18. Oktober 1977: Während die GSG 9 in Mogadischu die "Landshut" stürmt, redet Helmut Schmidt im Kanzlerbungalow mit ein paar Intellektuellen. Unter ihnen ist der Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Frisch sagt sinngemäß, dass es zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit immer eine Kluft gebe. Das müsse man aushalten.

Das habe seine Stimmung getroffen, sagt der Alt-Bundeskanzler in Matthias von Guntens Filmporträt Max Frisch. Citoyen, das derzeit in diversen deutschen Städten zu sehen ist. Schmidt wusste sehr wohl, dass die eingeladenen Intellektuellen anders über den Terrorismus dachten. Deswegen hatte er sie ja zu sich gebeten. Warum werden Moralisten zu Mördern, was sind die Gründe, fragte Frisch wenig später.

Was für eine Verschränkung von Blindheit und Einsicht: Als sie miteinander redeten, wusste Frisch so wenig wie die anderen Gäste, was in Mogadischu gerade geschah. Man kann sich denken, wie es in Helmut Schmidt aussah. Im Gegensatz zu seinen Gesprächspartnern hat er, der Politiker, "sich in Schuld verstrickt", wie er sagt. Es geht nicht anders.

Noch deutlicher wird der ehemalige Außenminister Henry Kissinger im Film. Wenn ein Intellektueller sich irre, dann sage er einfach, "sorry, ich schreibe ein neues Buch". Ein policy-maker könne das nicht. Kissinger hält viele Intellektuelle für Zyniker.

Dennoch wollte er Frisch unbedingt hören. Kissinger hatte Frischs Roman Stiller gelesen, er empfing den Autor kurz nach der amerikanischen Invasion in Kambodscha im Mai 1970. Kissinger war der Experte, schrieb Frisch, er dagegen habe sich als Laie gefühlt. Aber er war ein Experte fürs Fragen. Keiner konnte besser fragen als er.

Sagen wir es so: Die Macht hatte sich damals etwas vom Geist erhofft. Nicht zuletzt, weil die Macht nicht ohne Geist war, und der Geist nicht ohne Macht. Was war das also für ein gewaltiges Reich, aus dem Frisch kam? Nun ja, eigentlich war es ein Kleinstaat von 41.000 Quadratkilometern. Aber eben dieser Kleinstaat ließ ihn groß werden. Frisch hat die Schweiz als Thema erfunden, sagt sein Freund, der Schriftsteller Peter Bichsel.