Für die einen sind es wenige Zentimeter, die nicht stören. Für andere ein unhygienisches oder unästhetisches Stück Haut, das sie wegoperieren lassen. Für gläubige Juden und Muslime ist es ein Teil ihres Körpers, der entfernt gehört: die Vorhaut.

Die religiöse Beschneidung von Jungen hat einen Streit zwischen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) und Autoren des Deutschen Ärzteblattes ausgelöst. In dem Aufsatz "Strafrechtliche Konsequenzen auch bei religiöser Begründung" raten die Ärzte Hans-Georg Dietz, Maximilian Stehr und der Jurist Holm Putzke von Beschneidungen ohne medizinische Notwendigkeit ab. Denn die Entfernung der Vorhaut stelle einen "nicht nur unerheblichen Substanzverlust dar, sie ist mithin eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit", bei der sich der Operateur wegen Körperverletzung strafbar machen könne.

Die Befürworter der Beschneidung argumentieren hingegen mit dem Grundrecht auf Religionsfreiheit: "Hier fehlt es an jeglichem Verständnis für religiöse Bedürfnisse, egal welchen Glaubens", sagt Engin Karahan von der IGMG, der 87.000 Mitglieder angehören. Massive Diskriminierung und Bevormundung wirft Karahan den Verfassern des Artikels vor.

Rechtlich finden Beschneidungen im Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit, dem Recht auf körperliche Unversehrtheit und dem elterlichem Erziehungsrecht statt. Sie sind juristisch nicht klar geregelt und wurden bisher kaum thematisiert.

Ulrich Hofmann, Präsident der deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, empfiehlt seinen Kollegen, mit den Erziehungsberechtigten ein ausführliches Aufklärungsgespräch durchzuführen und sich vertraglich abzusichern. Denn vielleicht klagen irgendwann einmal die Beschnittenen gegen die Ärzte.

Eltern, die ihre Söhne auf Krankenschein beschneiden lassen möchten, brauchen ohnehin eine Überweisung vom Arzt. Denn nur die medizinische Indikation ist wirklich gesetzlich erlaubt. Vorhautverengung lautet die Standarddiagnose, die meistens vorgeschoben wird.