Joachim Löw hat seine beeindruckende Leistungsbilanz am Ende des Jahres noch einmal beträchtlich verbessert. Im finalen Länderspiel gegen England setzte der Bundestrainer die Debütanten 20 bis 22 seiner Amtszeit ein, und überhaupt können sich die Zahlen für 2008 sehen lassen: elf Siege bei nur drei Niederlagen, 36 Tore in sechzehn Spielen, dazu Platz zwei bei der Europameisterschaft und Platz eins in der noch laufenden Qualifikation für die WM. "Das Jahr war insgesamt positiv", sagt Löw. Aber es gibt auch eine Wahrheit jenseits dieser Zahlen, und die ist weit weniger beeindruckend. Das Jahr 2008 war wie das abschließende Länderspiel gegen England: Irgendwie wollte es nicht so richtig fluppen.

Nur zweimal in Löws Amtszeit hat man die Nationalelf ähnlich hilflos erlebt wie am Mittwoch in Berlin: bei der 0:3-Niederlage gegen Tschechien vor dreizehn Monaten und im EM-Finale gegen die Spanier, deren spielerische Überlegenheit durch den knappen 1:0-Sieg nur unzureichend dokumentiert wird. Was die Niederlage gegen die Engländer allerdings so besonders macht: Zum ersten Mal unter dem Taktikfuchs Löw unterlagen die Deutschen einer Mannschaft, die nicht individuell besser war, sondern die den besseren Plan hatte.

Fabio Capello hat Löw mit dessen Waffen geschlagen. In nicht einmal einem halben Jahr hat der Trainer aus Italien den Engländern ein System eingebimst, das bereits weitgehend personenunabhängig funktioniert. Von den Ausfällen ihrer Leistungsträger war wenig zu spüren. Bei den Deutschen hingegen geht es wohl doch nicht ohne Michael Ballack und – o Schreck! – Torsten Frings. Die Mannschaft schien in ihrer Entwicklung schon mal weiter zu sein, auch in ihrer Emanzipation von den übermächtigen Führungsfiguren Ballack und Frings.

Joachim Löw ist gerade an einem kritischen Punkt angelangt. Er hat zuletzt auffallend oft auf seine Autorität gepocht, aber sein hohes Ansehen in der Mannschaft gründet nicht auf starken Worten, es ist seiner fußballerischen Kompetenz entsprungen. Löws Königsspiel war das 2:1 in Tschechien im März 2007, es verlief genau nach Plan – nach Löws Plan. In solche Höhen aber ist die Mannschaft seitdem nie wieder vorgestoßen, vor allem nicht bei der EM. Der Platzierung nach war die Europameisterschaft ein Erfolg, gemessen an den eigenen Ansprüchen und der zuvor bewiesenen Potenz war sie es nicht.

Der Bundestrainer muss jetzt wieder zu sich selbst zurückfinden. Er muss sich neu positionieren als akribischer Taktiktüftler, wieder unbequem werden, auch sich selbst gegenüber. Denn ob Löws Amtszeit einmal als erfolgreiche in die Geschichte des deutschen Fußballs eingeht, entscheidet nicht die Zahl der Debütanten. Erich Ribbeck hat als Bundestrainer in zwei Jahren 25 Neulinge eingesetzt.