Die letzten Jahre seines Lebens saß Béla Hamvas in einer Hütte und schrieb. Draußen lärmte die Baustelle eines Kraftwerks in der Stadt Szentendre, ungarische Provinz, Budapest weit weg. Auf Hamvas Schreibtisch stapelten sich Manuskripte, Schubladen quollen längst über. Nachts arbeitete er an seinem Roman-Epos, mehr als 1500 Seiten. Tagsüber versteckte er es im Bettkasten.

Der Gelehrte durfte bereits nichts mehr veröffentlichen. In der Zeit bis 1948 hatte Hamvas als Geschichtsphilosoph, Bibliothekar und Soziologe in Budapest mehrere hundert Aufsätze und Schriften veröffentlicht und wurde zur intellektuellen Gefahr für die Kulturpolitik unter dem Ästhetikfürsten Georg Lukács. Hamvas' Buch Revolution in der Kunst  war ein Angriff auf sozialistische Dogmen. Er musste aufs Land ziehen, seine Familie ließ er in Budapest zurück.

Heute zählt Hamvas zu den meistgelesenen Schriftstellern Ungarns. Sein Hauptwerk Karneval verkaufte sich dort seit dessen Erscheinen 1985 mehr als vierzigtausend Mal. Zuvor wurde es nur im Geheimen weitergereicht. Vier Exemplare, von Freunden abgetippt, kurze Auszüge. Die Seiten 310 bis 618 lagen in den Wohnungen der Budapester Intelligenzija herum. Samisdat hieß diese Art des Veröffentlichen. Das war Karneval nach Hamvas Vorstellung.

In Westeuropa ist Hamvas bis heute nahezu unbekannt, sein literarisches Schaffen jedoch ohne Zweifel ein Jahrhundertwerk. Verlage scheuen trotzdem die Veröffentlichung. Eine Künstlergruppe um den in Hamburg lebenden Filmemacher Gabor Altorjay versucht seit Jahren die Übersetzung des Karneval voranzutreiben durch Internetprojekte und irrwitzige Leseperformances

Karneval beginnt als Familienroman, beschreibt die Entwicklung seiner Hauptperson Mihàly Bormester. Der eigentlich aber nicht Mihàly Bormester ist. In den 328 auftretenden Romanfiguren kann er sich jedoch selbst erkennen. Ein schwieriges Unterfangen, denn dieser Bormester hat sich ganz zu Beginn schon verdoppelt. Er konnte sich in den Kriegswirren nicht so recht entscheiden, ob er an der  Nord- oder Südfront kämpfen will. So entwindet sich die scheinbar reale Welt auch immer mehr jeglicher Logik. Mihàlys Welt ist Karneval, ein Maskenball, "eine Arche Noah der menschlichen Eigenschaften".

Seine Identitätssuche weitet sich auf alle fünf Kontinente aus. Ein reifgeklopftes Lebensschicksal als Sinnbild des verwirrenden 20.Jahrhunderts. Gleichzeitig spricht der vertauschte Mihàly zur Hauptperson als Stimme aus dem Off. Während der eine Mihàly ein asketisches, leidvolles Leben in Russland und China durchmacht, fröhnt der andere einem sinnlichen voller dunkler Geschäfte. In Amerika.