Pop in Berlin Widerhall der Großstadt

Musiker aus der ganzen Welt kommen in die Hauptstadt, um in den Hörfunkstudios der ehemaligen DDR ihre Alben aufzunehmen. Wir haben The Rakes aus London dorthin begleitet

The Rakes fangen den Berliner Klang ein

The Rakes fangen den Berliner Klang ein

Am S-Bahn-Ring verblasst der Berliner Metropolenglanz. Die Quartiere jenseits des Ostkreuzes sind weiße Flecken auf den Hipsterlandkarten der Stadtmagazine. Und doch gibt es einen funkelnden Punkt am unteren Lauf der Spree in Richtung Treptow, zwischen Hochspannungsleitungen und vereinzelten Schrebergartenkolonien. Eine der letzen Zeitkapseln Berlins liegt hier verborgen: die ehemaligen Hörfunkstudios der DDR. Weitläufige Aufnahmekammern voller Geschichte aus Klangsedimenten.

"Dieses Studio ist besonders. Ich empfinde es als einzigartig", sagt Chris Zane, in ein verlebtes Sofa gesunken. Der New Yorker Produzent arbeitet hier gerade mit The Rakes, einer englischen Band der zweiten Reihe. Ihr Pech war es, zu einer Zeit zu debütieren, als Bloc Party bereits einen Standard für rhythmisch-flackernden Indierock gesetzt hatten. Ihr erstes Album Capture/Release stieg 2005 bis auf Platz 32 der britischen Hitliste. Große Aufmerksamkeit konnten The Rakes hernach leider nicht erregen. Es folgten weitere Singles und das Album Ten New Messages (2007)

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Gerade spielen sie die letzten Takte ihres noch namenlosen dritten Albums ein. Aufgenommen in den Ostberliner Studios, von einem amerikanischen Produzenten abgemischt. Die Gruppe strebt offensichtlich nach Erneuerung.

Am Eingang steht auf dem grauen Fernsprecher noch die Durchwahl zur Volkspolizei. Darüber mit Edding geschrieben: Planet Roc. Das junge Studio hat sich in einer Parzelle des Riesenkomplexes eingemietet. Hier haben Phoenix ihr letztes Album in einem Raum ganz ohne Echo aufgenommen. Im Boden kann man große Platten entfernen, unter denen Kies liegt. Türen führen ins Nichts. Früher wurden in diesen Hallen Hörspiele produziert.

Der Aufnahmeraum ist ein Hybrid aus nagelneuer Technologie und uraltem Gerät, das nur für diese Studios gebaut und auch nur hier eingesetzt wurde. Ein Nirwana für Klangfetischisten. Durch Panoramascheiben blickt man in die holzvertäfelten Kammern. Eine große, geschwungene Treppe führt zu einer Galerie mit historischem Schlagwerk. Über allem thront ein gezeichneter Marc Bolan.

Es gehe ihnen nicht um einen clubkompatiblen Einheitsklang, sagt Alan Donohoe, der Sänger der Rakes. "Es gibt einen schmalen Grat zwischen Tradition und Entwicklung. Du willst immer an der Spitze eines zeitgenössischen Sounds sein, ohne aber in postmodernes Chaos zu versinken."

Im Fluchtraum des ehemaligen Hörfunkgeländes sei die Arbeit deutlich konzentrierter als bei vorherigen Produktionen. Das zweite Album sei unzusammenhängend produziert worden, erzählt Donohoe. "Wir haben in vier verschiedenen Studios aufgenommen. Diesmal ging es uns um Kohärenz, darum, einen durchgängigen Sound zu erschaffen." Und der Gitarrist Matthew Swinnerton ergänzt: "Wir wollten völlig im Produktionsprozess aufgehen."

Die Musiker wohnen in einem Friedrichshainer Hostel abseits der weitläufigen Karl-Marx-Allee. "Berlin bietet so viel Freiraum", schwärmt Swinnerton. "Die Geschichte scheint hier noch nicht abgeschlossen zu sein. Es gibt unglaublich viele Kontraste." Diese Sinnlichkeit übertrage sich auf die Arbeit. "Ich will, dass unser Album wie die Stadt klingt, in der wir arbeiten."

"Berlin ist eine merkwürdige Stadt", ergänzt Chris Zane, "sie verbindet eine dunkle Geschichte mit unglaublicher Technologie und einem Übermaß an Natur". Offenbar erweckt diese Mischung eine seltsame Sehnsucht unter englischen und amerikanischen Künstlern. Denn das Berliner Exil hat Tradition. Es verheißt Kunstfreiheit, offene Räume und lange Nächte in abgerockten Kreuzberger Kellerbars – die Favoriten der Rakes sind Absteigen mit zwielichtigen Namen wie Trinkteufel oder Luzia Bar.

Es ist das Berlin der Achtziger, die Zeit von Lou Reed, David Bowie, Iggy Pop und deutschem Avantgarde Wave, die Jahrzehnte später vibriert. Die Hörfunkstudios im Osten funktionieren wie ein Echoraum, in dem die Historie leise, doch hörbar nachhallt.

In einer Aufnahmepause sitzt Alan Donohoe mit seinem Laptop in einem schmutzigen Treppenhaus mit Blick auf die Spree. An der Wand klebt das Poster eines Russ-Meyer-Films, Black Snake von 1972. Der Werbespruch heißt: "Ein aufregend gemachter Reißer, der unter die Haut geht." In dieser geschichtsträchtigen und doch zeitlosen Umgebung wirkt er wie ein ironischer Kommentar auf den ewig jungen Pop, der hier im ehemaligen Grenzgebiet, zwischen Stein und Holz, in Klang fixiert wird.

Das neue Album von The Rakes wird im Frühjahr 2009 veröffentlicht.  

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Leser-Kommentare
  1. die die welt nicht braucht und welche die wohl zu viel geld von der plattenfirma bekommen hat um es auszugeben, für sowas dämliches wie den "berliner klang". wer sich das mal wieder ausgedacht hat, nur um sich toll zu fühlen wenn englisch sprachige bands nach deutschland kommen (bzw. nach berlin). das ist genauso wenn die kinder von popstars nach mallorca fliegen, weil man da besser tanzen kann.

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