parteien.
    Was sollen also die Disussionen um solche Fakten? Sowohl Gysi als auch Tillich haben die vorhandenen Möglichkeiten politischer Betätigung in der DDR genutzt und verdienen dafür Anerkennung und nicht Häme!
    Mit dem Wunsch nach einem gemeinsamen Staat mussten diese Umstände akzeptiert werden, dass ist Wiedervereinigung.

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    Menschen die sich in der DDR gegen das Unrecht wehrten wurden unterdrückt und kamen auf keinen grünen Zweig. Mitläufer und Täter hingegen machten Karriere (bestes Beispiel ist hier sicher unsere Bundeskanzlerin) Beim Umtausch Ostmark-DM wurden dann alle Mitläufer und Unterdrücker endgültig belohnt.

    Dass die Ost-CDU nichts anderes war als die SED mit anderem Etikett (um nach außen hin den Schein der Demokratie zu wahren) ist doch wirklich historisch unbestritten. Von daher ist das Schönreden der eigenen Vergangenheit und das gleichzeitige Verteufeln der alten Genossen von der Linke von Seiten der CDU äußerst hässlich.

    "Wer 1989 die Wiedervereinigung richtigerweise betrieben hat, musste doch auch wissen, dass es eine Wiedervereinigung mit Menschen mit anderer Sozialisierung ist" - Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass jüngere, nachwachsende Generationen diese Unterschiede in der Sozialisierung nicht verstehen können, wenn sie nicht thematisiert, sondern totgeschwiegen werden. Es müsste also, vor allem jenseits des Wahlkampfes, viel mehr aufgearbeitet werden. Sonst entsteht eine schöngefärbte West/Ost-Nostalgie, und die Einheit wird nie vollzogen werden.

    Menschen die sich in der DDR gegen das Unrecht wehrten wurden unterdrückt und kamen auf keinen grünen Zweig. Mitläufer und Täter hingegen machten Karriere (bestes Beispiel ist hier sicher unsere Bundeskanzlerin) Beim Umtausch Ostmark-DM wurden dann alle Mitläufer und Unterdrücker endgültig belohnt.

    Dass die Ost-CDU nichts anderes war als die SED mit anderem Etikett (um nach außen hin den Schein der Demokratie zu wahren) ist doch wirklich historisch unbestritten. Von daher ist das Schönreden der eigenen Vergangenheit und das gleichzeitige Verteufeln der alten Genossen von der Linke von Seiten der CDU äußerst hässlich.

    "Wer 1989 die Wiedervereinigung richtigerweise betrieben hat, musste doch auch wissen, dass es eine Wiedervereinigung mit Menschen mit anderer Sozialisierung ist" - Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass jüngere, nachwachsende Generationen diese Unterschiede in der Sozialisierung nicht verstehen können, wenn sie nicht thematisiert, sondern totgeschwiegen werden. Es müsste also, vor allem jenseits des Wahlkampfes, viel mehr aufgearbeitet werden. Sonst entsteht eine schöngefärbte West/Ost-Nostalgie, und die Einheit wird nie vollzogen werden.

  5. Menschen die sich in der DDR gegen das Unrecht wehrten wurden unterdrückt und kamen auf keinen grünen Zweig. Mitläufer und Täter hingegen machten Karriere (bestes Beispiel ist hier sicher unsere Bundeskanzlerin) Beim Umtausch Ostmark-DM wurden dann alle Mitläufer und Unterdrücker endgültig belohnt.

    Dass die Ost-CDU nichts anderes war als die SED mit anderem Etikett (um nach außen hin den Schein der Demokratie zu wahren) ist doch wirklich historisch unbestritten. Von daher ist das Schönreden der eigenen Vergangenheit und das gleichzeitige Verteufeln der alten Genossen von der Linke von Seiten der CDU äußerst hässlich.

    Antwort auf "Wer 1989 die"
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    Eben. Ich habe ja bewusst die Arbeit der DDR Parteien nicht gewertet. Die Tatsachen waren 1989 bekannt!
    Darüberhinaus ist aus meinem Demokratieverständniss heraus jeder anzuerkennen der eine Position bezieht und sie vertritt, alles andere ist indifferent.

    Denn Mitläufer oder angepasst waren die meisten Menschen in der DDR. Fast alle haben sich damals arrangiert mit den Verhältnissen. Erst als Tausende über Ungarn und die Prager und Warschauer Botschaften verschwanden begannen die Angepassten laut zu murren. Sie wollten nicht zum "Der Dämliche Rest" gehören.

    Mir wird die sogenannte friedliche Revolution heute viel zu sehr herorisiert. Die meisten gingen erst auf die Strasse, als nichts mehr zu befürchten war. Aber alle wollen heute Widerstandskämpfer gewesen sein.
    Wirklichen Widerstand leisteten die Wenigsten. Und die meisten von den Wenigen sind vergessen. Kaum einer will noch etwas von denen wissen.

    Gerecht ist das nicht aber wann ist Geschichte schon gerecht?

    Eben. Ich habe ja bewusst die Arbeit der DDR Parteien nicht gewertet. Die Tatsachen waren 1989 bekannt!
    Darüberhinaus ist aus meinem Demokratieverständniss heraus jeder anzuerkennen der eine Position bezieht und sie vertritt, alles andere ist indifferent.

    Denn Mitläufer oder angepasst waren die meisten Menschen in der DDR. Fast alle haben sich damals arrangiert mit den Verhältnissen. Erst als Tausende über Ungarn und die Prager und Warschauer Botschaften verschwanden begannen die Angepassten laut zu murren. Sie wollten nicht zum "Der Dämliche Rest" gehören.

    Mir wird die sogenannte friedliche Revolution heute viel zu sehr herorisiert. Die meisten gingen erst auf die Strasse, als nichts mehr zu befürchten war. Aber alle wollen heute Widerstandskämpfer gewesen sein.
    Wirklichen Widerstand leisteten die Wenigsten. Und die meisten von den Wenigen sind vergessen. Kaum einer will noch etwas von denen wissen.

    Gerecht ist das nicht aber wann ist Geschichte schon gerecht?

  6. Um einen demokratischen Anschein zu erwecken gab es in der DDR das System
    der Blockparteien. Die LDPD und die CDU waren gleichgeschaltete Überbleibsel von
    Nachkriegsgründungen, die Bauernpartei und die NDPD (Nationaldemokraten) waren
    SED Gründungen für die "Schicht" der selbständigen Bauern und ehemaliger
    Wehrmachtangehöriger, die "aktiv am Aufbau teilnehmen" sollten. Es handelte sich also um ein System der "breiteren Einbindung des gesamten Volkes" am "Aufbauwerk des Sozialismus". Politisch waren diese Blockparteien quasi Vermittler
    der SED-Politik für die verbliebenen bürgerlichen und bäuerlichen Schichten.
    Die Funktionäre dieser Parteien konnten mit der Überlassung bestimmter Verwaltungspositionen rechnen, ohne jedoch auch nur das Geringste gegen den Willen der SED durchsetzen zu können. Die Politik der DDR wurde außenpolitisch in Moskau bestimmt, innenpolitische in Berlin, dort von einem kleinen Machtzentrum im Politbüro. Wer sich also allen Ernstes einbildete, durch Mitgliedschaft in der SED oder gar einer Blockpartei etwas am bestehendes System ändern zu können, kann nur als grenzenlos naiv oder karrierebewußt eingestuft werden. Oder er war von System DDR überzeugt. (Soll es auch gegeben haben) Wenn Herr Tillich nun behauptet, im Jahre 1987 das System
    noch nicht durchschaut zu haben und sich 1989 !!!, dem Jahr der Wende sogar
    noch als Kandidat für die "Volkswahlen" auf der "Gemeinsamen Liste" aufstellen ließ, da fehlen einem wirklich die Worte. 1989 war das Jahr der Wende, Ausreisen, Proteste gegen Wahlfälschung usw. Gorbatschows Perestroika war schon mehrere Jahre das Thema zu Veränderung der Situation in den Ostblockländern und Herr Tillich marschiert noch munter an der Seite der
    Honecker-SED. Einfach unglaublich.

  7. Eben. Ich habe ja bewusst die Arbeit der DDR Parteien nicht gewertet. Die Tatsachen waren 1989 bekannt!
    Darüberhinaus ist aus meinem Demokratieverständniss heraus jeder anzuerkennen der eine Position bezieht und sie vertritt, alles andere ist indifferent.

    Antwort auf "Das sehe ich anders"
  8. versuchen dürfen ertwas richtig zu stellen was im Kommentar von der Autotin m.E. historisch nicht richtig dargestellt wurde. "Häme" sollte mir dabei nicht unterstellt werden.
    Herr T. hat seine offizielle Biographie im Internet (www.stanislaw-tillich.de) immer noch nicht korrekt dargestellt.Er arbeitete danach in der Verwaltung des Kreises.
    Postbote, Pförtner oder was?
    Als ein Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Kreises war Herr T. Entscheidungsträger des DDR Regimes und nicht irgendein DDR Bürger der sich angepasst hatte. Auch bei den Grenztruppen diente man nicht gezwungenermaßen, sondern der SED Staat setzte in solche Leute schon Vertrauen.
    Man konnte es auch ablehnen bei den Grenztruppen zu dienen. Ich hab es selbst gemacht.
    Mich stört an der ganzen Sache die Unehrlichkeit und das eben Entscheidungsträger
    des SED Staates heute von unseren Steuergeldern leben können und Regierungsverantwortung haben. Hätt mir das einer 1989 gesagt ich wär ausgewandert.
    Jeder Unterstufenlehrer, der weiter arbeiten wollte mußte sich einer teilweise
    erniedrigenden Befragungsprozedur unterziehen... Herr T. wird Ministerpräsident
    von Sachsen. Seilschaften???

    Selbstbewußtsein braucht der Mensch.

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