Indien/PakistanAus Frust kann schnell Krieg werden

Nach den Anschlägen von Mumbai droht ein ernster Konflikt zwischen Neu-Delhi und Islamabad. Amerika muss ihn entschärfen. Sonst könnte es zu einem Flächenbrand kommen von Theo Sommer

Pakistan Indien Terror Armee

Ein pakistanischer Soldat: Droht eine neue Konfrontation zwischen seinem Heimatland und Indien?  |  © ASIF HASSAN/AFP/Getty Images

Seit ihrer Entlassung aus der britischen Kolonialherrschaft vor 60 Jahren haben Indien und Pakistan drei Kriege miteinander geführt: 1947/48, 1965 und 1972. Seit Jahrzehnten stehen sie sich im geteilten Kaschmir Gewehr bei Fuß gegenüber. Vor sieben Jahren marschierten – nach einem Terrorangriff auf das indische Parlament in Neu-Delhi – 700.000 Mann gegeneinander auf; um ein Haar wäre es zwischen den beiden Kernwaffenstaaten zu einem weiteren Waffengang gekommen.

Droht nach den mörderischen Terroranschlägen in Mumbai ein neuer Konflikt zwischen den beiden verfeindeten Nachbarn?

Wie schon bei früheren Terroranschlägen haben die Inder auch jetzt reflexartig anklagend mit dem Finger auf Pakistan gezeigt. Was bisher an Informationen durchgesickert ist, deutet in der Tat darauf hin, dass die Terroristen in Pakistan ausgebildet worden sind – allerdings von der militanten Lashkar-e-Taiba, die sich die Befreiung Kashmirs zum Ziel gesetzt hat, und keineswegs von der Regierung.

Der neue pakistanische Staatspräsident Asif Ali Zardari hat sich jedenfalls eindeutig an die Seite der indischen Führung gestellt: "Ich bin verletzt. Ich blute. Eure Wunde erinnert mich an meine Wunde" – seine Frau Benazir Bhutto war vor einem Jahr einem Attentat zum Opfer gefallen. Er fügte hinzu: "Wir haben dieselben Feinde."

Zardari hat in jüngster Zeit mehrere bedeutsame Schritte auf die Inder zu getan. Er nannte die Dschihadisten in Kaschmir rundheraus "Terroristen", und er versicherte, Pakistan werde in einem Konflikt nie als Erster Atomwaffen einsetzen. Jetzt hat er aktive Mithilfe bei der Aufklärung der Terroranschläge von Mumbai versprochen.

Die Frage ist jedoch, wie weit sein Entgegenkommen auch die Zustimmung des pakistanischen Militärs findet, das in erheblichen Teilen mit den Islamisten sympathisiert.

Verständlicherweise gehen die Wogen der Erregung in Indien hoch. Die im nächsten Mai bevorstehenden Parlamentswahlen verschärfen den Ton zwischen den großen Parteien. Die hinduistische BJP-Partei wirft der amtierenden Congress-Regierung vor, sie sei gegenüber dem Terror auf sträfliche Weise "weich".

Leserkommentare
    • colca
    • 02. Dezember 2008 17:21 Uhr

    Wieso sollen ausgerechnet die USA dazu berufen sein, diesen Konflikt zu entschärfen?
    Hätten die pakistanischen Terroristen ihre Attentate nicht in Mumbai sonder in New York oder Los Angeles verübt, wären die Bomber der USAF schon unterwegs nach Pakistan. So gesehen reagieren die Inder bislang extrem besonnen.
    Das es so bleibt, liegt zuallererst in der Verantwortung der Regierung in Islamabad, die endlich Ordnung im eigenen Land herstellen muss.
    Als Schlichter und Vermittler wäre die UNO gefragt - wo treibt sich eigentlich Ban Ki Moon herum? Diese Rolle an die USA abzutreten - der kriegerischsten Nation unserer Zeit - ist eine ganz schlecht Idee.

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    Weshalb in aller Welt sollen denn ausgerechnet die USA zum Löschen gerufen werden, wo sie doch bis vor kurzer Zeit noch selbst die Schwefelhölzer in der Hand hatten? Die neuerliche Kraft- und Machtlosigkeit der amerikanischen Außenpolitik zeigte sich unter anderem daran, daß die USA bis heute im Nahen Osten, entgegen vollmundiger Ankündigungen, nicht fähig waren, auch nur die "road map" durchzusetzen, geschweige denn einen geostrategischen Plan zur Pazifizierung besitzen, der über den Einsatz von B52-Bombern im Zweifel hinausreicht.

    Außerdem erscheint mir langsam dubios, daß bei jedem Konflikt zuerst einmal nach den Amerikanern gerufen wird, um sich dann im Nachgang über ihre angeblichen Hegemonieambitionen aufzuregen.

    • keox
    • 02. Dezember 2008 19:05 Uhr

    ist so eine Sache. Wie man lesen kann schloß Herr Moon ja eine blumig klingende Vereinbarung mit der Nato, Einsätze der zur UNO-Polizei avancierten Nato werden also zunehmen.

    Allerdings, Rußland ist not amused, China und sehr viele andere Staaten mit Sicherheit auch nicht. Sie alle wurden nie gefragt.

    Das widerspricht allen Regeln der UNO

    Das ist ein verbrecherischer Akt

    Eben

    # Wieso sollen ausgerechnet die USA dazu berufen sein, diesen Konflikt zu entschärfen?

    Einerseits will man die USA nicht übermächtig haben,
    andererseits heulen alle nach den USA, wenn man eigene Konflikte
    nicht mit eigenem Verstand und eigenem Gefühl
    nicht in den Griff bekommt.

    Das sind typische Widersprüche
    einer Welt-Moral.

  1. Weshalb in aller Welt sollen denn ausgerechnet die USA zum Löschen gerufen werden, wo sie doch bis vor kurzer Zeit noch selbst die Schwefelhölzer in der Hand hatten? Die neuerliche Kraft- und Machtlosigkeit der amerikanischen Außenpolitik zeigte sich unter anderem daran, daß die USA bis heute im Nahen Osten, entgegen vollmundiger Ankündigungen, nicht fähig waren, auch nur die "road map" durchzusetzen, geschweige denn einen geostrategischen Plan zur Pazifizierung besitzen, der über den Einsatz von B52-Bombern im Zweifel hinausreicht.

    Außerdem erscheint mir langsam dubios, daß bei jedem Konflikt zuerst einmal nach den Amerikanern gerufen wird, um sich dann im Nachgang über ihre angeblichen Hegemonieambitionen aufzuregen.

    Antwort auf "wieso die USA?"
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    • keox
    • 02. Dezember 2008 19:28 Uhr

    "Die neuerliche Kraft- und Machtlosigkeit der amerikanischen Außenpolitik zeigte sich unter anderem daran, daß die USA bis heute im Nahen Osten, entgegen vollmundiger Ankündigungen, nicht fähig waren, auch nur die "road map" durchzusetzen, geschweige denn einen geostrategischen Plan zur Pazifizierung besitzen, der über den Einsatz von B52-Bombern im Zweifel hinausreicht."

    Ich fühl mich bestens unterhalten.

    Natürlich gibt es geostrategische Überlegungen. Jeder Großbauer stellt sie an.

    Der Denkfehler liegt vermutlich daran, daß man als NormalMensch ein Problem - wenn man es nicht wegschiebt - zu lösen sucht.

    Es gibt nun einmal Probleme, die optimal dadurch gelöst werden, daß man andere Probleme inszeniert, am köcheln hält - ein Problem ist niemals nur ein Problem, es ist immer auch für jemanden sehr nützlich.

    Es gibt da eine wunderbare Schnurre von einem reichen Glasermeister aus Sachsen, der seine Buben, sieben an der Zahl, und seine wunderhübsche Tochter als erstes in der Kunst der Steinschleuder unterwies.

    • föhnix
    • 02. Dezember 2008 17:35 Uhr

    ... ruft Herr Sommer.

    Das Usaland kann ganz toll drohen, bestechen, besetzen, bombardieren, staatsstreicheln und assassinieren. Einzigartig. Virtuos. Eine wahre Weltmacht.

    Aber vermitteln kann das Usaland nicht.

    Das hat geistesgeschichtliche Gründe.

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    Die USA sind in erster Linie deshalb "the mean of last resort", da sie nach dem Ausschluß-Prinzip die einzigen sind, die stets übrigbleiben, wenn es um Konfliktlösung auf einer globalen Skala geht.

    Wer soll's denn auch sonst machen? Die EU? Die findet ja nicht einmal zu einer konzisen, einheitlichen Linie in der Außenpolitik. Die Russen? Deren Konfliktlösungskompetenz durfte man mithin in Georgien bewundern. UN? ASEAN? SAARC? Fehlanzeige, ebenso wie der zahnlose Tiger UN, der wohl auf absehbare Zeit die Rolle der Augsburger Puppenkiste innehat.

  2. Die USA sind in erster Linie deshalb "the mean of last resort", da sie nach dem Ausschluß-Prinzip die einzigen sind, die stets übrigbleiben, wenn es um Konfliktlösung auf einer globalen Skala geht.

    Wer soll's denn auch sonst machen? Die EU? Die findet ja nicht einmal zu einer konzisen, einheitlichen Linie in der Außenpolitik. Die Russen? Deren Konfliktlösungskompetenz durfte man mithin in Georgien bewundern. UN? ASEAN? SAARC? Fehlanzeige, ebenso wie der zahnlose Tiger UN, der wohl auf absehbare Zeit die Rolle der Augsburger Puppenkiste innehat.

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    Tja, leider gibt es keine Feuerwehr.
    Deswegen muss man den Pyromanen zum Feuer löschen schicken. Es gibt ja auch Gegenfeuer bei Waldbränden. Die Hoffnugn stirbt zuletzt.

    Wäre näher dran, kulturell (?) wie räumlich. und schliesslich haben wir uns ja auch um unsere Nachbarn im ehemaligen Jugoslawien gekümmert.

  3. Tja, leider gibt es keine Feuerwehr.
    Deswegen muss man den Pyromanen zum Feuer löschen schicken. Es gibt ja auch Gegenfeuer bei Waldbränden. Die Hoffnugn stirbt zuletzt.

    • keox
    • 02. Dezember 2008 19:05 Uhr

    ist so eine Sache. Wie man lesen kann schloß Herr Moon ja eine blumig klingende Vereinbarung mit der Nato, Einsätze der zur UNO-Polizei avancierten Nato werden also zunehmen.

    Allerdings, Rußland ist not amused, China und sehr viele andere Staaten mit Sicherheit auch nicht. Sie alle wurden nie gefragt.

    Das widerspricht allen Regeln der UNO

    Das ist ein verbrecherischer Akt

    Antwort auf "wieso die USA?"
  4. Wäre näher dran, kulturell (?) wie räumlich. und schliesslich haben wir uns ja auch um unsere Nachbarn im ehemaligen Jugoslawien gekümmert.

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    und zwar im Kaschmirkonflikt. Wenn die sich weiter einmischen würden, wäre bald richtig Feuer unterm "Dach der Welt"

    Gibt es eigentlich schon veröffentlichte Case-studies über die globalen Auswirkungen eines begrenzten thermonuklearen Waffeneinsatzes von Pakistan und Indien?

    Beide haben Nuklearwaffen und wenn der Konflikt eskaliert ist ein Einsatz im Rahmen eines "gegenseitigen Vergeltungsschlages" nicht ausgeschlossen.

    Hoffen wir mal das die Lage sich vorher wieder beruhigt...

    • keox
    • 02. Dezember 2008 19:28 Uhr

    "Die neuerliche Kraft- und Machtlosigkeit der amerikanischen Außenpolitik zeigte sich unter anderem daran, daß die USA bis heute im Nahen Osten, entgegen vollmundiger Ankündigungen, nicht fähig waren, auch nur die "road map" durchzusetzen, geschweige denn einen geostrategischen Plan zur Pazifizierung besitzen, der über den Einsatz von B52-Bombern im Zweifel hinausreicht."

    Ich fühl mich bestens unterhalten.

    Natürlich gibt es geostrategische Überlegungen. Jeder Großbauer stellt sie an.

    Der Denkfehler liegt vermutlich daran, daß man als NormalMensch ein Problem - wenn man es nicht wegschiebt - zu lösen sucht.

    Es gibt nun einmal Probleme, die optimal dadurch gelöst werden, daß man andere Probleme inszeniert, am köcheln hält - ein Problem ist niemals nur ein Problem, es ist immer auch für jemanden sehr nützlich.

    Es gibt da eine wunderbare Schnurre von einem reichen Glasermeister aus Sachsen, der seine Buben, sieben an der Zahl, und seine wunderhübsche Tochter als erstes in der Kunst der Steinschleuder unterwies.

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    Deshalb ist es dem Großen Bruder in Washington auch ganz recht, daß die EU so bleibt, wie sie im Moment ist: Im Zweifel fallen ihre Mitglieder, wie seit zweitausend Jahren üblich und eingeübt, übereinander her und ringen sich am Ende bestenfalls zu Erklärungen mit solchem Minimalwert durch, die keinerlei konkreten Bezug zur Realität mehr haben. In diese Richtung zielte ja auch die Rumsfeld-Aussage damals ("Old Europe") und sie hat ja ihr Ziel durchaus erreicht.

    Die Frage ist natürlich: Wer im Westen kann ein berechtigtes oder verdecktes Interesse daran haben, daß es zwischen Indien und Pakistan scheppert? Für welches Problem ist eine Eskalation dort unten die Lösung? Und kommen Sie jetzt nicht auf die Idee, die Waffen- oder Ölindustrie oder die übrigen notorischen Verdächtigen an die Wand zu stellen.

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