Booker-Preis-Gewinner Aravind Adiga "Indien ist ein gefährliches Land geworden"

Der indische Schriftsteller Aravind Adiga lebt in Mumbai und ist überzeugt: Die indische Regierung hätte die Anschläge auf seine Stadt verhindern können. Ein Interview

Ein indischer Polizist hält Wache vor dem Taj-Mahal-Hotel: Mumbai ist durch die Terror-Welle schwer erschüttert

Als der Schriftsteller und Journalist Aravind Adiga an sein Handy geht, dröhnt im Hintergrund der Stadtverkehr von Mumbai. Zumindest über das Telefon scheint es nicht so, als wäre die Stadt in eine Schockstarre verfallen. Im Interview reflektiert er, wie die Anschläge die Zukunft Mumbais verändern werden.

ZEIT ONLINE: Herr Adiga, wie wird Mumbai diese Terrorwelle verkraften?

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Aravind Adiga: Die Anschläge sind eine traumatische Erfahrung für uns alle. Vor allem der Anschlag auf das Taj-Mahal-Hotel trifft die Bewohner der Stadt sehr, denn es ist nicht nur ein Luxushotel, sondern auch ein Bürgerforum.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die Bewohner der Stadt auf die Attacken?

Adiga: Es wird noch dauern, bis wir die Ereignisse verarbeiten, aber Mumbai hat bereits viele Anschläge überstanden, deshalb ist von Panik keine Spur. 60 Prozent der Menschen hier leben auf der Straße – sie müssen jeden einzelnen Tag ums Überleben kämpfen, ob Anschläge stattfinden oder nicht. Heute ist es bereits ruhiger als am Donnerstag, die Menschen gehen wie jeden Tag zur Arbeit, weil sie ihre Existenz sichern müssen.

ZEIT ONLINE: Was sind die Folgen dieser Anschläge?

Adiga: Vor allem die Freizeitindustrie wird leiden: Die Touristen werden erst einmal wegbleiben. Das ist hart, weil diese Branche eine gewaltige Rolle für die Wirtschaft der Stadt spielt. Dazu ist Mumbai eine Stadt mit einem sehr bunten Nachtleben, dort sind viele Arbeitsplätze entstanden. Doch die Angreifer haben auch Bars und ein Café attackiert. Auch die Einheimischen fürchten sich nun, abends auszugehen.

ZEIT ONLINE: Wer wird für die Anschläge verantwortlich gemacht?

Adiga: Die Regierung hat komplett versagt, Indien ist ein gefährliches Land geworden. Wenn die Berichte stimmen, kamen die Terroristen über den Seeweg. Wo war die Küstenwache? Die Angreifer scheinen gut vernetzt gewesen zu sein, hatten Grundrisspläne der Hotels. Wieso haben die Geheimdienste davon nichts geahnt?

ZEIT ONLINE: Werden sich die Spannungen zwischen Hindus und Muslimen verschärfen?

Adiga: Das ist schwer zu prophezeien. In diesem Jahr gab es auch schon einen Anschlag einer militanten Hindugruppe, deshalb glaube ich, die meisten Inder haben von beiden Extremen die Nase voll. Dies ist ein erstaunlich tolerantes Land, das macht mich sehr froh.

ZEIT ONLINE: Wird sich das Verhältnis zu Pakistan verschlechtern?

Adiga: Nun, zuerst wäre ich vorsichtig mit Schuldzuweisungen der indischen Regierung. Bei solchen Anlässen werden schnell Theorien herausposaunt, die dann eine Woche später verworfen werden und sich einen Monat später als komplett falsch herausstellen.

Fakt ist aber: In Pakistan hat sich die politische und wirtschaftliche Lage in den vergangen Jahren verschlechtert. In vielen Provinzen hat Islamabad Extremismus toleriert und damit ein Frankenstein-Monster geschaffen. Die dortige Regierung muss sich nun viele Frage gefallen lassen.

ZEIT ONLINE: Indien war einer der Aufsteiger der vergangenen Jahre. Ist diese Zeit nun vorbei?

Adiga: Unsere Wirtschaft wächst sowieso langsamer, die Anschläge sind da natürlich alles andere als hilfreich. Am meisten wird dieser Schock allerdings der politischen Klasse Indiens schaden, der die Menschen nun noch weniger vertrauen werden. Mit Recht: Das Establishment ist korrupt und ineffizient, und die Armen im Land zahlen den Preis, indem sie Opfer von Terrorangriffen werden.

Wenn etwas Nützliches hieraus entstehen kann, dann ist es ein Prozess der Selbstfindung. Wir müssen herausfinden, weshalb unsere politischen Strukturen so verkommen sind.

Die Fragen stellte Johannes Kuhn

 
Leser-Kommentare
  1. Das Land Mahatma Gandhis ist ein gefährliches Land geworden. Gandhi ist zur Unabhängigkeitsfeier Indiens nicht hingegangen, weil er meinte, versagt zu haben:

    Eine Trennung in Pakistan und Indien hat er nicht gewollt. Für eine Versöhnung von Hindus, Moslems und Anhängern weiterer Religionen innerhalb eines unabhängigen und geeinten Indiens hat er sein Leben lang im Geiste eines Interkulturellen Humanismus´gekämpft

    Einen "Interkultureller Humanismus für das 21. Jahrhundert"
    im Geiste Mahatma Gandhis, Albert Einsteins und Carl Friedrich von Weizsäcker
    thematisiert für die Weltebene der Beitrag:

    "Interkultureller Humanismus als Hoffnung für das 21. Jahrhundert":

    http://www.sonnenseite.co...

  2. Falls Herr Aravind Agida an

    "The Prospects of Intercultural Humanism in the 21st Century"

    im Geiste Mahatma Gandhis, Albert Einsteins und Carl Friedrich von Weizsäckers
    interessiert sein sollte:

    "The seven social sins of humanity (Mahatma Gandhi ):

    1. wealth without work
    2. pleasure without conscience
    3. knowledge without character
    4. commerce without morality
    5. science without humanity
    6. worship without sacrifice
    7. politics without principles"

    "Dear Mr. Gandhi,
    Whilst your friend is residing in our house, I should like to take this opportunity to send you these lines. You have shown the world that it is possible to solve seemingly insurmountable problems without the use of violence even between those who renounce violence themselves. We hope that your example will have an effect far beyond the borders of your country and contribute to decisions being made at an international level, the implementation of which must be guaranteed by all concerned. With my utmost admiration,

    yours Albert Einstein"


    "I have an idea, a dream, that in a thousand years, there will be a human race which can even recognize something of its own history. Of all the people in our century, who will be most positively remembered? One would have to say that it was Mahatma Gandhi who showed how to achieve political targets without violence.

    Carl Friedrich von Weizsäcker"

    gibt es den Beitrag zum "Intercultural Humanism" auch in englischer Sprache im Netz:

    http://www.sonnenseite.co...

  3. In der Sea Lounge des Taj fand ich mal neben Otto Graf Lambsdorff - in der Tat begenen sich dort die Eliten aller Herren Länder. Tolle Geschäfte gibt es dort auch. Sowas ein "Bürgerforum" zu nennen, zeugt allerdings von einem gewissen Wirklichkeitsverlust.

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    es waren eben die wohlhabenden Bürger gemeint. Ist ja genau genommen keine Lüge, auch wenn es jeder anders deutet. Das nenne ich suggestiven Journalismus!

    es waren eben die wohlhabenden Bürger gemeint. Ist ja genau genommen keine Lüge, auch wenn es jeder anders deutet. Das nenne ich suggestiven Journalismus!

  4. es waren eben die wohlhabenden Bürger gemeint. Ist ja genau genommen keine Lüge, auch wenn es jeder anders deutet. Das nenne ich suggestiven Journalismus!

    Antwort auf ""Bürgerforum" Taj?"

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