Neue Musik "Künstler sollen politisch sein"

Erkki-Sven Tüür ist einer der interessantesten Komponisten der Gegenwart. Ein Gespräch über sein neues Violakonzert und die gesellschaftliche Relevanz zeitgenössischer Musik

ZEIT ONLINE: Herr Tüür, gerade wurde Ihr Konzert für Bratsche in Dänemark uraufgeführt. Es trägt den Untertitel Illuminatio. Was soll das bedeuten?

Erkki-Sven Tüür: Ich wähle sehr gerne Titel für meine Kompositionen aus, die eine vielschichtige Bedeutung in sich tragen und die nicht zu wortgetreu genommen werden sollten. Dieser Titel handelt einfach vom Licht und seinen verschiedenen Farben in immer wechselnden Brechungen. Klang und Dramaturgie der Komposition spiegeln das Erreichen einer neuen Bewusstseinsstufe, also gleichsam eine Erleuchtung.

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ZEIT ONLINE: Bratschenkonzerte sind recht selten. Wie haben Sie sich dem Instrument angenähert?

Tüür: Zur Zeit der Komposition habe ich mir eine Viola ausgeliehen, um herauszufinden, welche klanglichen und harmonischen Möglichkeiten dieses Instrument bietet. Manchmal habe ich einfach nur eine leere Saite auf der Bratsche gespielt, um in ihren Klang hineinzufinden. Das war fast wie eine Mantra-Übung oder Meditation.

ZEIT ONLINE: Wie erleben Sie den Kompositions- und Schaffensprozess? Haben Sie vorher ein Bild der gesamten Komposition im Kopf oder gestaltet sich das Werk im Laufe der Niederschrift?

Tüür: Beides, weil ich ein formales Konzept habe und ich diese Bilder sehr oft visualisiere. Bevor ich anfange zu komponieren, fertige ich zunächst abstrakte Zeichnungen und Grafiken an, noch keine Noten. Und wenn ich dann komponiere und mit Noten arbeite, ist es ein sehr organischer Prozess. Dabei kann sich sogar das gesamte Bild verändern. Aber für den Beginn des Kompositionsprozesses brauche ich diese Vorstellung, ein abstraktes Bild von dem, was da entstehen soll.

ZEIT ONLINE: Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Tüür: Natürlich Johann Sebastian Bach und Gustav Mahler. Und wenn ich noch weiter zurückgehe, dann sind es Gregorianische Gesänge, die große Inspirationsquellen für mein melodisches Denken darstellten. Von den Gegenwartskomponisten, besonders von Ligeti, habe ich eine ganze Menge gelernt und auf meine Weise weiterentwickelt. Eine Zeit lang war ich auch vom amerikanischen Minimalismus beeinflusst, aber heute ist dieser Einfluss nicht mehr in meiner Musik zu hören.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sich als avantgardistischen Künstler bezeichnen?

Tüür: Nein. Ich bin auch kein Postmodernist. Das klingt mir zu sehr nach anything goes und Schubladendenken. Ich folge meiner natürlichen Leidenschaft und glaube, spätestens mit dem Stück Oxymoron meinen eigenen Stil gefunden zu haben.

ZEIT ONLINE: Kann Musik heute noch stilbildend wirken wie damals zur Zeit der Neuen Wiener Schule?

Tüür: Ich denke nicht. Wir leben in einer Zeit des Pluralismus mit vielen ideologischen Strömungen. Eine führende Ideologie, die als die einzige angesehen werden kann, gibt es heute nicht mehr. Sicherlich hat die spektrale Schule eine Menge getan, um die Qualität des Klanges wichtiger werden zu lassen. Ich denke, dies war die letzte Strömung, zusammen mit dem amerikanischen Minimalismus, die ein wirklich neues Level erreicht hat. Und sicherlich haben neue Technologien auch eine Menge neuer Möglichkeiten geschaffen. Aber es gibt momentan so viele verschiedene Schichten in der Neuen Musik, sodass keine Strömung vergleichbar dominant ist wie damals die Wiener Schule.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben Ihre Kompositionsweise als vektoriell. Das klingt sehr nach einem mathematischen Verfahren. Sind Ihre Werke errechnet?

Tüür: Durch das Spiel mit Zahlen habe ich eine theoretische Beschreibungsmöglichkeit für mein musikalisches Denken gefunden. Ich schrieb viele Zwei-, Drei-, Vier- und Mehrfach-Stimmübungen, die auf einer speziellen Reihe von Ziffern basierten, und alle diese Ziffern bezeichneten Intervalle. Gleichzeitig möchte ich jedoch betonen, dass dies für mich kein dogmatischer Weg des Schreibens ist. Innerhalb dieses vektoriellen Systems kann ich mich beim Komponieren sehr frei und intuitiv bewegen.

ZEIT ONLINE: Große Musikkompositionen sind immer auf spezielle Art politisch gewesen. Damit meine ich nicht nur politische Komponisten wie Luigi Nono und Hans Werner Henze. Würden Sie sich als einen politischen Komponisten bezeichnen?

Tüür: Eines meiner Werke, die Oper Wallenberg, ist sogar ein dezidiert politisches Stück. Das Werk handelt von dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der viele Tausende Juden während des Zweiten Weltkriegs gerettet hat und dann anschließend selbst im Netzwerk des sowjetischen Gulags verschwunden ist. Mit dieser Oper habe ich einen sehr klaren politischen Standpunkt bezogen. Ich habe die zwei Regime des Bösen des vergangenen Jahrhunderts damit auf dieselbe Stufe gestellt. Für mich war das ein sehr politischer Akt.

ZEIT ONLINE: Können oder müssen Musikstücke heute noch politische und soziale Botschaften transportieren?

Tüür: Ich denke, die politische Botschaft steckt bei einer Oper wie Wallenberg eher im Libretto und nicht so sehr in der Musik. Rein instrumentale Musik kann, wenn Sie der Komponist nicht in einen speziellen Kontext setzt, nur wenig politisch sein. Dies kann man erreichen, indem man einer Komposition Texte, Manifeste oder Programme zugrunde legt. Arvo Pärt hat dies beispielsweise letztes Jahr getan, als er all seine Aufführungen der ermordeten Journalistin Anna Politkovskaya gewidmet hat. Auf diesem Weg kann auch ein Komponist politisch Stellung beziehen. Meiner Meinung nach sollten Künstler dies auch tun.

ZEIT ONLINE: Es ist heute schwerer als früher, mit klassischer Musik junge Leute zu erreichen. Berührt Sie als Komponist dieses Thema?

Tüür: Es interessiert mich sogar sehr. Ich habe Kinder in der Schule erlebt, die meiner Musik ohne Vorurteile fasziniert zugehört haben. Es ist entscheidend, den Kindern zum richtigen Zeitpunkt diese Welt zu eröffnen. Bei ihnen darf erst gar nicht die Vorstellung aufkommen, klassische Musik käme aus dem Museum. Deshalb müssen wir uns im Bildungsbereich in Zukunft verstärkt für die Klassik einsetzen.

Das Interview führte Burkhard Schäfer

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Leser-Kommentare
    • revm
    • 22.11.2008 um 8:14 Uhr
    1. Tipp

    Zum Thema Kunst und Politik mal J. Ranciere lesen: "Das Unvernehmen" oder "Die Aufteilung des Sinnlichen".

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