DDR-Vergangenheit

Die CDU und der vergessene Pakt mit dem Teufel

Die Debatte um die Geschichte der Ost-CDU war auf dem CDU-Parteitag nur eine Randnotiz. Der eigentliche Skandal aber ist ihr Verhalten in den Wendejahren. Ein Kommentar

Man hätte es sich denken können. Die Debatte in Stuttgart verlief in geordneten Bahnen, ein kritischer Antrag des CDU-Kreisverbandes Halle setzte sich nicht durch. Angenommen wurde nur eine Ergänzung der ursprünglichen Vorlage: Die CDU hat in der SED-Diktatur mitgewirkt. Das muss reichen.

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Doch die Verteidigungsrede des Ost-CDUlers Niedergesäß offenbarte die ganze Arroganz einer Partei, die nicht daran erinnert werden will, Fehler gemacht zu haben – auch über das Jahr 1989 hinaus. Denn was Niedergesäß da vor dem Parteitag so lebensweltlich darlegte, erlebt man auf jedem Parteitag der Linken: die Verteidigung des Alltags in der DDR vor der Geschichte – und vor den ignoranten Westdeutschen.

Würde man das Agieren der CDU in der Wendezeit und danach ausklammern, könnte man das – zumal als Ostdeutscher – vielleicht noch verstehen. Doch neben den wahrscheinlich gar nicht so gravierenden Verfehlungen einiger "Blockflöten" zu DDR-Zeiten ist es gerade das Verhalten der Union nach 1989 gewesen, dass ihre Vergangenheit so abstoßend macht

Spricht man mit ostdeutschen Sozialdemokraten, merkt man noch immer, wie frisch die Wunden des Wendeherbstes sind. Da hatten sich lange Zeit in der DDR-Opposition aktive Widerständler zusammengetan und als Erste der SED ganz offen die Stirn geboten. Sie waren es, die im Oktober 1989 den Alleinherrschaftsanspruch der SED für obsolet erklärten. Sie gründeten mit der SDP die erste Partei, die 1989 über die Bereitschaft zum Dialog hinaus bereit waren, am Ende der DDR politische Verantwortung für einen grundlegenden Wandel zu übernehmen.

Aber genau jene aufrechten Pastoren, Naturwissenschaftler und in der DDR Ausgegrenzten wurden von der CDU schon 1989 in die Nähe der SED gerückt. Welch perfides Schmierentheater angesichts der Tatsache, dass die Ost-CDU zu der Zeit noch immer eine staatstragende, in euphemistischen Worten „mitwirkende“ Partei war. Die Wahlfälschungen im Mai 1989 und die Gewalt auf dem Pekinger Platz des himmlischen Friedens riefen ebenso wenig den Protest der in der DDR-CDU versammelten angeblichen inneren Oppositionellen hervor, wie die brutalen Reaktionen der Staatsmacht gegen die wirklichen protestierenden Oppositionellen in Ostberlin und der restlichen DDR.

Ein weiterer Höhepunkt der Ausfälle der „mitwirkenden Blockpartei“ kam, als es diese offiziell schon gar nicht mehr gab: Die CDU machte massiv Front gegen die SPD und setzte im Wahlkampf des Winters 1989/90 wider besseren Wissens SED/PDS und SPD gleich. Die Sozialdemokraten würden, so die Verlautbarungen, gemeinsame Sache machen mit den Kommunisten. Getreu dem Motto: Wer sich schon 1946 mit der KPD eingelassen habe, werde dies 1990 wieder tun. Kein Wort von Zwangsvereinigung oder ermordeten Sozialdemokraten.

Doch damit nicht genug. Denn überdies verhinderte diese Frühform der Rote-Socken-Kampagne den Zugang vieler SED-Reformer zur Sozialdemokratie. (Die indes – auch das gehört zu deren Geschichte – lehnte die SEDler vielfach vielfach ebenfalls ab.) Unter dem Druck der Kohlschen Wahlkampfmaschinerie war eine solche Diskussion aber ohnehin kaum mehr möglich.

Mit der Neuauflage der Kampagne 1994 vermochte es die CDU dann, die PDS im Osten Deutschlands zur veritablen Verteidigungsgröße gegen christdemokratische Geschichtshegemonie zu machen. Bis heute ist man bei der Linkspartei dankbar für diese kostenlose Aufbauhilfe durch die Kohl-CDU.

Und noch ein weiterer Punkt zeigte die Respektlosigkeit der CDU vor der wahren Geschichte der DDR und jenen aufrechten Männern und Frauen, die es 1989 wagten, gegen den SED-Staat aufzustehen: Laut Niedergesäß habe er selbst erlebt, dass bei den „sogenannten Bürgerrechtlern“, wie er die Mitglieder von Bündnis90 nannte, neben Blockflöten sogar SED-Mitglieder vertreten waren

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Leser-Kommentare

  1. Welterbe, WOBA-Verkauf mit strengem Geruch nach politischer Korruption und die bezahlte Koalition der offenen Hände, das sind Sternstunden der Machtverkommenheit christdemokratischer Heuchler in Stadt und Land. Wenn wir heute Politikverdrossenheit zu Recht beklagen, dann ist es dieser schwarze Filz von Machtbesessenheit und politischer Korruption, der viele Wähler abstößt und ihnen 19 Jahre nach der Wende zunehmend die Sinnlosigkeit demokratischer Teilnahme vor Augen führt. Jeder kann sehen, was hinter der angeblich bürgerlichen Fassade dieser Pharisäher stattfindet, der Weg von der Gemeinnützigkeit zum gemeinen Eigennutz. Die Sächsische CDU ist eine straff geführte Kaderpartei, deren Selbstverständnis darin besteht, macht- und medienpolitsche Schlüsselpositionen im Freistaat zu besetzen. Unter diesem Schutzschirm von parteipolitisch agierender Justiz und einem Gefälligkeitsjournalismus, wie man ihn in keiner freien Gesellschaft mehr antrifft, laufen die vielfältigen Sächsischen Skandale ab, Ministerpräsidenten und Oberbürgermeister purzeln nacheinander: Ministerpräsident Biedenkopf, Milbradt, Oberbürgermeister Wagner, Roßberg... und jetzt Tillich, Danke Herr Nolle!!!

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    Sehr schön kommentiert. Ist Balsam für meine angeknackste politische Seele. CDU und ihre "Genossen" waren schon seit Gründung der BRD, gut genug bekannt, für finanzielle Diskrepanzen, Unebenheiten, Parteienspendenaffären und ehrenhalber Verschwiegenheit.

    Nach deutscher Gesetzgebung, ob dieser Morcheleien, eindeutig ein Strafbestand.

    Aber wie sagt man so schön? "Wer schreibt, der bleibt".

    Dann sollte man die vielen Blockflöten der SED nie vergessen, deren einst unsere hochverehrte Frau Merkel, als führende Sekrätärin in der FDJ einst tätig war.

    Viele Grüße von Harry!

  2. Nach lesen des Artikels komme ich zu der Ansicht, dass überall, wo Diktaturen überwunden wurden, nicht die Helden des Widerstands sondern die Maulhelden des Widerstands die Macht in die Hand nehmen. So kann man eine Diktatur weder in Europa noch in z.B. Südamerika wirklich aufarbeiten. (Meine Meinung)
    Der dennoch optimistische Jesús

    • 03.12.2008 um 15:42 Uhr
    • ibm

    haben sich eben die westlichen mit den östlichen Opportunisten vereinigt. Insofern ist wirklich zusammengewachsen was zusammengehört: nämlich SED - Hofschranzen mit Helmut Kohl - Hofschranzen.

  3. Nachdem bereits Hans Filbinger von Ministerpräsident Oettinger postum zum Wiederstandskämpfer gegen die NS-Diktatur umgewidmet wurde, wundert es nicht, dass sich die CDU nun im Osten eine kollektive Opferbiografie andichtet. Das Geschichtsbild dieser Partei ist infantil. Unwillig und unfähig im eigenen Handeln Fehler zu entdecken, kann die CDU Verantwortung für gesellschaftliche Verwerfungen und für begangenes Unrecht ausschließlich bei Anderen feststellen. Mit diesem Unfehlbarkeitsanspruch macht Andrea Merkel und ihre CDU der Linken von Gysi und Lafontaine das eigentliche Erbe der SED streitig.

    • 03.12.2008 um 16:21 Uhr
    • TDU

    Natürlich war damals die SED im Blickpunkt und die SPD hatte ihre Abgrenzungsschwierigkeiten. Wäre die CDU an der Macht gesen, natürlich bei entsprechender Zugehörigkeit zu einem rechten Ostblock, wäre das nicht anders gewesen. Vielleicht gäbe dann die Partei "die Rechte".

    Aber gut, wenn anspruchsvolle Zeitungen nicht nur berichten, sondern den ganzen Komplex, der doch wohl in die Geschichtsbücher gehört, kampagnenfähig machen wollen, bitte schön. Irgendwo wird schon darüber zu lesen sein, was die Parteien beabsichtigen, wenn sie gewählt werden, also über relevante prorammatische Inhalte.

  4. Sehr schön kommentiert. Ist Balsam für meine angeknackste politische Seele. CDU und ihre "Genossen" waren schon seit Gründung der BRD, gut genug bekannt, für finanzielle Diskrepanzen, Unebenheiten, Parteienspendenaffären und ehrenhalber Verschwiegenheit.

    Nach deutscher Gesetzgebung, ob dieser Morcheleien, eindeutig ein Strafbestand.

    Aber wie sagt man so schön? "Wer schreibt, der bleibt".

    Dann sollte man die vielen Blockflöten der SED nie vergessen, deren einst unsere hochverehrte Frau Merkel, als führende Sekrätärin in der FDJ einst tätig war.

    Viele Grüße von Harry!

    Antwort auf "Die CDU in Sachsen"
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    Schauen sie bitte bei:

    http://www.karl-nolle.de/...

  5. Schauen sie bitte bei:

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  6. Das Erbe der CDU? Nach dem 2. Weltkrieg waren es massenhaft ehemalige Nazis, die die Entnazifizierung auf oft unerklärliche Weise überstanden und als bloße Mitläufer eingestuft wurden. Das gilt auch für den Lieblingskoalitionspartner der CDU, die FDP.
    Nach der Wende waren plötzlich die Blockflöten der Ost-CDU wahre Widerstandskämpfer. Schon erstaunlich, dass die Presse, die der PDS bzw. heute der Linken lauthals bei jeder sich bietenden Gelegenheit die SED-Vergangenheit vorwirft, sich nun, fast 20 Jahre nach der Wende daran erinnert, dass auch die Ost-CDU SED Erbe ist. Nicht nur Tillich ist einer der aktiven Ex-SEDler in der CDU.
    Auch die Weste der Kanzlerin ist nicht lupenrein, die es immer von einer Verantwortlichen für Jugendpropaganda zur Kanzlerin in diesem Staat gebracht hat. Ob an den Geschichten über IM Erika etwas Wahres ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ausschließen möchte ich es auch nicht.
    Aus meiner Sicht ist nicht die DDR-Vergangenheit der maßgebliche Punkt, sondern die Flexibilität, mit der diese Damen und Herren die Seiten gewechselt haben, Hauptsache, Macht und Vorteile sind damit verbunden.
    Da stellt sich nur noch eine Frage: Wann erkennt der deutsche Bürger endlich das Ausmaß der Heuchelei, die sich quer durch ausnahmslos alle Bundestags-Parteien zieht?

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  • Von Michael Lühmann
  • Datum 9.12.2008 - 16:25 Uhr
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