Kongo Hilferufe per SMS

Die afrikanische Webseite Ushahidi macht den Krieg im Kongo sichtbar. Per SMS berichten Betroffene über die Gräueltaten. Gründerin Ory Okolloh über ihre Arbeit

Sammelt Hilferufe aus dem Kongo auf ihrer Webseite www.ushahidi.com: die kenianische Aktivistin Ory Okolloh

ZEIT ONLINE: Ushahidi heißt "Zeugenschaft" auf Suaheli. Auf Ihrer Seite www.ushahidi.com rufen Sie Menschen in der Demokratischen Republik Kongo auf, Zeugnis abzulegen über die Kriegsgräuel, die sie erleben. Wie funktioniert das?

Ory Okolloh: Es gibt eine örtliche Telefonnummer, unter der jeder per SMS Bericht erstatten kann. Per Mail kann man uns natürlich auch erreichen, aber nur die wenigsten Kongolesen haben Zugang zum Internet. Auf unserer Seite visualisieren wir diese Berichte, indem wir sie auf einer Karte verorten.

ZEIT ONLINE: Was berichten Ihnen die Menschen?

Okolloh: Wir haben einige Berichte von Tötungen und Plünderungen erhalten. Aber die meisten Meldungen handeln von Flüchtlingen, die Hilfe suchen, und von sexuellen Übergriffen. Das ist ein sehr großes Problem im Kongo. Die Betreiber eines Krankenhauses im Osten haben uns gesagt, dass 80 Prozent aller Frauen, die zu ihnen kommen, in den vergangenen Monaten vergewaltigt worden sind.

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ZEIT ONLINE: Die aktuelle Krise spielt sich im Osten des Landes ab, wo die Rebellengruppen des Tutsi-Generals Laurent Nkunda gegen kongolesische Regierungstruppen kämpfen . Welches Gebiet ist besonders betroffen? 

Okolloh: Fast 100 Prozent aller Vorfälle werden uns aus der Region um die Stadt Goma gemeldet, an der Grenze zu Ruanda.

ZEIT ONLINE: Wie erfahren die Menschen im Kongo von Ihrer Webseite?

Okolloh:
Wir arbeiten viel mit Nichtregierungs- und Hilfsorganisationen vor Ort zusammen. Wir fordern sie auf, die Menschen über Ushahidi zu informieren und die Telefonnummer zu verbreiten. Wir hoffen, dass wir irgendwann eine Telefonnummer bekommen, unter der die Leute kostenlos anrufen können. Viele Kongolesen besitzen zwar ein Handy, haben aber kein Geld zum Telefonieren.

ZEIT ONLINE: Woher wissen Sie, wie glaubwürdig die Informationen sind, die Sie erhalten?

Okolloh: Wir schätzen die Hilfsorganisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, als sehr zuverlässige Quellen ein. Berichte aus der Bevölkerung, die uns glaubwürdig erscheinen, aber nicht offiziell bestätigt sind, nehmen wir auf die Seite, kennzeichnen sie aber als "nicht verifiziert". Außerdem haben wir eine Art "Ranking" eingeführt, bei der unsere User anhand ihrer eigenen Erfahrungen die Glaubwürdigkeit einzelner Meldungen bewerten können. Viele Meldungen sind leider lückenhaft, wir bekommen zum Beispiel häufig unvollständige SMS. Wenn wir auf unsere Rückfragen dann keine Antwort mehr erhalten, können wir sie auch nicht auf die Seite nehmen.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie die Rolle der kongolesischen Medien ein? 

Okolloh: Wir arbeiten vor allem mit dem Sender Radio Okapi zusammen, er ist eine unserer wichtigsten Quellen. Mein persönlicher Eindruck ist, dass man zu wenig von den Kongolesen selbst hört. Selbst wenn man die Berichte auf BBC und CNN sieht, wird immer nur über den Konflikt berichtet, selten kommt ein Einheimischer zu Wort. Viele Menschen sprechen über die Kongolesen, aber die Kongolesen sprechen kaum für sich selbst. Das betrifft mich sehr, und ich hoffe, dass wir das durch unser Projekt ändern können.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Plattformen wie Ushahidi in Zukunft unverzichtbar werden bei der Berichterstattung aus Krisengebieten?

Okolloh: Ich glaube nicht, dass sie die klassischen Medien ersetzen werden, aber sie werden ihnen sicherlich zusätzliche Informationen und Hilfestellungen bieten. Gerade in Gegenden, die medial nicht abgedeckt sind.

ZEIT ONLINE: Was sind Ihre zukünftigen Ziele für Ushahidi?

Okolloh:
Ich hoffe, dass wir ein weltweites Tool aufbauen können, das jeder kostenlos downloaden kann. Es soll vor allem kleineren Organisationen helfen, Informationen zu sammeln und sichtbar zu machen. Und, noch viel wichtiger: Wir wollen die Leute in Krisengebieten in die Lage versetzen, dass sie selbst berichten können, was ihnen geschieht.

ZEIT ONLINE: Was müsste man Ihrer Ansicht nach tun, um die Situation im Kongo zu verbessern?

Okolloh:
Bei dem aktuellen Konflikt geht es vor allem um die Bodenschätze. Es reicht nicht, Friedenstruppen im Kongo zu stationieren und Wahlen abzuhalten, während die Leute weiter schmuggeln und dabei von Hintermännern finanziert werden. Man muss untersuchen, wer diese Rohstoffe kauft und wer die Waffen an die einzelnen Gruppen liefert. Es gibt viele Leute, die großes Interesse daran haben, dass die Kämpfe weitergehen. Weil man in dieser Situation ein Land ausbeuten kann, ohne dass man dafür haftbar gemacht werden kann.

Die Fragen stellte Carolin Ströbele.

 
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    • Quelle ZEIT ONLINE, 26.11.2008
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    • Schlagworte Kongo | SMS | Medien | Laurent Nkunda | Ruanda | Goma
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