ZEIT ONLINE: Herr Hein, So wollen wir nicht sterben – Aids in Odessa von 2004 war ihr erster Film über HIV/Aids in der Ukraine. Jetzt wird ihr Film Am Rande auf ARTE gezeigt. Zwei Dokumentationen über dasselbe Thema, warum?

Karsten Hein: Inzwischen verbindet mich sehr viel mit der Ukraine. Die erste Begegnung vor fünf Jahren war erschütternd. Wir stolperten dort in die Lebenssituationen der Drogenabhängigen, der Aids- und Tuberkulose-Kranken. In Odessa spricht man von den Abfällen der Gesellschaft! Der erste Film basierte auf unserem Schock über die Zustände. Im zweiten wollte ich zeigen, womit wir es eigentlich zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Nach Schätzungen der UN und der Weltgesundheitsbehörde sind von den 47 Millionen Menschen in der Ukraine 440.000 mit dem HI-Virus infiziert, darunter 190.000 Frauen. In keinem anderen europäischen Land wächst die Zahl der Infizierten so schnell wie in der Ukraine. Hat sich etwas an dem rasanten Anstieg geändert?

Hein: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen steigt sogar schneller als in den vergangenen Jahren. Dem ukrainischen Gesundheitsministeriums zufolge 2007 um 10 Prozent! Das heißt, die Epidemie breitet sich ungebremst aus. Das ist ein verheerendes Zeugnis für alle bisherigen Präventionsbemühungen.

ZEIT ONLINE: Was wurde falsch gemacht?

Hein: Medizin und Präventionskampagnen stehen auf verlorenem Posten. Man kann die Aids-Epidemie nicht den Spezialisten der Medizin und Entwicklungshilfe überlassen, falls ich die Ursachenkette der Epidemie halbwegs richtig herleite: Gleichgültigkeit, Armut, Tuberkulose, Verwahrlosung und eine epidemische Drogensucht sind zu nennen. Aids breitet sich in der marginalisierten Hochrisikogruppe der Drogenabhängigen weiter aus, bei Prostituierten und Häftlingen und schließlich in der ganzen Bevölkerung. Es bedarf eines gesellschaftlichen Wandels, hin zu einer, sagen wir mal, freundlicheren Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Hat sich seit Ende der Dreharbeiten 2005/2006 von Am Rande an der Situation in der Ukraine etwas verändert?

Hein: Seit der Orangenen Revolution 2004 ist die Regierung im Prinzip bereit, die Situation wahrzunehmen. 2007 hat der Präsident Viktor Juschtschenko ein entsprechendes Dekret erlassen. Gerade haben das deutsche und das ukrainische Gesundheitsministerium in Kiew eine Ausweitung der Partnerschaftsinitiative unterschrieben. Die Menschen sind nach der Revolution selbstbewusster geworden. Sie äußern nun ihre Meinung öffentlich. Diese offenere Haltung spiegelt sich – obgleich nicht übermäßig stark – bis in die Regierung. Im Mai 2007 sagte der ukrainische Gesundheitsminister Jurij Poljatschenko, als er zu Gast bei der EU-Gesundheitsministerkonferenz in Bremen war, dass die Ukraine eine Aids-Epidemie habe, mit der sie allein nicht mehr fertig werde. Um Hilfe zu bitten war ein großer Fortschritt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die soziale Situation in der Ukraine derzeit aus?

Hein: Daran hat sich nichts geändert. Die Bevölkerungsmehrheit lebt in Armut. Es gibt – besonders alte – Menschen, die nichts zu essen haben. Sehr viele Familien sind zerbrochen und daher viele Kinder und Jugendliche ohne Perspektive. Die Gesellschaft ist immer noch sehr hierarchisch und von Brutalität geprägt. Das sind auch alles Gründe dafür, dass so viele, die es können, ihr Land verlassen.