Weltaidstag HIV im Alter

Moderne Medikamente helfen HIV-Infizierten zwar dabei, mit ihrer Krankheit zu leben und alt zu werden. Die Pflegeangebote für Betroffene reichen jedoch kaum aus

Derzeit leben nach Schätzungen des Robert Koch Instituts (RKI) zwischen 60.000 und 67.000 HIV-Positive Menschen in Deutschland. Die Zahl der jährlichen Neu-Infektionen ist seit Beginn des Jahrtausends merklich gewachsen: Schwankte der Wert in den neunziger Jahren noch um eine Marke von 2000, stieg er in den folgenden Jahren bis 2007 auf rund 3000 an. Momentan scheint sich der Wert auf diesem Niveau stabilisiert zu haben, ob es dabei bleiben wird, ist unklar.

"Diese Zahlen zu den Neuinfektionen in Deutschland liegen zwar im internationalen Vergleich auf einem niedrigen Niveau. Trotzdem dürfen wir im Engagement gegen Aids nicht nachlassen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung, Dr. Christoph Uleer, anlässlich der Pressekonferenz der Stiftung zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember.

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Doch neben der wachsenden Ausbreitung der Erkrankung, sieht man sich bei zuständigen Stellen noch mit einem neuen Problem konfrontiert: der bislang nur unzureichenden Pflegesituation älterer HIV-positiver Menschen.

Mit der Einführung der sogenannten Kombinationstherapie vor zwölf Jahren, hat sich die Lebenserwartung von HIV-Patienten deutlich verlängert. Durch diesen gleichzeitigen Einsatz mehrerer antiretroviraler Medikamente wird zwar keine Heilung erzielt, ein Ausbruch der Aids-Erkrankung jedoch deutlich verzögert, wie Ulrich Kastenbaum, Arzt in einer Münchener HIV-Schwerpunktpraxis, bestätigt: "Dank dieser Therapie kann die Lebenserwartung der Betroffenen der eines gesunden Menschen angenähert werden."

Während die Kombinationstherapie jüngeren Menschen meist ein nahezu normales Leben ermöglicht, haben ältere Patienten und diejenigen, die bereits länger therapiert werden, in der Regel mit Begleiterkrankungen und Nebenwirkungen wie Depressionen, Gelenkbeschwerden und Lebererkrankungen zu kämpfen. Auch über ein vermehrtes Auftreten von Osteoporose und Nierenerkrankungen wird berichtet.

"Ein weiteres Problem könnten bislang nicht bekannte Langzeitnebenwirkungen der Therapie sein, da fehlen uns einfach noch die Erfahrungen", sagt Kastenbaum. Das ziehe auch besondere Anforderungen in der Pflege nach sich.

Die Therapie-Erfolge führen nun zu einer stetig wachsenden Zahl HIV-positiver Menschen mit Pflegebedarf, insbesondere solcher, die älter als 50 sind. Diese fielen aber häufig durchs Raster: "Derzeit müssen in Deutschland etwa zwei Millionen Menschen gepflegt werden. Etwa die Hälfte davon wird in Familien betreut, weitere 500.000 ambulant in ihren Wohnungen. Für HIV-Kranke sind diese Wege meist nicht gangbar", sagt Volker Mertens, Sprecher der Deutschen Aids-Stiftung. Oft fehle die familiäre Anbindung, sodass eine Versorgung durch das primäre soziale Netzwerk nicht möglich sei.

Auch ambulante Pflege komme in vielen Fällen nicht infrage. Häufig könnten Betroffene wegen der Erkrankung nicht mehr arbeiten und lebten deshalb in prekären Wohnsituationen, die eine Versorgung in der eigenen Wohnung nicht möglich macht. "Viele sind sowohl gesundheitlich als auch psychosozial so bedürftig, dass sie einfach nicht mehr allein leben können", berichtet Mertens.

Selbst die Versorgung in einem Pflegeheim sei oft schwierig: "Das sind in der Regel ja Seniorenzentren. Aids-Kranke müssen zum Teil schon ab einem Alter zwischen 40 und 50 gepflegt werden. Da gibt es massive Integrationsprobleme mit den anderen Bewohnern, zumal viele Erkrankte homosexuell sind oder Drogen konsumieren", sagt Mertens. "Es gibt auch immer wieder Fälle, in denen die Pflege völlig unnötigerweise mit Mundschutz und Handschuhen gemacht wird. Das verängstigt die anderen Bewohner und führt zur Isolation der Betroffenen."

Um eine bedarfsgerechte Pflege zu ermöglichen, unterstützt die Deutsche Aids-Stiftung zahlreiche lokale Projekte. Eines davon ist das Berliner Wohnprojekt ZIK - zuhause im Kiez, das 1989 zur Unterstützung Aids-kranker Menschen gegründet wurde. Die gemeinnützige GmbH pflegt nicht nur an HIV erkrankte Menschen, sondern bietet den Betroffenen auch die Möglichkeit, sich sozial zu reintegrieren, und hilft bei der Bewältigung zahlreicher Begleiterkrankungen.

Hier hat man sich bereits vor Jahren auf die neue Situation eingestellt, sagt Martin Hilckmann, Fachlicher Leiter des Projekts. "Anfang der neunziger Jahre war ein Schwerpunkt unserer Arbeit noch die Sterbebegleitung. Das hat sich mit Beginn der Kombinationstherapie geändert." Der Betreuungsbedarf wachse seitdem stetig.

Ein weiteres Anliegen sei es, geeigneten Wohnraum zu vermitteln. Dank enger Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Pflegeteam ist so auch eine ambulante Betreuung Erkrankter in deren Wohnungen möglich. Darüber hinaus verfügt ZIK über sogenannte Pflegeappartments, wo eine intensive psychosoziale Betreuung und pflegerische Versorgung gewährleistet ist.

Die Wohnungsprojekte werden aus öffentlicher Hand finanziert. Für alle weiteren Leistungen ist man auf Spenden angewiesen. Zudem gibt es eine lange Warteliste. Gerne würde man das Angebot ausweiten, es fehlt jedoch an Geld.

Bereits heute besteht ein großer Bedarf an speziellen Pflegeangeboten für HIV-Patienten. Alles deutet jedoch darauf hin, dass sich diese Situation in den kommenden Jahren noch verschärfen wird, wie Mertens sagt: "Momentan gibt es bereits bei mehreren Tausend Betroffenen einen Pflegebedarf. In fünf bis zehn Jahren wird es sich aber bereits um Zehntausende handeln, und diese Zahlen beschreiben nur die untere Grenze eines Trends."

 
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