Belletristik Keine Liebe, viel SexSeite 2/2
Der Realität des neuen Jahrtausends, versucht er beizukommen, indem er Mario Conde den Compagnon Yoyi El Palomo an die Seite stellt. Der 27-Jährige steht der idealistischen Lebensphilosophie seines Geschäftspartners verständnis- bis fassungslos gegenüber. „El Palomo“ bezeichnet im Spanischen sowohl die männliche Taube als auch eine Geste im Stierkampf. Bei Padura ist El Palomo derjenige, der alle Gesichter des modernen Lebenskampfes kennt, aber trotz seines Rufs als „Raubvogel mit sechs Klauen an jedem Fuß“ letztlich doch die Krumen von der Straße pickt.
Liest man die zweite kubanische Neuerscheinung, glaubt man, einen Autor der jüngeren Generation vor sich zu haben. Pedro Juan Gutiérrez schildert in Kein bisschen Liebe mit großer Prägnanz genau die Welt, als deren Botschafter Paduras El Palomo fungiert. Tatsächlich ist Gutiérrez, 1950 geboren, der Ältere der beiden Autoren. Er geht an die aktuelle kubanische Lebenswirklichkeit ganz anders heran als Padura, weil er die unterschiedlichen Lebenshaltungen nicht unterschiedlichen Generationen zuschreibt.
Wenn Gutiérrez kaputte Leben zur Schau stellt, hat darin zwar auch das Überspitzte, Tabubrecherische seinen Platz. Das, was seiner Literatur Bedeutung verleiht, ist aber nicht das Extreme, sondern die Atmosphäre des Alltäglichen, die sich wie ein Grauschleier durch alles hindurchzieht. Gutiérrez’ Ich-Erzähler hat sich aus Havanna zurückgezogen, um etwas Ruhe zu finden.
Er empfindet die Zustände um sich herum als genau so desaströs wie Paduras Held, reagiert darauf aber wenig sentimental: „Ich fühlte in mir eine abstoßende Mischung aus Gewalttätigkeit, Aggressivität, Lüsternheit, Sadismus, Verlangen nach Alkohol. Aber ich fühlte auch, dass mein Herz härter wurde. Jeden Tag, immer mehr. Das war, was ich haben wollte: ein Herz aus Stein.“ So sehr er sich dieses steinerne Herz wünschen mag, so sehr leidet er darunter, nicht darüber zu verfügen.
In einem Telefongespräch erzählt ihm die Frau, dass sie kurz zuvor Zwillinge abgetrieben hat. Gutiérrez entwirft in der darauffolgenden Szene einen seltsam grausamen Gefühlsmix, ohne dass über Gefühle gesprochen wird. Stattdessen bietet sein Erzähler der Frau auf eine grotesk ans Liebevolle grenzende Weise Geld an, um wieder zu Kräften zu kommen. Er selbst sucht die Gesellschaft seiner Mutter, die er dann doch nicht erträgt.
In seinen lapidaren Schilderungen, die manchmal an Raymond Carvers Kurzgeschichten erinnern, ist all die Trostlosigkeit, die emotionale Ausweglosigkeit, der Pragmatismus, die Erschöpfung, die Fixierung auf das Sexuelle enthalten, die bei Padura angedeutet bleibt. Sex ist das „Ventil für das Leben im Chaos“ schreibt Padura, und wer Gutiérrez liest, spürt, was damit gemeint ist.
- Datum 27.11.2008 - 09:30 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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