Elektronische Musik Mehr als Bumm-Bumm

Jeff Mills könnte der DJ der Zukunft sein. In seinen Werken verbindet er Clubkultur, Science-Fiction und digitale Kunst. Er lässt sogar Techno von einem Orchester spielen

Barcelona, Innenstadt. In einem Schaufenster steht Jeff Mills hinter drei Plattenspielern. Passanten beobachten ihn im Vorbeigehen, einige bleiben stehen. Er arbeitet unbeeindruckt weiter, legt in rasendem Tempo eine Schallplatte nach der anderen auf den Teller. Laute Techno-Musik dröhnt auf die Straße. Ein paar Fußgänger beginnen zu tanzen. "Wir sind die Schaufensterpuppen", singt die Gruppe Kraftwerk aus den Boxen.

Jeff Mills ist einer der besten DJs der Welt. Mit seinen konzeptionell durchdachten Produktionen für die Detroiter Plattenfirma Underground Resistance und seinem eigenen Label Axis Recordings hat er die elektronische Musik der vergangenen 15 Jahre entscheidend beeinflusst. Er ist eine Schlüsselfigur des Techno.

Anzeige

Seine Arbeiten ragen seit Ende der achtziger Jahre weit über den Club-Kontext hinaus. Sie vermitteln einen Eindruck der Möglichkeiten, die elektronische Musik als intermediale Schnittstelle zwischen Performance und digitaler Kunst zukünftig einnehmen könnte. Mills ist eine futuristische Künstlerpersönlichkeit, der Man from Tomorrow, wie eines seiner Stücke besagt.

"How to create your own future"  heißt das Leitmotiv seiner Arbeit. Mills geht es um einen universalen Klang, der sich ständig erneuert und zukunftsweisende Strömungen aufnimmt. Die Begriffe Fortschritt und Zukunft tauchen in seinem Werk immer wieder auf. Techno erscheint als ein theoretisches Denkmodell, in dem Jeff Mills mediale Entwicklungen thematisiert.

Meist sind seine Fragestellungen recht abstrakt: Das Stück Imagine beschreibt den Moment der ersten Sinneswahrnehmung eines Kindes, Gamma Player soll die täglichen Risiken menschlicher Existenz verdeutlichen. Doch Mills hat auch Humor. Zeitreisen, Außerirdische, unbekannte Planeten – mit subtilen Zitaten schreibt er Science-Fiction in die Musik. Im Sommer hat er mit seinen alten Weggefährten Robert Hood und Mike Banks unter dem Namen X-102 eine neue Platte veröffentlicht. Sie erkundet die Ringstruktur des Saturns.

Mills’ Musik beschränkt sich nicht auf die Party oder den Rave. Die Zuschreibung Techno vermeidet er. Er spricht lieber von Kompositionen. Minimalistische Klänge werden im Laufe der Spielzeit abstrahiert und dekonstruiert. Stücke wie Time Out Of Mind oder Solarized wirken wie freischwebende Tonskulpturen.

Seine DJ-Sets sind beeindruckende Klangkollagen. Mills mischt schneller als sein Schatten, vor einigen Jahren wurden Fotografien seiner Hände in Berlin ausgestellt. Oft spielt er die einzelnen Platten nur für eine halbe Sekunde an. Das Vinyl legt er bisweilen schräg auf den Plattenteller. Der Tonarm gleicht sich der Unregelmäßigkeit an, so lassen sich die Sounds zusätzlich modifizieren. Ebenso bedeutend wie die Auswahl der richtigen Stücke zum richtigen Zeitpunkt sind das handwerkliche Geschick und die motorische Kunstfertigkeitdes DJs.

Wenn Jeff Mills auflegt, gleicht das einer Performance. Er formt das Klangmaterial mit seinen Mitteln, manipuliert Rhythmus, Laufgeschwindigkeit, Frequenz. Seine Gastspiele sind Happenings, bei denen sich das Publikum begeistert um die Kanzel schart und ihm auf die Finger guckt. So wird der DJ zum Anschauungsobjekt, der Club zum Ausstellungsraum.

Immer wieder sucht Mills die Verbindung zu anderen Kunstgattungen. Er hat mit Fotografen, Regisseuren und Tänzern gearbeitet. Die wichtigen Impulse kommen jedoch aus dem Medium Film. Im Jahr 2000 komponierte er eine neue Musik zu Fritz Langs Stummfilm-Klassiker Metropolis. Es folgten Soundtracks zu Ridley Scotts Blade Runner und Buster Keatons Stummfilm-Komödie Three Ages.

Blue Potential heißt sein Projekt, das Techno und Klassik mehrdimensional miteinander verstrickt. Gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester von Montpellier hat Jeff Mills seine Kompositionen an der Weltkulturerbestätte Pont du Garde uraufgeführt. Das Orchester nimmt in diesem Zusammenhang eine neue Funktion ein. Bläser und Streicher spielen Techno, das Publikum tanzt ausgelassen dazu vor antiker Kulisse.

Und worum geht es hier? Mills erklärt das Blue-Potential-Konzept als Spiegelung der Sterne im Wasser. Dieses Bild vermittele eine Ahnung von den Möglichkeiten des menschlichen Zusammenlebens. Das Geheimnis liege als "blaues Potenzial" im Kosmos verborgen. Mit Hilfe zukunftsweisender Musik und ihrer künstlerischen Darstellung könne dieses Potenzial erschlossen werden, sagt er.

"Rediscovers The Rings Of Saturn" von X-102 ist bei Tresor erschienen. Die DVD "Blue Potential – Live With Montpellier Philharmonic Orchestra" von Jeff Mills wurde ebenfalls von Tresor veröffentlicht.

Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Netzradio rund um die Uhr gibt's auf zeit.de/musik »

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.

 
Leser-Kommentare
    • nabu
    • 28.11.2008 um 16:05 Uhr

    Ich hätte von Ihrer Musikredaktion durchaus etwas mehr Professionalität erwartet.
    Das Album "Blue Potential" ist bereits seit 2006 auf dem Markt,inklusive der dazugehörigen DVD. Das aktuelle Full CD Album von Jeff Mills heißt "Gamma Player Compilation Vol 1: The Universe By Night",ist jedoch auch schon seit Januar erhältlich.

    Inhaltlich,kann ,ja muss ich mich Ihnen anschließen. Jeff Mills ist einer der wenigen standhaften Visionäre im Bereich der elektronischen Musik,der stets das neue sucht und auch findet.

    In diesem Sinne,hätte ich mich 2006 über so eine Kritik gefreut :)

  1. Freier Autor

    Lieber nabu,

    der Fehler wurde bereits erkannt und ausgebessert. Wenn Sie es ganz genau nehmen wollen, ist die neueste VÖ die 12'' "Time Mechanics 2 Eternity" auf Tomorrow. So tief ins Universum wollen (und können) wir hier aber nicht vordringen...

    MfG

    • nabu
    • 28.11.2008 um 16:24 Uhr

    Ich danke für die Ausbesserung. Meinerseits kann ich sagen,ich habe in meinem Kommentar geschrieben aktuelle Full CD, nicht 12" :)

    Das dieser Bericht für unkennende Menschen ,natürlich ein Anreiz sein soll,sich Jeff Mills evtl mal zu Gemüte führen, ist mir klar.

    Nichts desto trotz,ist gerade Blue Potential eines seiner Meisterwerke,das altbekannte Club Klassiker in einem absolut neuem Gewand darstellt.

    Trotzdem,vielen Dank für die kleine Korrektur.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service