Neue Musik "Künstler sollen politisch sein"Seite 3/3

Tüür: Durch das Spiel mit Zahlen habe ich eine theoretische Beschreibungsmöglichkeit für mein musikalisches Denken gefunden. Ich schrieb viele Zwei-, Drei-, Vier- und Mehrfach-Stimmübungen, die auf einer speziellen Reihe von Ziffern basierten, und alle diese Ziffern bezeichneten Intervalle. Gleichzeitig möchte ich jedoch betonen, dass dies für mich kein dogmatischer Weg des Schreibens ist. Innerhalb dieses vektoriellen Systems kann ich mich beim Komponieren sehr frei und intuitiv bewegen.

ZEIT ONLINE: Große Musikkompositionen sind immer auf spezielle Art politisch gewesen. Damit meine ich nicht nur politische Komponisten wie Luigi Nono und Hans Werner Henze. Würden Sie sich als einen politischen Komponisten bezeichnen?

Anzeige

Tüür: Eines meiner Werke, die Oper Wallenberg, ist sogar ein dezidiert politisches Stück. Das Werk handelt von dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der viele Tausende Juden während des Zweiten Weltkriegs gerettet hat und dann anschließend selbst im Netzwerk des sowjetischen Gulags verschwunden ist. Mit dieser Oper habe ich einen sehr klaren politischen Standpunkt bezogen. Ich habe die zwei Regime des Bösen des vergangenen Jahrhunderts damit auf dieselbe Stufe gestellt. Für mich war das ein sehr politischer Akt.

ZEIT ONLINE: Können oder müssen Musikstücke heute noch politische und soziale Botschaften transportieren?

Tüür: Ich denke, die politische Botschaft steckt bei einer Oper wie Wallenberg eher im Libretto und nicht so sehr in der Musik. Rein instrumentale Musik kann, wenn Sie der Komponist nicht in einen speziellen Kontext setzt, nur wenig politisch sein. Dies kann man erreichen, indem man einer Komposition Texte, Manifeste oder Programme zugrunde legt. Arvo Pärt hat dies beispielsweise letztes Jahr getan, als er all seine Aufführungen der ermordeten Journalistin Anna Politkovskaya gewidmet hat. Auf diesem Weg kann auch ein Komponist politisch Stellung beziehen. Meiner Meinung nach sollten Künstler dies auch tun.

ZEIT ONLINE: Es ist heute schwerer als früher, mit klassischer Musik junge Leute zu erreichen. Berührt Sie als Komponist dieses Thema?

Tüür: Es interessiert mich sogar sehr. Ich habe Kinder in der Schule erlebt, die meiner Musik ohne Vorurteile fasziniert zugehört haben. Es ist entscheidend, den Kindern zum richtigen Zeitpunkt diese Welt zu eröffnen. Bei ihnen darf erst gar nicht die Vorstellung aufkommen, klassische Musik käme aus dem Museum. Deshalb müssen wir uns im Bildungsbereich in Zukunft verstärkt für die Klassik einsetzen.

Das Interview führte Burkhard Schäfer

Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Netzradio rund um die Uhr gibt's auf zeit.de/musik »

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.

 
Leser-Kommentare
    • revm
    • 22.11.2008 um 8:14 Uhr
    1. Tipp

    Zum Thema Kunst und Politik mal J. Ranciere lesen: "Das Unvernehmen" oder "Die Aufteilung des Sinnlichen".

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service