Es ist das Buch für alle, die glauben, sie hätten nichts zu verbergen; für alle, die finden, dass Instrumente wie Vorratsdatenspeicherung oder Onlinedurchsuchung sinnvoll sind und schon den Richtigen treffen werden: Little Brother heißt der neue Science-Fiction-Roman des kanadischen Journalisten und Bloggers Cory Doctorow. Wobei die Einordnung eigentlich falsch ist, denn Doctorows Science ist längst keine Fiction mehr.

Doctorow entwirft darin eine Welt, die von unserer nur fünf Minuten entfernt ist, eine Anti-Utopie oder Dystopie, die bereits Realität ist. Marcus Yallow geht auf eine Highschool, spielt gern im Internet Spiele, hat etwas Ahnung von Computern und legt ein bisschen Wert auf Privatsphäre. Er lebt ein ganz normales Leben, bis in Doctorows San Francisco Terroristen einen Anschlag verüben und der Schüler Yallow zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

Weil er in der Nähe des Ground Zero war, und weil der Speicher seines Mobiltelefons durch ein Passwort geschützt ist, wird Yallow vom Heimatschutzministerium festgenommen, als "feindlicher Kämpfer" behandelt und tagelang verhört. Als sie ihn wieder freilassen, stellt er fest, dass die Stadt sich verändert hat. Überall sind neue Überwachungskameras, RFID-Scanner und Autokennzeichenleser installiert, und kein Schritt bleibt mehr unbeobachtet.

All die Überwachungsmethoden, die Doctorow beschreibt, existieren. Auch in Deutschland. Um zu demonstrieren, welche Wirkungen sie auf eine Gesellschaft haben, erhöhte er lediglich ihre Dichte. Mehr nicht.

Ein Beispiel? FasTrak heißt in dem Buch eine Art Mautsystem für die Stadt. Praktisch jeder Autofahrer nutzt es, denn das Bezahlen mit Bargeld ist – nicht ohne Grund – mühsamer und teurer als die Karten mit dem Barcode. Die FasTrak-Karte klemmt man sich hinter die Frontscheibe und fährt los, denn sie wird berührungslos ausgelesen, die Gebühren werden vom Konto abgebucht. Sehr bequem. Doch erlaubt sie den Behörden (nicht nur) in dem Buch eine praktisch lückenlose Kontrolle darüber, wer sich wo aufhält.

Nicht, dass sich jemand dafür interessieren würde, wo sich jeder aufhält. Vielmehr geht es um Profile, um aggregierte Daten. Genauer um die Abweichung von Profilen. Eines der Überwachungsmodelle, die Doctorow in seinem Buch anschaulich erklärt, basiert auf dem Bayes-Theorem. Thomas Bayes war ein britischer Pfarrer des 18. Jahrhunderts, der sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung beschäftigte. Und der einen simplen Weg fand, in großen Datenmengen Auffälligkeiten zu entdecken: Bilde einen Durchschnittswert der Daten, und dann suche nach dem Wert, der am weitesten davon entfernt ist.

Bei Doctorow sucht das Heimatschutzministerium so nach "auffälligen" Bewegungsprofilen, sei es via Auto, oder dank RFID-Fahrscheinen via BART, dem dortigen Nahverkehrssystem. Und auffällig ist alles, was sich vom "normalen" Nutzerverhalten unterscheidet. In Little Brother befragen und überprüfen Polizisten jeden, der ein solches Profil zeigt, um Terroristen, Drogendealer oder Diebe zu finden. Auch wenn sie dazu viele festhalten müssen, die leider gerade nur sehr viel zu tun hatten. Oder gern U-Bahn fahren, oder ...

FasTrak gibt es in Kalifornien wirklich. Übrigens auch in Deutschland. Hier heißt es Toll Collect und betrifft bisher nur Lastwagen. Doch ist das hierzulande längst nicht das einzige System dieser Art. Eine Rasterfahndung funktioniert genauso. Und die ist im Entwurf für das BKA-Gesetz und in den Polizeigesetzen der Länder praktisch ein Standardverfahren.