Belletristik Keine Liebe, viel Sex

Das Kuba der "neuen Welt": Die aktuellen Romane von Leonardo Padura und Pedro Juan Gutiérrez zeigen das Land als trostlose, kaputte Heimat

Leonardo PaduraDer Nebel von GesternAus dem kubanischen Spanisch von Hans Joachim HartsteinBelletristikUnionsverlagZürich200819,90Pedro Juan GutiérrezKein bisschen LiebeAus dem kubanischen Spanisch von Luis RubyBelletristikHoffmann und CampeHamburg19,90

Mario Conde läuft durch Havanna und erkennt es nicht wieder – die Stadt, dessen literarische Wahrnehmung er wie keine andere Romanfigur geprägt hat. Leonardo Paduras Held in Der Nebel von gestern wurde schon in vorigen Romanen mit den Schattenseiten der kubanischen Gesellschaft konfrontiert. Es ist die Zeit um 1989. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen. Hochrangige Politiker Kubas waren in Drogengeschäfte verwickelt.

Paduras Kommissar Mario Conde wusste der entmutigenden Wirklichkeit mit einer gut bewährten Kombination aus Rum, Schmerzmitteln und einer chinesischen Heilsalbe entgegenzutreten, vor allem aber mit seinem unverkennbaren, ironischen Humor, der ihm zu Recht die Gunst des internationalen Publikums sicherte.

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Conde war immer ein Fremder in der Welt der Polizei, aber nie in Havanna: Er pflegte eine tiefe seelische und körperliche Beziehung zu dieser Stadt, zu ihren Gerüchen, ihren Winden, ihrem Verfall, den Erinnerungen, die sie bewahrt.

In Paduras neuem Roman Der Nebel von gestern sind es eben diese Erinnerungen, die Conde darüber hinweghelfen, dass er sich in der ihn umgebenden Welt eskalierender Gewalttätigkeit, trister Prostitution und immer ausgefallenerer Drogen nicht mehr zurechtfindet. Der Ermittler hat seinen alten Beruf an den Nagel gehängt und ist Antiquar geworden.

Seinen Spürsinn hat er nicht verloren. Als ihm ein Zeitungsartikel über die Bolerosängerin Violeta del Río in die Hände fällt, die Ende der fünfziger Jahre plötzlich aus dem Showgeschäft verschwand, erwacht sein Interesse. Er bringt den Fall mit einem aktuellen Mordfall in Verbindung und trifft sich mit alten Bekannten der Sängerin.

Seine Nachforschungen über das überbordende Nachtleben im vorrevolutionären Havanna sind nicht das eigentlich Interessante an diesem Roman. Vielmehr ist es Mario Condes Selbstverortung in der Gegenwart des neuen Jahrtausends:  Während seiner Recherchen im alten Stadtviertel Atarés gerät er in eine apokalyptische Welt der Gewalt und des materiellen Überlebenskampfes. Während der Melancholiker Mario Conde sich mühsam an alten Freunden und Erinnerungen an eine glückliche Jugend festhält, zählt in der „neuen“ Welt nur das Geschäft. Die jüngere Generation hat sich einem Pragmatismus verschrieben, den El Conde weder erträgt noch durchschaut.

Leonardo Padura, der Zeit seines Lebens in Havanna gelebt hat, gibt offen zu, dass dieses Unverständnis sein eigenes sei. Er gehört einer Generation an, die im revolutionären Kuba aufgewachsen ist – im Revolutionsjahr 1959 war er vier Jahre alt. Obwohl sich in den neunziger Jahren die Lebensbedingungen in seiner sozialistischen Heimat radikal verschlechterten, ist Paduras Beteiligung am Revolutionsprozess, seine Bindung an diese Zeit, in seiner Literatur präsent geblieben.

Der Realität des neuen Jahrtausends, versucht er beizukommen, indem er Mario Conde den Compagnon Yoyi El Palomo an die Seite stellt.  Der 27-Jährige steht der idealistischen Lebensphilosophie seines Geschäftspartners verständnis- bis fassungslos gegenüber. „El Palomo“ bezeichnet im Spanischen sowohl die männliche Taube als auch eine Geste im Stierkampf. Bei Padura ist El Palomo derjenige, der alle Gesichter des modernen Lebenskampfes kennt, aber trotz seines Rufs als „Raubvogel mit sechs Klauen an jedem Fuß“ letztlich doch die Krumen von der Straße pickt.

Liest man die zweite kubanische Neuerscheinung, glaubt man, einen Autor der jüngeren Generation vor sich zu haben. Pedro Juan Gutiérrez schildert in Kein bisschen Liebe mit großer Prägnanz genau die Welt, als deren Botschafter Paduras El Palomo fungiert. Tatsächlich ist Gutiérrez, 1950 geboren, der Ältere der beiden Autoren. Er geht an die aktuelle kubanische Lebenswirklichkeit ganz anders heran als Padura, weil er die unterschiedlichen Lebenshaltungen nicht unterschiedlichen Generationen zuschreibt.

Wenn Gutiérrez kaputte Leben zur Schau stellt, hat darin zwar auch das Überspitzte, Tabubrecherische seinen Platz. Das, was seiner Literatur Bedeutung verleiht, ist aber nicht das Extreme, sondern die Atmosphäre des Alltäglichen, die sich wie ein Grauschleier durch alles hindurchzieht. Gutiérrez’ Ich-Erzähler hat sich aus Havanna zurückgezogen, um etwas Ruhe zu finden.

Er empfindet die Zustände um sich herum als genau so desaströs wie Paduras Held, reagiert darauf aber wenig sentimental: „Ich fühlte in mir eine abstoßende Mischung aus Gewalttätigkeit, Aggressivität, Lüsternheit, Sadismus, Verlangen nach Alkohol. Aber ich fühlte auch, dass mein Herz härter wurde. Jeden Tag, immer mehr. Das war, was ich haben wollte: ein Herz aus Stein.“ So sehr er sich dieses steinerne Herz wünschen mag, so sehr leidet er darunter, nicht darüber zu verfügen.

In einem Telefongespräch erzählt ihm die Frau, dass sie kurz zuvor Zwillinge abgetrieben hat. Gutiérrez entwirft in der darauffolgenden Szene einen seltsam grausamen Gefühlsmix, ohne dass über Gefühle gesprochen wird. Stattdessen bietet sein Erzähler der Frau auf eine grotesk ans Liebevolle grenzende Weise Geld an, um wieder zu Kräften zu kommen. Er selbst sucht die Gesellschaft seiner Mutter, die er dann doch nicht erträgt.

In seinen lapidaren Schilderungen, die manchmal an Raymond Carvers Kurzgeschichten erinnern, ist all die Trostlosigkeit, die emotionale Ausweglosigkeit, der Pragmatismus, die Erschöpfung, die Fixierung auf das Sexuelle enthalten, die bei Padura angedeutet bleibt. Sex ist das „Ventil für das Leben im Chaos“ schreibt Padura, und wer Gutiérrez liest, spürt, was damit gemeint ist.
 

 
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