Jugendliche und MedienOnline trifft man sich

Aufs Internet wollen Jugendliche nicht mehr verzichten. Doch mit den Gefahren gehen sie teilweise naiv um. Interview mit Thomas Rathgeb, Autor der JIM-Studie von 

Die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (MPFS) ermittelt seit 1998 jedes Jahr das Medien- und Freizeitverhalten von Jugendlichen. Sie befragt repräsentativ 12 bis 19-Jährige und wurde in allen Schultypen und Schichten und gleichermaßen unter Jungen und Mädchen in ganz Deutschland durchgeführt. Der Sozialwissenschaftler Thomas Rathgeb ist Mitautor der Studie und Leiter der Geschäftsstelle des MPFS.

ZEIT ONLINE: Herr Rathgeb, welches Medium bedeutet den Jugendlichen 2008 am meisten?

Thomas Rathgeb: Wir haben danach gefragt, auf welches Medium die Jugendlichen am wenigsten verzichten könnten. Die Antwort lautete mehrheitlich: aufs Internet. Inzwischen gibt es mehr Computer in den Kinderzimmern als Fernseher. Jeder zweite Jugendliche hat einen eigenen. So gut wie alle Jugendlichen haben einen Zugang zum Internet. Die meisten gehen regelmäßig, das heißt mehrmals in der Woche online. Das gilt sowohl für Mädchen als auch für Jungen, für Gymnasiasten wie für Hauptschüler. Sie schauen zwar noch etwa genauso häufig fern wie sie den Computer nutzen, aber das Internet bedeutet ihnen mehr.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich Mädchen und Jungen?

Rathgeb: Über die Inhalte. Jungen und Mädchen schauen etwa gleich viel fern. Doch die Mädchen sehen eher Vorabendserien, die Jungen mehr Sport und Zeichentrickfilme zum Beispiel. Der größte Unterschied findet sich nach wie vor darin, wie Mädchen und Jungen mit Computerspielen umgehen. Egal ob es um Konsolen- oder Online-Spiele geht: Für Mädchen sind sie nicht so interessant. Es gibt zwar inzwischen viel mehr Spiele für Mädchen, und die Zahlen ändern sich insofern, dass Mädchen auch mehr Spielkonsolen besitzen. Doch sie nutzen sie zu einem deutlich geringeren Anteil als Jungen.

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ZEIT ONLINE: Welche Präferenzen haben gebildete und weniger privilegierte Jugendliche?

Rathgeb: Auch hier zeigt sich der Unterschied besonders in der Spielenutzung. Je geringer der Bildungshintergrund ist, umso mehr Konsolenspiele werden gespielt. Jugendliche mit geringerer formaler Bildung haben auch häufiger eine Spielkonsole als Gymnasiasten. Außerdem werden Filme auf Video und DVD in bildungsfernen Szenen mehr geschaut. Trotzdem kann man nicht davon ausgehen, dass Hauptschüler weniger kreativ mit Medien umgehen als Gymnasiasten. Sie bearbeiten zum Beispiel ihre Musik häufiger am PC als die gebildeteren Jugendlichen.

ZEIT ONLINE: Was wollen Jugendliche im Internet? Spiele? Information? Filme? Freunde treffen?

Rathgeb: Die Hälfte ihrer Aktivitäten ist Kommunikation, erst danach folgen zu etwa gleichen Teilen Spiele, Informationen und Unterhaltung. Zu Letzterem gehört Musik hören, Videos anschauen und Ähnliches.

Interessanterweise findet man hier weniger Unterschiede zwischen den Bildungsschichten als zwischen Mädchen und Jungen. Denn Mädchen sind stärker in den Communitys, also den sozialen Netzwerken, vertreten wie Facebook, MySpace oder SchülerVZ als die Jungen. Sie chatten auch mehr vor allem über den Instant Messenger, der eine sehr starke Anziehungskraft für Jugendliche hat.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig sind den Jugendlichen insgesamt die sozialen Netzwerke wie SchülerVZ?

Rathgeb: Es gibt da wiederum eine Spaltung zwischen den Bildungsgruppen. Netzwerke wie SchülerVZ werden von deutlich mehr Gymnasiasten genutzt: Diese halten sich dort mindestens mehrmals die Woche auf. Bereits 21 Prozent der Jugendlichen sind täglich dort, um sich mit Freunden auszutauschen, neue zu finden oder auszuprobieren, wer man sein will. In den Chats sind wiederum mehr Jugendliche mit geringerem Bildungshintergrund vertreten.

ZEIT ONLINE: Welche Art Information suchen Jugendliche im Internet? Hintergründe, um ein Referat für die Schule vorzubereiten, oder die News zur Boygroup?

Rathgeb: All das - aber nicht nur das. Das Internet bietet eine ungeheure Informationsfülle: von der Boygroup über Nachrichtenportale, Sportergebnisse, Wikipedia und Berufsberatung. Diese Bandbreite findet zu einem großen Teil auch unter Jugendlichen Interesse. Grundsätzlich gilt: Je höher die Bildung desto mehr werden Informationen genutzt. In vielen Schulen bekommen schon 12-Jährige als Hausaufgabe auf, etwas im Netz zu recherchieren. In Schulfragen sind die Mädchen aktiver. Ansonsten sind die Jungen etwas stärker auf Informationssuche, das kann sich um Sportergebnisse, News über die aktuellen Stars oder neue Spiele drehen. Aber das aktuelle Weltgeschehen spielt ebenfalls eine große Rolle.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es mit den Befürchtungen vieler Erwachsener aus? Ersetzt Internet- und Handykommunikation allmählich das persönliche Treffen? Oder klassische Aktivitäten von Jugendlichen wie Sportvereine oder Musikkurse?

Rathgeb: Zwar kommunizieren die meisten Jugendlichen regelmäßig über das Internet und über SMS. Sie setzen die verschiedenen Medien intensiv ein. Aber das geschieht zusätzlich zu den Verabredungen im wirklichen Leben. Die sind nicht verdrängt worden. Als wichtigste Möglichkeit, sich auszutauschen, nennen 91 Prozent den persönlichen Kontakt ­ und nur 5 Prozent das Internet. Die Bedürfnisse der Jugendlichen haben sich kaum verändert, nur sind neue Kanäle hinzugekommen. Man bestätigt die Verabredung per SMS, aber das Treffen steht weiterhin im Zentrum des Interesses.

ZEIT ONLINE: Wie stark sind Jugendliche von den Gefahren des Internets betroffen? Und wie gut können sie damit umgehen? Zum Beispiel mit Mobbing und Belästigungen in Foren, Chats oder Communitys?

Rathgeb: Wir haben noch eine zweite, mehr qualitative, allerdings nicht repräsentative Studie (JIM plus) durchgeführt. Darin bestätigt ein Viertel der Jugendlichen, dass in ihrem Bekanntenkreis schon einmal jemand in einer Online-Community fertig gemacht wurde. Über Handys geschieht das weniger. Eher noch in Chats. Laut JIM-Studie haben immerhin 13 Prozent der Chat-Nutzer mit Unbekannten schon einmal unangenehme Erfahrungen gemacht. Explizit nach sexueller Belästigung haben wir jedoch nicht gefragt.

ZEIT ONLINE: Und wie verantwortungsvoll gehen Jugendliche mit ihren persönlichen Daten um?

Rathgeb: Drei Viertel stellen persönliche Informationen online: Das sind zunächst ganz harmlos ihre Hobbys und Vorlieben. Doch immerhin 60 Prozent stellen Fotos von sich selbst und fast die Hälfte von Freunden und Familie ins Netz. 40 Prozent veröffentlichen ihre Instant Messenger-Adresse, die eigentlich nur für gute Freunde gedacht ist und sogar 26 Prozent ihre E-Mail-Adresse. Das ist sehr unbedarft und hat übrigens nichts mit dem Bildungshintergrund zu tun. Da die Gymnasiasten stärker vertreten sind in den Communitys, sind es gerade sie, die ihre Daten hergeben. Die Hälfte der Jugendlichen wurde in Chats schon nach persönlichen Kontakt-Daten gefragt, und immerhin 20 Prozent der Nutzer haben schon einmal Leute im wahren Leben getroffen, die sie in Chats kennengelernt haben.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es aus mit gewalttätigen Computerspielen?

Leserkommentare
    • KMurx
    • 28. November 2008 22:45 Uhr
    1. Hmm...

    < zitat >
    Grundsätzlich konnten wir feststellen, dass es umso seltener Regeln gab, je älter die Spieler wurden, was nur bei den volljährigen Jugendlichen einzusehen ist. Denn einige Spiele ohne Jugendfreigabe sind auch für ältere Jugendliche problematisch, und der Zugang zu diesen Spielen wird für diese Jugendliche leichter.
    < ende zitat >
    Tatsaechlich?

    Man sollte also dem 16 jaehrigen Jugendlichen, der mittlerweile den Fuehrerschein machen darf, Alkohol legal kaufen darf, ev. (war zumindest bei mir so) ein eigenes Einkommen hat, vielleicht gar die Schule abgeschlossen vorschreiben was er auf seinem Comouter spielen darf oder nicht?

    Hm. Etwas weltfremd, der Gute!

    Bis zu einem Alter von 14, 15 Jahren moegen solche Regeln ja noch einigermassen sinnvoll sein, aber danach macht man sich als Elternteil doch laecherlich!

    • Hagane
    • 29. November 2008 11:15 Uhr

    Es bleibt ein Lieblingsthema, früher war es HeavyMetal oder der böse Videorekorder mit seinen Horrorfilmen, nun eben der PC bzw. die Spielekonsole.

    Da profilieren sich selbsternannte Experten (z.B. der unsägliche Herr Pfeiffer) und Politiker gleichermaßen und fordern das Verbot der Raubmord-Vergewaltigungs-Terroristen-Großgangster-Kleinkrimineller-Spiele. Aber im Grunde haben Sie null Ahnung von einem Medium das inzwischen die Filmindustrie im Umsatz abgehängt hat. Und während Filme wie "Saw" im Supermarkt an der Kasse liegen, sind die Eltern offenbar überfordert den roten "Ab 18"-Sticker auf einer Spieleverpackung zu interpretieren.

    Ergebniss ist, daß ich als über 30-jähriger mein Geld im Ausland lassen darf, da Spiele die klipp und klar für 18-Jährige sind, hierzulande entweder A) nicht erscheinen oder B) geschnitten werden.

    Alkohol, Pornos, und Zigaretten sind auch erst ab 18, trotzdem kommen offenbar Kinder und Jugendliche da recht problemlos dran. Aber keiner fordert ein Verbot dieser Dinge... Da wird zum Beispiel beim Alkohol auf Selbstverantwortung gesetzt und sowieso ist ein Bierchen ja kein Problem, sowas bekommt man dann von Leuten wie Beckstein gesagt.

    Wenn man nun mal mal die Zahl vor Augen hält, daß bei rund 20% der Gewaltätigkeiten bei Jugendlichen Alkohol mit im Spiel ist, der hat wiedermal einen weiteren Baustein des Verlogenheitsgebäude unserer Politiker in der Hand.

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  • Schlagworte Medien | Jugendliche | Computerspiel | Berufsberatung | Boygroup | Chat
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